Jury

Das Festival der Zweitbesten beim Berliner Theatertreffen

Halbzeit beim Berliner Theatertreffen: Die Auswahl der Jury für das bedeutendste deutsche Bühnenfestival verwundert. Möglicherweise soll mit der Auswahl eine Botschaft verkündet werden.

Foto: © Matthias Horn

Bei Frank Castorf weiß man, was man bekommt. Er liefert verlässlich. Die entscheidende Frage für die Jury des Berliner Theatertreffens dürfte also sein, ob man eine Inszenierung aus München, Wien oder Berlin einlädt. Man hat sich für die Arbeit am Münchner Residenztheater entschieden – und damit die zweitbeste Wahl getroffen. Im Gespräch war auch die im Vergleich noch überzeugendere „La Cousine Bette“, die der Volksbühnen-Intendant an seinem eigenen Haus herausbrachte.

Möglicherweise soll mit der Auswahl die Botschaft verkündet werden, dass der finanzstarke Süden über den klammen Norden triumphiert. Denn mit München (4x), Stuttgart, Zürich (2x) und Wien kommen acht der zehn „bemerkenswertesten“ Inszenierungen, das ist das offizielle Auswahlkriterium, von diesseits des Weißwurstäquators. Komplettiert wird das Festival mit Rimini Protokoll, die Ruhrtrinnale-Produktion „Situation Rooms“ kann allerdings aus terminlichen Gründen nicht gezeigt werden, und „Ohne Titel Nr. 1“ von der Volksbühne in Berlin.

Dieser Oper ohne Worte, bei denen die Slapsticknummern für Herbert-Fritsch-Verhältnisse doch schnell ermüden, zählt nicht zu den stärksten Arbeiten des spätberufenen Regisseurs, der in den vergangenen Jahren regelmäßig Gast beim Theatertreffen war. Das Votum ist umso erstaunlicher, weil mit „Frau Luna“ eine gute Alternative zur Diskussion stand.

Warum nicht zweimal „Onkel Wanja“?

Dieses Prinzip hat irgendwie Methode. Beispiel Nr. 3: „Onkel Wanja“ vom Schauspiel Stuttgart, Regie Robert Borgmann. Weil die Jury wohl nicht zweimal dasselbe Stück von Tschechow nach Berlin holen wollte, was schade, weil fürs Publikum zum Vergleichen immer reizvoll ist, geht die an der Münchner Kammerspielen herausgekommene Inszenierung von Johann Simons und Karin Henkel leer aus. Eine dichte, starke Arbeit – auch im Vergleich zum eingeladenen „Amphitryon und sein Doppelgänger“, den Henkel in Zürich auf die Bühne brachte und deren Grundidee nicht die 100 Minuten trägt.

Nach dieser Zeit ist der Zuschauer bei Frank Castorf gerade mal mittendrin in der „Reise ans Ende der Nacht“. 265 Minuten dauert der Abend im Festspielhaus, zur Pause leeren sich die Reihen deutlich; der Applaus der Durchhalter ist lang. Der serbische Bühnenbildner Aleksandar Denić, mit dem Castorf schon bei seiner „Ring“-Inszenierung im vergangenen Sommer bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth zusammengearbeitet hat, hat Castorf ein Bretterbuden-Ensemble mit Käfigen (und Huhn!) und integriertem, räderlosem Kleinbus zusammengebaut.

Das Herz der Finsternis

Die drei Ölfässer dürften auch ein Querverweis auf die Bayreuth-Inszenierung sein, die unter anderem am Kaspischen Meer verortet war. Es gibt eine Waschmaschine, in der zwischendurch irgendwelche Metallteile gewaschen werden, und einen Herd, auf dem Spiegeleier gebraten und schließlich vergessen werden – ein Gag, mit dem Castorf aus einer eigenen, schon etwas älteren Inszenierung zitiert. In der Mitte des Hüttendorfes stehen Wasserkanister. Das Ensemble um Bibiana Beglau, Britta Hammelstein, Frank Pätzold und Aurel Manthei rennt aufgeregt die Holztreppen rauf und runter; das Innere der diversen Räume sieht das Publikum meistens nur per Video auf der Leinwand.

Wir sind im Kongo, das Herz der Finsternis lässt grüßen, die Weißen leiden unter dem Klima, den nächtlichen Geräuschen des Dschungels – und den „Negern“, die auch als „Schwatte“ oder „Bimbos“ bezeichnet werden. Über der Szenerie steht „Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ – die Lösung der französischen Revolution ist typographisch im Stile des Auschwitz-Schriftzuges „Arbeit macht frei“ gestaltet.

Als Grundlage für seine Inszenierung, in die Teile von Heiner Müllers „Der Auftrag“ einfließen, dient Castorf der Anfang der 30er-Jahre erschienene Roman des bekennenden Antisemiten Louis-Ferdinand Céline, der später in Frankreich (in Abwesenheit) zum Tode verurteilt wurde, weil er mit den Nazis kollaborierte. „Reise ans Ende der Nacht“ ist ein wüster, zum Ende hin zerfasernder Abend, der zwischen Afrika, Paris und Detroit pendelnd vom Weltekel und unbedingten Überlebenswillen des Protagonisten erzählt.