TV-Kritik

Der neue „Tatort“ aus Bremen kommt auf den Müll

Das stinkt zum Himmel: Im neuen „Tatort“ aus Bremen wühlen die Kommissare im Abfall – und findet dort mafiöse Strukturen vor. Parallelen zum Müllskandal in Neapel drängen sich auf.

Der Müll, die Stadt und der Tod: Das ist ein klassischer Kriminalstoff. Werden nun, nachdem Dominic Raacke und Boris Aljinovic in Berlin und Simone Thomalla und Martin Wuttke in Leipzig die Dienstmarke abgeben müssen, auch Sabine Postel als ewig knurrende Kommissarin Lürsen und Oliver Mommsen als Ko-Kommissar entsorgt? Mitnichten. Gemach. Es ist nur so, dass der Tote in der jüngsten Folge „Alle meine Jungs“ ein Müllmann ist. Der sich offenbar, schwerst verletzt, in einen Müllwagen geschleppt hat und damit fliehen wollte. Aber dabei verblutet ist.

Jetzt steht sie da, die Kommissarin, auf dem Hof der Bremer Müllabfuhr. Und da kommen ihr die Leute in Orange so entgegen wie weiland Manne Krugs Zimmermanns-Brigade in „Spur der Steine“. In Zeitlupe, großspurig, mit knalliger Musik unterlegt. Und schnell wird klar: Hier wird nicht nur Müll entsorgt. Und auch nicht nur undeklarierter Sonderabfall. In den Müllhalden verbirgt sich noch ganz anderer Dreck.

Es geht um Müllionen

Nicht zufällig begegnen den Ermittlern hier ganz viele Bekannte. Die Hälfte der Belegschaft, so scheint es, sind Ex-Knackis. Gut, mag man denken, die machen halt den Job, den sonst keiner machen will. Aber wie schaffen die das dann, dass alle sich Einfamilienhäuschen leisten können? Und auch noch alle in derselben Kolonie? Da scheint etwas buchstäblich zum Himmel zu stinken. Und ganz tief in diesem Sumpf steckt ganz offensichtlich einer, der doch auf der anderen Seite stehen sollte: der Bewährungshelfer Frank (Roeland Wiesnekker), denn alle nur „Papa“ nennen.

Papa, das wissen wir spätestens seit „Stromberg“, Papa wird’s schon richten. Und wirklich belässt es der Mann nicht dabei, alle seine Jungs unterzubringen. Da ist ein hübsches mafiotisches System aufgebaut worden, so stark, dass man sich von niemandem aufhalten lässt. Auch nicht von etwaigen Polizisten, die in einem Mordfall ermitteln. Schließlich spielt das krumme Geschäft hier in ganz anderen Ligen.

Straßen voller Unrat

Tatort Bremen: der Müll, die Stadt und der Tod. Natürlich muss man sofort an Neapel denken. An den Müllskandal, in den die Camorra verstrickt ist. Und an den Unrat, der da über Wochen einfach nicht abgeholt wurde und die Stadt buchstäblich in ihrem eigenen Gestank stecken ließ. Weil die Ermittlungen der Frau Kommissarin immer wieder ins Leere laufen, lässt sie irgendwann einfach die komplette Müllabfuhr absperren. Was zu einem ähnlichen Szenario führt: Straßen voller Unrat und nicht abgeholten Müllbergen. Was Frau Lürsen just in ihrem 30. Fall im örtlichen Fernsehen den Bürgern der Stadt beibringen muss.

Verbrechen war schon immer ein schmutziges Geschäft. So dreckig wie hier aber ist es selten. Es geht um das ganz große Ding, um Bestechung, Politik-Filz, Schutzgeldmaßnahmen. Um Müllionen. Wenn die Kollegen von der Verbrennungsanlage nicht mitspielen wollen, kann schon mal ein Komplex in die Luft fliegen. Es ist auch ein kleines Politikum. Denn ständig ist bei der Müllregelung von einem „Bremer Modell“ die Rede. So hieß vor drei Jahren, das werden aber nur die Ortsansässigen wissen, ein Modell zur Gesundheitsversorgung von Asylsuchenden.

Keine Entlassung ins Happy End

Regisseur Florian Baxmeyer und sein Kameramann Marcus Kanter, die hier ihren achten gemeinsamen „Tatort“ inszenieren, lassen das Ganze auch optisch heftig knallen. Mit rasanten Schnitten, vibrierenden Bildern und einem dröhnenden Soundtrack. Das ist allerdings manchmal fast schon zu viel des Guten. Fast schon nervig sind die vielen Songs, die kommentierend drüber gelegt werden. Und dass man dabei von den Rolling Stones über Survivor bis zu Hilde Knef greift, muss man auch erst mal schaffen.

Am Ende ist der kleine Mord gelöst. Das große Kapitalverbrechen aber geht munter weiter. So ist das beim Bremer Tatort ja oft: Ein brisantes Thema anschneiden, ein unangenehmes vor allem, aber nicht in ein Happy End entlassen. Dabei haben wir ja, hoffen wir zumindest, noch keine italienischen Verhältnisse. Den Müllmännern, wenn sie das nächste Mal bei uns klingeln, werden wir aber nicht mehr so bereitwillig die Tür öffnen.

Tatort: Alle meine Jungs. 18. Mai 2014, ARD, 20.15 Uhr