Berlin-Konzert

Marius Müller-Westernhagen bleibt einfach das „Alphatier“

Marius Müller-Westernhagen hat in der Columbiahalle sein Berlin-Konzert nachgeholt - und macht auf dicke Hose. Das Publikum liebt ihn dafür, auch wenn die Zeit der großen Stadien vorbei ist.

Foto: Andreas Rentz / Redferns via Getty Images

Manchmal muss sich auch ein Alphatier beugen. Eigentlich hätte das Konzert von Marius Müller Westernhagen schon vor vier Wochen stattfinden sollen – als Pre-Listening-Event für das neue Album, das man dann direkt am nächsten Morgen bei Dussmann hätte kaufen können. Aber die Ärzte rieten ab und Westernhagen verschob den Termin. Jetzt kennt man das Album schon und aus dem Pre-Listening Event ist ein normaler Konzertabend geworden, in - für Westernhagen - verhältnismäßig kleinem Rahmen.

Es ist heiß in der Columbiahalle. Brillen sind beschlagen, Haare kleben im Gesicht, viele Wangen sind rot. Dann geht das Licht aus, pünktlich treten Westernhagen und Band auf, auch sie schwitzen. Marius trägt schwarz: enge Jeans, hochgeschlossenes Hemd, Weste. Alphatier, heißt das neue Album: „Zu leben heißt sterben, es gibt keinen Grund sich zu genieren“ singt er im gleichnamigen Stück.

Im Video uriniert jemand auf einen Teppich - immerhin ist es nicht Westernhagen selbst. In seinen neuen Songs schimpft er auf Banken und die Wirtschaft. In der C-Halle tänzelt er über die Bühne, schnauft „ist euch auch so heiß wie mir?“, trinkt und kippt den Rest ins Publikum. Die ersten Reihen können es gebrauchen, es ist so voll, dass ausgelassenes Tanzen, wie der Meister es vorgibt, zumindest vorne fast nicht möglich ist.

Jetzt ist das Spätwerk dran

Alphatier passt zu Westernhagen, dem Pfefferminz-Prinz. Theo gegen den Rest der Welt, dann große Klappe in großen Stadien. Nach künstlerischer Pause ist jetzt das Spätwerk dran. Rotzig blickt Marius zurück, ein bisschen traurig ist er auch. „Das Leben ist schwer, schwer wie ein sinkendes Schiff, schwer wie ein bleierner Schmerz. Das Leben ist leer“ singt er. Aber Depression ist heute nicht angesagt, der 65-jährige schiebt die Hüften vor - Popowackeln und dicke Hose: Macker-Marius, so liebt ihn das Publikum, die Leute klatschen und pfeifen, „Marius!“ grölen sie.

In sieben der zwölf neuen Songs beschäftigt ihn die Liebe. Westernhagen hat sich von seiner Frau Romney getrennt, nach 25 Jahren. Für eine jüngere, aber das geht keinen was an, findet er, und es wäre auch nicht weiter wichtig, würde es nicht so gut zur Alphatiermentalität passen und wäre Westernhagen nicht durchweg damit beschäftigt, seine neue Freundin und Backgroundsängerin Lindiwe Suttles zu bezirzen. Die beiden halten Händchen, sie krault seinen Bauch.

Wenn er „Engel, ich weiß“ singt, dann wird er ganz weich, hält ihr Gesicht in seinen Händen, schlussendlich wird geküsst – die Fans applaudieren. Dann ist es Zeit die Band vorzustellen, das übernimmt die anfangs zaudernde Lindiwe, auf Englisch. „Jenuch Jelabert“ raunt es im Publikum während Marius schmeichelt: „Wenn ihr wüsstet, was ihr uns gebt“.

Die Essenz von Westernhagens Karriere, die hat nicht mehr ganz Stadionpotential. Früher, da hat er die Arenen ausverkauft - Tausende sangen „Freiheit“ mit. Irgendwann wurden die Hallen nicht mehr ganz voll, jetzt ist die Zeit ist reif für kleinere Locations - eine Clubtour. Dabei geht die C-Halle nicht wirklich als Club durch, noch dazu ist sie randvoll, ein wenig größer hätte es durchaus sein dürfen.

Und dann kommen die alten Hits

Als das neue Album durchgespielt ist gibt es die erste Pause. Dann kommt, was einem Spätwerk besonders gut steht: die alten Hits. “Jetzt geht’s los“, skandiert die Halle, Westernhagen, in einem frischen, weiten, roten Hemd breitet die Arme aus, Hände klatschen, Plastikbecher schwappen, die Halle ist in rotes Schummerlicht getaucht. Zunächst spielt er „Willenlos“ und die Fans können endlich mitsingen.

Bei „Sexy“ tanzt er sich wieder zu seiner Freundin durch, die Anhimmelei verleiht der Zeile „er hat sein altes Weib für dich vom Hof gejagt“ einen etwas faden Beigeschmack, der schnell vom Applaus überlagert wird. Marius singt die ersten Zeilen von „You Can’t Always Get What You Want“, sinniert bei „Mit 18“ über Jugend und Sehnsucht – dann folgt "Johnny Walker" der traditionelle Abschiedssong.

Die Zeit steht nicht still, soviel kann man festhalten. Aber ob Müller-Westernhagen nun in der Columbiahalle auftritt oder in der O2 World: Er bleibt ein Alphatier, das nicht verlieren kann, zumindest nicht, wenn es bei einem Konzert auch Johnny Walker spielt.