Theaterpreis

Theaterpreisträger Simons wird sofort von Wowereit umworben

Das Berliner Theatertreffen startet mit einem Heiner-Müller-Klassiker. Zum Auftakt des Berliner Theatertreffens umwirbt der Regierende Bürgermeister Theaterpreisträger Johan Simons - aus gutem Grund.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Wer einen Preis bekommt, ist begehrt. Und ignoriert am besten am Tage der Auszeichnung das Angebot – zumindest im öffentlichen Teil der Veranstaltung. Zwar gehört Lob des Preisträgers bei einer Auszeichnung wie die Souffleuse zum Theater, aber die Worte, die Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bei der Verleihung des Theaterpreises Berlin am Sonnabendmittag wählt, lassen dann doch aufhorchen. Wowereit, in Personalunion Kultursenator und damit neben seinem neuen Kulturstaatssekretär Tim Renner zuständig für die Suche eines Nachfolgers von Frank Castorf – der Volksbühnen-Intendant hört im Sommer 2016 auf –, bezeichnet den Preisträger Johan Simons als einen „der großen Erneuerer des Theaters“. Simons verfüge über ein Profil, wie es „ideal zu einem Theaterpreis gehört, den eine offene, innovationsfreudige und begeisterte Kulturmetropole wie Berlin zu vergeben hat“.

Dazu muss man wissen, dass Johann Simons demnächst frei wird. Der Intendant der Münchner Kammerspiele hat seinen 2015 auslaufenden Vertrag auf eigenen Wunsch nicht verlängert. Allerdings gibt es ein großes Hindernis: Heimweh. Simons, aufgewachsen in der „Dorfstraße 83, Heerjansdam, Insel Ijsselmonde, Südholland“, pendelt zwischen der bayerischen Landeshauptstadt und seiner in der Nähe von Amsterdam lebenden Familie. Die nur am Wochenende zu sehen, fällt ihm schwer. Deshalb der Rückzug aus München. Nun liegt Berlin nicht viel näher an Amsterdam, aber vielleicht fällt Berlin eine kreative Lösung ein, wenn es Johan Simons überzeugen will.

Heimweh verkürzte auch schon den ersten München-Aufenthalt des Holländers. Der war 1965 wegen eines Mädchen gekommen, hatte vor den Kammerspielen mit einem Buch von Karl Valentin unterm Arm (um Deutsch zu lernen), eher zufällig einen „Sklaventreiber“ namens Peter Stein und einen Rebellen namens Fassbinder und einen „eleganten Mann“ namens Kortner getroffen. Er wollte eine Woche bleiben – fuhr aber bereits nach drei Tagen wieder zurück.

Der Schauspieler André Jung liest die wunderbare Simons-Hommage „Der Cowboy auf der Maximilianstraße“ – dort an der Luxus-Einkaufsstraße liegen die Kammerspiele, die Theaterkollegen Benny Claessens und Kristof Van Boven singen, danach halten Sandra Hüller und Thomas Schmauser im Karl-Valentin-Liesl-Karlstadt-Stil eine ebenso kurzweilige Laudatio wie Nicht-Laudatio.

Das ganze fand im Bühnenbild der Konkurrenz statt. Am Freitagabend war im Haus der Berliner Festspiele die 51. Ausgabe des Berliner Theatertreffens eröffnet worden. Mit einem Gastspiel des Münchner Residenztheaters, das nur einen Steinwurf von den Kammerspielen entfernt liegt und in den vergangenen Jahren von der Theatertreffen-Jury zu unrecht eher stiefmütterlich behandelt worden war. Dimiter Gotscheff hatte dort ziemlich genau vor einem Jahr „Zement“ inszeniert, seine erste Arbeit am Resi, das Heiner-Müller-Stück war sein Wunsch. Es sollte seine letzte Arbeit werden.

Die Heiner-Müller-Renaissance blieb aus

Gotscheff, der im vergangenen Oktober im Alter von 70 Jahren in Berlin gestorben war, war im deutschsprachigen Raum so etwas wie der Müller-Beauftragte – mit dem Segen des 1995 verstorbenen Dramatikers. Dessen Stücke sind auf den Spielplänen selten geworden. Eine Müller-Renaissance hat auch Gotscheff nicht einleiten können – und nach der dreieinhalbstündigen Aufführung im Haus der Festspiele glaubt man nicht daran, dass die demnächst bevorstehen könnte.

„Zement“ wurde 1973 von Ruth Berghaus am Berliner Ensemble uraufgeführt, das Drama basiert auf dem gleichnamigen Revolutionsroman von Fjodor Gladkow aus der Frühphase der Sowjetunion. Das Stück spielt in der Zeit nach der Oktoberrevolution, es geht um den Wiederaufbau eines Landes, um das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, den Kampf zwischen Revolutionsbefürwortern und -gegnern, um bremsende Bürokraten und Intellektuelle, die lieber Teil des Proletariats wären.

Gotscheffs im ersten Teil erfrischend ironisch grundierte Inszenierung glänzt im zementgrauen Bühnenbild von Ezio Toffolutti, der auch die Kostüme entwarf, mit zwei herausragenden, bestens aufgelegten Hauptdarstellern (Bibiana Beglau und Sebastian Blomberg). Aber die Vorlage wirkt wie aus der Zeit gefallen – Gotscheff gelingt es letztlich nicht, das Werk in die Gegenwart zu holen. Der Abend trägt museale Züge.