TV-Kritik

Warum der „Tatort“ aus München der beste seit langem ist

Eine Frau stürzt von einem Balkon im 12. Stock. Die Ermittler erfahren, dass sie mit vielen Männern Umgang pflegte, oft gegen Geld. Plötzlich entdecken sie einen Verdächtigen in den eigenen Reihen.

Es ist eine schöne Tradition: In regelmäßigen Abständen kommen aus München Ratschläge in praktischer Lebenshilfe, in Fragen des richtigen Wirtschaftens, aber auch in moralphilosophisch-ethischen Belangen. Man weiß gar nicht, warum sich der Rest des Landes immer so echauffiert wegen dieser Belehrungen, sie haben doch etwas Erbauliches. Eine Zeit lang war der Fußballgigant Uli Hoeneß ihr zuverlässigster Absender. Weil der nun gerade moralisch etwas indisponiert ist, meldet sich Udo Wachtveitl zu Wort, vielen bekannt als Hauptkommissar Franz Leitmayr im Münchener „Tatort“. Besser gesagt: Er grantelt drauflos, dass es eine Art hat.

„Es stört mich, wenn die Marke ‚Tatort‘ durch schlechte Produktionen beschädigt wird“, sagte er der „Rheinischen Post“. „Ich sehe immer wieder schlampig gemachte, langweilig inszenierte, schlecht gespielte und unglaubwürdige, miese Fernsehprodukte unter dem Label. Das ärgert mich. Damit darf man kein Schindluder treiben.“ Man möchte ihm danken für die zutreffende Beobachtung, auch wenn sie ein bisschen pauschal daherkommt und sich naturgemäß die erhellenden Beispiele verkneift. Denn er mag zwar herumkrächzen wie eine Krähe, der Herr Wachtveitl, aber anderen deshalb die Augen aushacken?

Mia san Tatort

Jedenfalls haut er natürlich auch deshalb so auf die Pauke, weil er selbst einen ‚Tatort‘ anzupreisen hat, und er kann sich das Selbstbewusstsein wirklich leisten. Die Münchener Folgen der Reihe haben zuletzt allesamt überzeugt, ohne wie die Münsteraner ins Komödienfach oder wie die Hamburger in den Actionfilm wechseln zu müssen. Die „Tatort“-Episoden des Bayerischen Rundfunks waren immer intensive Kammerspiele mit spannenden Plots und guter Besetzung. Das ist auch diesmal so.

Eine junge Frau wird zerschmettert auf einem Parkplatz gefunden, jemand hat sie von ihrem Balkon im 12. Stock gestoßen. Sie heißt Lisa Brenner. Die Ermittlungen ergeben, dass sie die Freundin vieler Männer war, die allesamt sehr verliebt in sie waren. Es finden sich regelmäßige Bareinzahlungen auf ihrem Konto, eine feste Arbeit hatte sie nicht. Eine Prostituierte?

Die Truppe der Ausgebrannten

Eher eine Frau, die ihre eigene Einsamkeit mit anderen Einsamen teilte. Leitmayr und sein Kollege Ivo Batic (Miroslav Nemec) treffen auf einen Witwer mit Helfersyndrom, auf einen ehemaligen Hockeystar, auf einen Bankangestellten und andere Männer wie den großartigen Franz Xaver Kroetz als Brauereibesitzer Toni Feistl.

Es stellt sich heraus, dass auch Leitmayr Lisa kannte. Wir sehen lauter ausgebrannte, verwirrte Gestalten. Verlorene Kerle, die mit der Liebe nicht zurecht gekommen sind im Leben und für die es nun zu spät ist. Die traurig in den Himmel starren, als suchten sie die Sonne. Max Färberböcks „Tatort“ ist eine tiefe, melancholische Variation über den Verlust. Und darüber, wovon Männer reden, wenn sie von Liebe reden.

„Tatort: Am Ende des Flurs“. Am heutigen Sonntag in der ARD, 20.15 Uhr