Es gibt wenige Menschen, die Karl Schmidt-Rottluff noch persönlich gekannt haben, und Detlev Rosenbach gehört zu ihnen. Der 86-Jährige ist hörbar ein wenig stolz darauf. Er ist noch immer Galerist in Hannover, seit 50 Jahren übt er diesen Beruf aus und als Kunst-Sachverständiger hat er auch in Niedersachsen gearbeitet. Detlev Rosenbach hat Werke von Otto Dix, Erich Heckel, George Grosz und eben auch Schmidt-Rottluff verkauft. „Ich hatte sie alle“, sagt er.
Schmidt-Rottluff (1884 bis 1976) wiederum war nicht nur einer der bedeutendsten Expressionisten, er hat auch das Brücke-Museum erst möglich gemacht. Er hat dem Flachbau im Bussardstieg seinen Nachlass überreicht und mit seinem Erbe ermöglicht, dass das Brücke-Museum andere Expressionisten einkaufen konnte. Wenn das Brücke-Museum heute Schmidt-Rottluff-Museum heißen würde, käme kein Mensch auf die Idee, dass die Namensgebung unlauter oder anmaßend wäre.
„Nichts ändern an Vorgängen, die zurückliegen“
Worüber Galerist Rosenbach sich in diesen Tagen nun so aufregt, ist das Brücke-Museum und wie es mit dem Erbe Schmidt-Rottluffs umgeht. So werden am morgigen Sonntag fünf Nachdrucke nach Original-Holzstöcken von Schmidt-Rottluff in einer Art Promotion-Aktion vorgestellt. Nun muss man wissen, dass Schmidt-Rottluff in bestimmten Fragen sehr eigen war. Ein Mann mit Grundsätzen, wie man so sagt. Einer dieser Grundsätze, so erinnert sich Galerist Rosenbach, war: „Nichts ändern an Vorgängen, die zurückliegen.“ Schmidt-Rottluff habe sich strikt gegen die Nachdrucke seiner Werke ausgesprochen. Obwohl es ein leichtes gewesen wäre, mit den Abzügen seiner ungedruckten Druckstöcke Geld zu vermehren. Selbst als Rosenbach die Mappe einer Sechserfolge des Lithos „Fischer“ kaufte, aber nur – aus welchem Grund auch immer – das oberste Blatt signierte, weigerte sich Schmidt-Rottluff, seine wertvolle Signatur auf die anderen fünf Exemplare zu geben.
Die Verärgerung Rosenbachs wiederum kann Magdalena Moeller nicht nachvollziehen. Die Direktorin des Brücke-Museums hält den Verkauf „von je 50 Exemplaren auf hochwertigem Büttenpapier verlegt“, wie es in dem Prospekt des Münchner Auktionshauses steht, für den angemessenen Auftakt in das Schmidt-Rottluff-Jubiläumsjahr. Vor fünfzig Jahren hatte der Künstler mit einer Schenkung seiner Werke das Museum für Expressionisten überhaupt erst möglich gemacht. An den Verkäufen der Meisterdrucke nun ist das Brücke-Museum beteiligt, daher prallt die Kritik an Direktorin Moeller auch ab: „Wir Museumsdirektoren werden doch ständig aufgefordert, dass wir uns um zusätzliche Finanzmittel kümmern.“ Magdalena Moeller hält die Neuauflage für die bessere Lösung als beispielsweise Werke aus dem Bestand zu verkaufen. Es gehöre nun einmal zur Aufgabe in diesen Zeiten, dass man neue Wege der Finanzierung finde. Außerdem habe es sehr wohl in der Vergangenheit Nachdrucke gegeben.
Ein guter Einstiegspreis, „gerade für junge Leute“
Für die Werke, die das Auktionshaus anbietet, sind Preise von 2900 Euro bis 5700 Euro aufgerufen. Der höchste Preis wird für „Weg mit Bäumen“ gefordert, es ist erstmals ein Druck in farbiger Auflage, der hier zu erwerben ist. Für das Motiv „Dünen und Mole“, Original aus dem Jahr 1917, muss ein Käufer 4300 Euro zahlen. Für Brücke-Chefin Moeller sind die Angebote ein guter Einstiegspreis, „gerade für junge Leute“, die auf diese Weise „auf den Geschmack kommen, vielleicht eines Tages einen echten Schmidt-Rottluff zu erwerben.“
Eine andere Haltung nimmt Wolfgang Wittrock ein. Der Kunsthändler, seit 40 Jahren im Geschäft und seit Anfang des Jahrhunderts in Berlin, kann nichts Ehrenrühriges an den Neudrucken an sich feststellen. Dass die Erben nicht immer das machen, was der Verstorbene wollte, sei nun einmal der Lauf der Dinge. Dagegen könne man nichts unternehmen. „Kafka wollte auch, dass seine Werke verbrannt werden“, sagt Wittrock. Dies hatte der Schriftsteller an „meinen Freund Max“ geschrieben, doch Max Brod widersetzte sich dem Wunsch, die Werke „restlos und ungelesen zu verbrennen“. Und auch Thomas Bernhard wollte per Testament nicht, dass seine Stücke jemals wieder in Österreich aufgeführt werden; auch diesem Wunsch wurde nicht gefolgt.
Es sei aber für das Brücke-Museum „eine Frage der Pietät“, ob es sich an dieser Verkaufsaktion so öffentlichkeitswirksam beteilige. Am Sonntag wird das Museum in einer „Matinée“ die Auflage vorstellen. Da offenkundig sei, dass Schmidt-Rottluff sich gegen die Vervielfältigung seiner Werke ausgesprochen hat, hätte sich das Museum in Dahlem in diesem Fall nicht exponieren sollen.




