Oper

Sänger John Chest erlebt einen Kulturschock

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Volker Blech

Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Der amerikanische Bariton John Chest ist in den USA ausgebildet worden und gehört zum Solistenensemble der Deutschen Oper Berlin. Dort bereitet er gerade sein Debüt als Billy Budd vor. Ein Treffen.

Der Amerikaner hat sich in Moabit angesiedelt. „Es ist schön, einen festen Wohnsitz zu haben“, sagt John Chest irgendwann. „Einen Kiez“, fügt er mit wissender Miene hinzu und grinst. Unser Gespräch findet in einem Café an der Ecke statt, er hat in der Sonne sitzend gewartet. Auf den ersten Blick erinnert der sportive 28-Jährige an den Geiger David Garrett mit seinen blonden, zum Zopf gebundenen Haaren und dem Dreitagebart. Seit dieser Spielzeit gehört der Bariton zum Solistenensemble der Deutschen Oper.

Die Titelpartie von „Billy Budd“

Im Moment hat er allerdings nicht so viel zu tun. Was einfach damit zusammen hängt, dass er sich auf seine große Premiere, obendrein ein Rollendebüt, vorbereitet. Am Donnerstag singt er im Charlottenburger Haus die Titelpartie in Benjamin Brittens Oper „Billy Budd“.

Das deutsche Wort Lampenfieber ist ihm fremd. Rein sprachlich. Er nennt es Aufregung. Die setze bei ihm normalerweise erst einen Tag vorher ein, sagt er. Es fühlt sich eher wie eine Krankheit an. Dann möchte er auch mit niemandem reden. Aber wenn er dann sein Kostüm anhat und in der Maske sitzt, dann kehrt die innere Ruhe langsam zurück.

Der Vater war sein Klarinettenlehrer

John Chest ist in Greenville, South Carolina, aufgewachsen. Bei seinem Vater, einem Klarinettenlehrer, hat er zuerst das Blasinstrument gelernt. Immerhin bis zum 18. Lebensjahr hat er sich der Instrumentalmusik verschrieben, dann wechselte er zum Gesang. Chest ist ein offener Typ, aber alles erzählen will er dann doch nicht. Etwa über die fundamentalistisch protestantische Bob Jones Universität, die er zunächst besucht hat. Da zuckt er mit den Achseln, druckst herum und meint, er sei ja gar nicht religiös. Er spricht lieber über seine Studienzeit in Chicago oder seine Teilnahme beim Apprentice Singer Program der Santa Fé Opera und beim Merola Opera Program der San Francisco Opera.

Unterschied zwischen USA und Deutschland

Dann kam der Kulturschock, er wechselte ans Opernstudio der Bayerischen Staatsoper. Während in der USA die Oper eher der Ort sei, erklärt er, an dem die Menschen zeigen, dass sie Geld haben, traf er in München auf ein Publikum, das er als stolz und leidenschaftlich bezeichnet. Während in Amerika die Leute am Ende schnell wieder rausrennen, erlebte er in Deutschland das, was man einen lang anhaltenden Beifall nennt. Und auch die Buhs überraschten ihn. Er erinnert sich genau daran, wie souverän Regisseur Martin Kusej seinen Buhsturm für die „Rusalka“ entgegen nahm. Das fand er cool.

Seine Eltern saßen staunend in der zweiten Reihe

Irgendwann besuchten ihn seine Eltern in München und schauten sich eine Vorstellung an, in der er eine kleine Partie an der Seite der großen Edita Gruberova sang. Seine Eltern saßen in der zweiten Reihe. „Ich konnte ihre staunenden Gesichter sehen“, sagt er. Was ziemlich stolz klingt. In München sang er sich als Masetto im „Don Giovanni“, Guglielmo in „Cosi fan tutte“ oder als Graf Almaviva in „Figaros Hochzeit“ ein. Er sieht sich auch als Liedinterpret. Überhaupt versteht er unter der deutschen Musik zuerst Lieder von Schubert, dann erst die Opern, in die er stimmlich noch hineinwachsen muss.

Das Stottern gehört zur Partie

Mit der „Abschiedsarie“ des Billy Budd gewann John Chest auf der MS Europa 2010 den „Stella Maris“-Gesangswettbewerb. Jetzt gibt er sein Debüt als Billy Budd auf großer Bühne. „Ich hatte das Gefühl“, sagt er; „die Rolle gehört mir.“ Die Partie verlangt einen kräftigen lyrischen Bariton mit guter Höhe. Den habe er. Am Pult steht der bekennende Britten-Anhänger Donald Runnicles. Die Inszenierung stammt vom Amerikaner David Alden. Ein Regisseur, der den geraden Weg fordert, sagt Chest. Sein Billy Budd ist in der Seefahrer-Oper eine von fast allen beliebte Figur. Aber viermal muss er stottern. Das sei schwer darzustellen, weil er deutlich machen muss, was darunter verborgen liegt.

Die Deutsche Oper hat bereits ein gutes Dutzend Produktionen mit John Chest aufgelistet. Er hat gut zu tun. Und der Bariton möchte gerne länger am Opernhaus bleiben, die Verhandlungen laufen. Im November wird der Sänger dann auch sein Amerika-Debüt – als Maler Marcello in „La Boheme“ – an der Washington National Opera geben.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Billy Budd Tel. 34384343 Am 22.5. (Premiere), 28. und 31.5.; 3. und 6.6.