Berliner Festspiele

Ulrich Eckhardt - der stille Intendant wird 80

Ulrich Eckhardt gab den Berliner Festspielen ihre Größe, fast drei Jahrzehnte lang hat er sie geleitet. Heute wird der Kulturmanager und leidenschaftliche Musiker 80 Jahre alt.

Foto: Massimo Rodari

Ulrich Eckhardt war im Dezember 1972 vor die Kameras der SFB-„Abendschau“ getreten: „Eine sehr wichtige Aufgabe der Festspiele ist, den Dialog mit den sozialistischen Ländern aufzunehmen“, erklärte der neue Intendant der Berliner Festspiele. Das war ein Paukenschlag. Galt das 1951 gegründete Festival bis dahin als „Schaufenster des Westens“, das in üppigen Auslagen die westliche Kultur präsentierte, baute der neue Chef sein Haus nach und nach zu einer Ideenwerkstatt um und zu einer Agentur des Ost-West-Dialogs.

Ein Vor- und Querdenker war Ulrich Eckhardt, der am heutigen Mittwoch seinen 80. Geburtstag feiert, schon immer. Geboren im westfälischen Rheine und aufgewachsen in Freiburg, studierte Ulrich Eckhardt zunächst Rechtswissenschaften. Bereits im Alter von 26 Jahren wurde er promoviert, doch die Juristerei allein reichte ihm auf Dauer nicht. In Freiburg trat er in die Klavierklasse des Pianisten Carl Seemann ein, in Berlin studierte er Dirigieren bei Herbert Ahlendorf. Ein Dirigierpraktikum führte ihn sogar einmal zu Herbert von Karajan.

Operetten dirigiert

Praktische Erfahrung sammelte er an den Städtischen Bühnen in Münster, wo er eine Zeit lang als Korrepetitor und Kapellmeister wirkte und Operetten dirigierte. Nach weiteren Stationen an der Universität Münster und am Bundesverwaltungsgericht in Berlin zog Ulrich Eckhardt 1968 als Kulturreferent in das Bonner Rathaus. Im Bund regierte die sozialliberale Koalition, Willy Brandt und Egon Bahr entwarfen die „Neue Ostpolitik“, und die Formulierung vom „Wandel durch Annäherung“ bestimmte den politischen Diskurs. Vieles schien auf einmal möglich, wenn man nur den Mut hatte, Neues zu denken. Dieser Impetus übertrug sich auch auf Ulrich Eckhardt.

Die Stadt am Rhein wurde irgendwann aber zu klein für Ulrich Eckhardts Ideen, so dass er im Januar 1973 an die Spitze der Berliner Festspiele wechselte. Damit begann eine einzigartige Erfolgsgeschichte, die 28 Jahre währte. Er war für die Internationalen Filmfestspiele, die Musik-Biennale, das Theatertreffen, das Theatertreffen der Jugend, die Berliner Festwochen, das Jazzfest Berlin, das Treffen junge Musikszene sowie das Treffen junger Autoren verantwortlich. Er stellte große und bedeutende Ausstellungen auf die Beine, organisierte etwa 1987 die 750-Jahr-Feier im Westteil der Stadt, koordinierte die Veranstaltungen zum 50. Jahrestag des Kriegsendes und die Aktivitäten zum Jahrtausendwechsel in Berlin.

Politiker kamen und gingen – Ulrich Eckhardt blieb

Als Intendant der Berliner Festspiele, die damals noch zu gleichen Teilen vom Bund und vom Land Berlin getragen wurden, „überdauerte“ Ulrich Eckhardt vier Bundeskanzler, neun Bundesinnenminister, die auf Seiten Bonns zuständig waren, acht Berliner Kultursenatoren und sieben Regierende Bürgermeister. Die Politiker kamen und gingen – Ulrich Eckhardt blieb. Er gehörte zu Deutschlands einflussreichsten Kulturmanagern – und war zugleich immer einer der Bescheidensten und Stillsten. Denn Ulrich Eckhardt ist kein Großsprecher, kein eitler Angeber und kein belehrender Moralist, er ist vielmehr ein hingebungsvoller Ermöglicher und Macher: sachlich und frei von Dünkel, neugierig und sensibel, höflich und zuvorkommend, sowie zupackend und notfalls auch durchsetzungsstark. „Er hat unsere Träume realisiert“, schrieb Claus Peymann anlässlich Eckhardts Abschieds. „Sein Geheimnis: Er geht freundlich auf Menschen zu, und er achtet die Künstler, weil er sie liebt.“

Das Orgelspiel entdeckt

Seit Ende 2000 befindet sich der Vielbegabte im Unruhestand. Sein Rat ist nach wie vor gefragt, doch ist er viel zu diskret und bescheiden, um darüber zu sprechen. Ulrich Eckhardts große Leidenschaft ist seit eh und je die Musik. Im Wohnzimmer seines Zehlendorfer Hauses stehen zwei Flügel, so dass er mit befreundeten Pianisten gemeinsam musizieren kann. Darüber hinaus hat Ulrich Eckhardt das Orgelspiel für sich entdeckt, wobei er eine große Liebe für die schönen historischen Instrumente der Mark Brandenburg hegt. Den Berliner Philharmonikern fühlt sich Eckhardt seit Herbert von Karajans Zeiten besonders eng verbunden. „Ulrich Eckhardt ist ein echter Freund unseres Orchesters“, betont der amtierende Intendant Martin Hoffmann. „In den Wendejahren 1989/90 hat er sogar als Interimsintendant die Berufung Claudio Abbados begleitet.“

Das runde Jubiläum feiert Ulrich Eckhardt fernab von Berlin im Emsland. Im Kloster Bentlage zeigt er in einer umfangreichen Retrospektive den eindrucksvollen künstlerischen Nachlass seiner Frau Jo – einer Malerin und Bildhauerin –, die Ende 2011 verstarb. Und ganz nebenbei führt er auch noch die ebenso kleine wie feine Galerie fort, die seine Frau vor einigen Jahren in Weißensee gegründet hatte.