Theatertreffen

Bei „Onkel Wanja“ lichtet sich das Parkett schon zur Pause

Am Maxim Gorki Theater war er der Mann für die Flops, jetzt wird Regisseur Robert Borgmann mit seinem Stuttgarter „Onkel Wanja“ zum Theatertreffen eingeladen.

Foto: Julian Röder

Normalerweise ist es beim Theatertreffen so: Vor dem Festspielhaus stehen Menschen, die Zettel oder kleine, handgemalte Plakate hochhalten. Sie hoffen, noch einen Platz für die Vorstellung zu bekommen. Bei „Onkel Wanja“ war es umgekehrt: Ticketbesitzer wollten ihre Billetts wieder loswerden.

Augen auf beim Kartenkauf. Es war ja keine Überraschung, dass das Schauspiel Stuttgart mit einer über dreistündigen Tschechow-Inszenierung von Robert Borgmann anreist. Auf dem Festival machte dann noch die Geschichte die Runde, dass die Aufführungsdauer um bis zu 30 Minuten variieren kann. Abhängig sei das von der Länge des anfänglichen Federballspiels zwischen der in die amerikanische Flagge gehüllte Elena Andrejewna (Sandra Gerling) und einem Zuschauer; und von Peter Kurth, die die Titelfigur spielt. In Stuttgart, so hieß es, würde das Publikum reihenweise die Aufführung verlassen.

Auch in Berlin lichtete sich das Parkett zur Pause. Zum Schluss gab es einige Bravo- und sehr vereinzelte Buh-Rufe für den erstmals zum Theatertreffen eingeladenen Regisseur und einen anerkennend-herzlichen Applaus für das Ensemble. Das Grundproblem der Inszenierung liegt in der Nähe zu einem Grundthema des Autors: der Langeweile. Borgmann hat sich für ein gemächliches Tempo entscheiden, dazu passt, dass er als zentrales Element den ganzen Abend lang einen räderlosen, weißen Volvo-Kombi auf der bis auf ein paar alte Gartenstühle leergefegten Bühne, die der Regisseur ebenfalls gestaltet hat, kreisen lässt. Das Auto dient den Akteuren auch als Rückzugsort, Umkleidekabine und Depot für eine Palette Gurkengläser. Und als Einladung, einen Unfall pantomimisch in Zeitlupe nachzustellen.

Tschechow-Flair gibt es nur als Zitat

Die vier Akte des Stücks werden samt Beschreibung der jeweiligen Örtlichkeit angesagt – damit der Zuschauer weiß, auf was der Regisseur verzichtet hat. Tschechow-Flair wie einen dampfenden Samowar oder heitere Melancholie gibt es nur als Zitat. Kühl leuchten die farbigen Neonröhren über dem Bühnenportal, unaufdringlich perlt der Elektrosound, den die Musiker von webermichelson live beisteuern.

Mit ein bisschen Wehmut denkt man an die großen Tschechow-Abende von Jürgen Gosch oder Alvis Hermanis zurück. Oder an den extrem reduzierten „Onkel Wanja“, den Karin Henkel und Johan Simons im vergangenen Frühjahr an den Münchner Kammerspielen inszeniert haben. Wie bei Borgman hatte auch dort das Tschechowselige keinen Platz.

Die Inszenierung war ein Ereignis. Sie hätte nach Berlin gehört. Und sogar gepasst. Johan Simons hat zum Auftakt den Theaterpreis Berlin bekommen, Karin Henkel ist mit einem deutlich schwächeren „Amphitryon“ dabei. Offenbar wollte die Jury des Theatertreffens ein Zeichen setzen. Schließlich gab es in Stuttgart einen Intendantenwechsel und, wer weiß, vielleicht steckt ja doch ein kleiner Castorf in Robert Borgmann, Jahrgang 1980. In Berlin hat sich der Regisseur mit zwei Flops, „Macbeth“ und „Glück ohne Ende“, vom Maxim Gorki Theater verabschiedet. Da ist sein „Wanja“ schon aus ganz anderem Holze geschnitzt.

Sony-Center, 11. Mai, 16 Uhr (Public Viewing); 3sat, 17. Mai, 20.15 Uhr