Eine Energiewende braucht es hier nicht: Bowie und Berlin – das war schon immer eine nachhaltige Beziehung. Knapp drei Jahre, zwischen 1976 und 1978, lebte der charismatische Musiker in der Stadt. Aus Los Angeles geflohen, die Nase gestrichen voll von Koks, Glamour und seinem damaligen Alter Ego, dem Thin White Duke, suchte der Mann mit den beiden farbunterschiedlichen Augen die Anonymität West-Berlins. Um sich selbst zu finden, sich neu zu erfinden, Kultur zu tanken und so eine frische Schaffensperiode einzuläuten.

Radikaler hätte der Tapetenwechsel kaum ausfallen können – die dauersonnengeplagte Stars-und-Glitzer-Metropole auf der einen, das insulare Biotop im Schatten der Mauer und des Kalten Krieges auf der anderen Seite. Dass er dabei ausgerechnet, wie er es in einer Arte-Dokumentation sagte, in der damaligen „Welthauptstadt des Heroins“ landete, war dabei unwesentlich, weil Bowie zwar eine Schwäche für Koks hatte, aber eben nicht für „Smack“.

Die Musik seiner rückblickend wohl kreativsten Phase berührt mit zeitloser Tiefe, so wie nur Weniges seines umfangreichen Oeuvres zuvor oder danach. Bowies Berlin-Musik spiegelt sein ambivalentes Liebe-Hass-Verhältnis zur Mauerstadt in allen Schattierungen wider. Vor allem aber gelang ihm ein eleganter Spagat: Seele und Puls einer fremden Stadt zu erfassen und zu vertonen und beides in einer Zeitkapsel zu konservieren, die wohl noch vielen Musikergenerationen als reiche Inspirationsquelle dienen wird.

Seine West-Berliner Jahre, wohnlich in einer Schöneberger Siebenzimmer-Altbauwohnung in der Hauptstraße 155 verbracht, waren auch quantitativ überdurchschnittlich produktiv, selbst wenn sich das immer wieder gern zitierte und aus „Heroes“, „Low“, und „Lodger“ bestehende Berliner Triptychon streng genommen auf das epochale „Heroes“ beschränkt. Nur sein Heldenwerk entstand komplett in Berlin, in den legendären Hansa-Tonstudios direkt an der Mauer.

Das Berliner Triptychon

Das anschließende „Lodger“-Album wurde in der Schweiz aufgenommen, allerdings hatte Bowie den Großteil der Songs während seiner Berlin-Zeit geschrieben. Der „Heroes“-Vorgänger „Low“ nahm in französischen Studios Gestalt an, erhielt jedoch in Berlin seinen prägenden avantgardistischen Soundschliff. Für den hatte sich Bowie von deutschen Bands wie Can, Kraftwerk oder Neu! und der reichen kulturellen und architektonischen Vergangenheit Berlins inspirieren lassen.

So war und ist Bowie fasziniert vom deutschen Expressionismus. Er besuchte häufig das Brücke-Museum im Grunewald, um anschließend im Stil der Expressionisten in seiner Wohnung zu malen. Ebenso angezogen war er von der vitalen Subkultur der Stadt. Er hatte eine Liaison mit Travestie-Star Romy Haag, frequentierte den legendären (und noch immer bestehenden) Kreuzberger Punkclub „SO 36“, dessen Eröffnung er im weißen Anzug und mit getönter Brille beiwohnte, und im Café „Anderes Ufer“, nur zwei Häuser neben seinem Altbau-Domizil, waren die Frühstückssessions manchmal fast so lang wie die Nächte in der Diskothek „Dschungel“ an der Nürnberger Straße, deren Räumlichkeiten heute Teil des Luxushotels Ellington sind.

Neben der Arbeit an seinen eigenen drei Langspielplatten schraubte Bowie in Berlin auch kräftig an der Solo-Karriere seines Wohnungsnachbarn und Kumpels Iggy Pop. Dessen Debüt „Lust for Life“, dem Zwilling von „Low“, drückte Bowie in den Hansa-Studios seinen Sound-Stempel auf. „The Idiot“ entstand komplett dort. Beide Alben sind von Bowie produziert, er komponierte das Gros der Musik und steuerte zahlreiche instrumentale Farbtupfer bei, vor allem an den Keyboards. Zudem übernahm Bowie die Hauptrolle im Kinofilm „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ (1978), der im Berlin der 20er- und 30er-Jahre spielt. Die damals 77-jährige Marlene Dietrich interpretierte den Titelsong, es sollte ihr letzter Zelluloid-Auftritt sein.

Immer wieder zog es Bowie in späteren Jahren nach Berlin zurück, zumeist zu privaten Besuchen oder Konzerten mit einem besonderen Flair. Gelegentlich, so heißt es, lasse er sich in einer Limousine in Schrittgeschwindigkeit an seiner ehemaligen Wohnung und anderen alten Wirkungsstätten entlangchauffieren. Dass er in Berlin zumindest noch einen großen Koffer voller Erinnerungen zu stehen hat, bewies Bowie im vergangenen Jahr.

Rückkehr aus dem Nichts

Eigentlich war er schon Privatier, doch plötzlich, zehn Jahre nach seinem letzten Album „Reality“, tauchte er wieder auf. Aus dem Nichts veröffentlichte er, zunächst nur als Download im Web, „Where are we now?“, eine sentimentale Berlin-Ballade, in der er „sein“ altes Berlin mit dem neuen vergleicht – „a man lost in time near KaDeWe. Just walking the dead. Where are we now?“.

Es war eine Kostprobe des kurz darauf veröffentlichten Albums „The Next Day“, mit dem das gute alte „Heroes“-Covers zu Zweitverwertungsehren kam. Nur Bowies 1976er-Gesicht wurde verdeckt – von einer weißen Fläche, die dem Albumtitel Platz bot. Cover und „Where are we now?, das mit seiner balladesken Sentimentalität übrigens ganz anders klingt als der Rest des Albuns, sind dann aber auch die beiden einzigen, wenngleich sehr starken Berlin-Bezüge eines Werkes, das, mit gut einem Jahr Abstand betrachtet, zur Creme des Bowie-Kataloges zählt.

Nun kehrt er also heim, in vielen Puzzleteilen quasi, und lädt ein zur Spurensuche nach seinen wahren „Golden years“ und der schwarz-weißen Mauerstadt von einst, die heute bunte Metropolenträume träumt. Die Ausstellung „David Bowie is...“ bescherte dem altehrwürdigen Londoner Victoria & Albert Museum im vergangenen Jahr Besucherrekorde, nun dürfte das multimediale Gesamtkunstwerk dem Martin-Gropius-Bau vom 20. Mai bis 10. August wohl ähnlichen Zulauf garantieren.

„David Bowie“ zeigt zusätzliche Berlin-Exponate

Auf der Strecke bleibt das Wörtchen „is“, doch alle rund 300 Exponate sowie das ausgefeilte „Sound-and-Vision“-Segment ziehen für zweieinhalb Monate an die Spree. Zudem wird das „Berliner Zimmer“ exklusiv um 70 bislang nie gezeigte Kostbarkeiten erweitert. Als Weltpremiere zu sehen sein werden komplett unbekannte Fotos, ein Briefwechsel zwischen Bowie und Marlene Dietrich anlässlich des Drehs für „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ und verschiedene Materialien (darunter Stasi-Unterlagen) zum dreitägigen „Concert for Berlin“, bei dem Bowie und andere Künstler 1987 zur 750-Jahr-Feier vor dem Reichstag auftraten.

Abgerundet wird das Bonus-Programm von zwei Leihgaben des Brücke-Museums. Beide sind Werke von Erich Heckel, beide hatten direkten Einfluss auf Bowies Schaffen: Während Heckels „Roquairol“ Pate stand für das von Bowie eigenhändig fotografierte Cover der Iggy-Pop-LP „The Idiot“, war die Pose auf der Plattenhülle seines eigenen Albums „Heroes“ eine Interpretation des Holzschnittes „Männerbildnis“.

Mit „David Bowie“ zeigen die Kuratoren des V & A, Geoffrey Marsh und Victoria Broackes, dass Bowie ein Gesamtkunstwerk ist, ein Illusionist, ein moderner Schamane, der seinem Publikum eine wundersame Matrix aus Geschichten, Bildern und Figuren anbietet. Jeder findet hier genügend Raum für Interpretationen und Reflexionen eigener Träume, Wünsche und Sehnsüchte – nur dem Matrixmacher selbst kommt man nicht auf die Spur.

Schließlich ist Bowie selbst nur eine Kunstfigur, die andere Kunstfiguren wie Ziggy Stardust, Aladin Sane, Major Tom oder den Thin White Duke erschuf. David Roberts Jones heißt der am 8. Januar in London geborene Bowie-Vater, der sich nicht nur für Musik, sondern auch für Theater, Film, Design, Fotografie und Mode interessierte und früh begann, aus diesen Zutaten komplexe eigene Welten zu kreieren.

„Ich bin eine übergewichtige Koreanerin“

Im Gegensatz zu vielen Fans, die seine Texte auf die Goldwaage legten und sich in Bowies Traumwelten so verloren, wie Major Tom im Weltall, nahm sich Bowie selbst nie wirklich ernst. „Es erstaunt mich immer wieder, dass die Leute ernst nehmen, was ich sage. Ich nehme nicht einmal ernst, was ich bin“, sagte er einst. Anlässlich seines 50. Geburtstags 1997 reicherte er diese Aussage mit dem Zusatz an „Ich habe mein Image so oft neu erfunden, nur um nicht wahrhaben zu wollen, dass ich eigentlich eine übergewichtige Koreanerin bin“.

Hatte eine Figur ihren Zweck erfüllt, durfte sie abtreten und wurde von der nächsten abgelöst. Und so ist die Ausstellung mancherorts eine Art begehbares Klang-Mausoleum mit bunt-bizarren, abgestreiften Kokons wie den von Freddie Burretti entworfenen Ziggy-Stardust-Overalls (1972), Kansai Yamamotos extravaganten Gewand-Schöpfungen für die Aladdin-Sane- Tour (1973) oder dem Union-Jack-Mantel, den Bowie mit Alexander McQueen für das Album-Cover von Earthling (1997) ersonnen hatte.

Des Weiteren zu sehen und erleben sind Fotografien, etwa von Helmut Newton, Plattencover von Guy Peellaert und Edward Bell, Ausschnitte aus Filmen und Livekonzerten, darunter The Man Who Fell to Earth (1976) und Saturday Night Live (1979), Musikvideos sowie die Bühnenausstattung für die Diamond-Dogs-Tour (1974). Nicht zuletzt werfen zahlreiche persönliche Gegenstände wie unveröffentlichte Storyboards, handgeschriebene Set-Listen, Skizzen, Partituren und Tagebucheinträge Schlaglichter auf einen einzigartigen Künstler und dessen überbordende Kreativität.

Kein schöneres Archiv in dieser Zeit

Sowohl die 300 Standard-Exponate als auch die Pretiosen der erweiterten Berlin-Sektion gehören zur riesigen, aus rund 75.000 Objekten bestehenden und alle Schaffensperioden abdeckenden Sammlung des unbekannten Mister Jones. Von deren Existenz und Umfang zu erfahren, kam vor einigen Jahren bereits einer Sensation gleich. So viel Nostalgie hatte man ihm nicht zugetraut, schließlich hatte Bowie um die Jahrtausendwende erklärt, alle seine Figuren hätten ihren Zweck erfüllt und könnten nun in Rente gehen.

Das Altenheim war ein geheimer Ort, ein Archiv. Hier lagerten die Ziggys und Alladins fein säuberlich katalogisiert in Form von Kostümen, Handschriften, Fotografien, Bühnenentwürfen, Instrumenten, Cover-Entwürfen und Schallplatten. Noch ein wenig sensationeller aber war Bowies uneingeschränkte Bereitwilligkeit, Geoffrey Marsh und Victoria Broackes 2011 die Tore zum Paradies wildester Fan-Träume zu öffnen.

Er selbst ließ sich nicht blicken, habe aber ausrichten lassen, so Marsh, dass er „absolut nichts mit unserer Ausstellung zu tun haben und nicht mal mit uns sprechen wollte. Die Präsentation und Interpretation der Objekte überlasse er komplett uns.“ Schon häufiger habe seine Abteilung am Victoria & Albert Museum Werkschauen von Musikern gezeigt. „Doch einem ähnlich vollständigen und gepflegten Archiv sind wir dabei nie begegnet.“

Ohne jede Frage: Die Präsentation ist perfekt gelungen, zumal auf jegliche Deutungs- und Belehrungsversuche verzichtet wird. Im Bowie-Universum ist Platz für jeden – für die allumfassenden Sinnsucher ebenso wie für alle Helden für einen Tag. Fans werden die Ausstellung mit Freudentränen in den Augen verlassen und Nicht-Initiierte als Fans gehen.