Theatertreffen

„Die letzten Zeugen“ erzählen, wie sie die NS-Zeit überlebten

Das Wiener Burgtheater gastiert mit einem berührenden Doku-Projekt des geschassten Intendanten Matthias Hartmann beim Berliner Theatertreffen. Und sorgt für einen Höhepunkt des Festivals.

Foto: Burgtheater/Theatertreffen / Reinhard Maximilian Werner/Burgtheater/Theatertreffen

Sie sind die letzten Überlebenden. Marko Feingold feiert Ende Mai seinen 101. Geburtstag. Er war ein junger Mann, als er nach der Besetzung Österreichs durch die Nazis ins KZ deportiert wurde, weil er Jude war. Bevor er 1938 nach Wien zurückkehrt war, um seinen Pass zu verlängern, hatte er ein paar Jahre in Italien gelebt und gut verdient, die schönsten Jahre seines Lebens, wie er am Dienstag im Anschluss an die Aufführung „Die letzten Zeugen“ erzählte.

Es ist die berührendste Arbeit, die beim Berliner Theatertreffen gezeigt wird. Der Dokumentartheater-Abend, ein Projekt von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann, der es auch für die Bühne eingerichtet hat, kam im vergangenen Herbst am Wiener Burgtheater heraus – da war die Welt des Intendanten noch in Ordnung. Vor wenigen Wochen wurde Matthias Hartmann dann im Zuge der Finanzaffäre an der Burg von seinem Posten enthoben. Zur Berliner Premiere war er trotzdem gekommen.

Das Publikum im Haus der Berliner Festspiele war am Ende natürlich nicht wegen ihm aufgestanden, der Applaus galt den Überlebenden – und ihren Geschichten. Ein wichtiger, ein ergreifender Abend. Ein Höhepunkt des Theatertreffens.

Der Abend lebt von der Authentizität

Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Rudolf Gelbard und Ari Rath sind heute zwischen 80 und 100 Jahren alt. Sie sitzen während der Aufführung schweigend hinter einem durchsichtigen Vorhang, ihre Gesichter werden gelegentlich auf eine Leinwand projiziert, dort sind auch Fotos von mit Hakenkreuzfahnen dekorierten Gebäuden in Wien und andere Zeitdokumente zu sehen.

Die Burgtheater-Schauspieler Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knaack und Daniel Sträßer lesen die dramaturgisch klug verdichteten und montierten Biografien der Überlebenden aus der Zeit von 1938 bis 1945. Theatralische Mittel werden zurückhaltend eingesetzt, der Abend lebt von der Authentizität. Am Ende kommen die sechs Zeitzeugen einzeln nach vorne ans Mikrofon und sprechen ein paar Worte ins Mikrofon – das Publikum hört nach den Geschichten der Menschen jetzt auch ihre Stimmen.

Nach einer Pause beginnt der zweite Teil des Abends. In der Kassenhalle und dem unteren und oberen Foyer stellen sich jeweils zwei Zeitzeugen in drei moderierten Gesprächsrunden den Fragen des Publikums. Vilma Neuwirth berichtet von den Schwierigkeiten, die die Entfernung eines an einem Bauwagen gesprayten Hakenkreuzes im Wien des 21. Jahrhunderts verursacht – trotz Einschaltung der Polizei.

Marko Feingold erzählt freudig, dass er am Bayrischen Platz eine Gedenktafel entdeckt hat; der Umgang mit der Nazizeit in Berlin, der Stadt der Täter, sei offenbar eine andere als in Österreich, wo der „Anschluss“ auch heute noch lieber als „Überfall“ dargestellt werde. „Wenn ich 1938 nicht in Wien gewesen wäre, hätte ich das wohl auch geglaubt“, sagt Marko Feingold, den frühere Nachbarn bei seiner Rückkehr aus dem KZ mit den Worten empfangen haben: „Ich dachte, die hätten euch alle vergast.“

Die Zeitzeugen werden irgendwann verstummen. Am 14. und 15. Mai treten sie noch einmal beim Theatertreffen auf. Es gibt noch Restkarten.