Konzert in Berlin

Mit dem "Ärzte"-Bonus begeistert Bela B. sein Publikum

Bela B. kennt man als Schlagzeuger der „Ärzte“. Doch nun ist er auf Solotour. Dabei fragt man sich, ob es nun sein Glück oder sein Pech ist, dass man ihn nicht ohne die Ärzte denken kann?

Foto: Henning Kaiser / dpa

Bela B. scheint es tatsächlich zu langweilig zu sein, als Trommler bei den Ärzten. Aus deren Windschatten versucht er sich mit seiner dritten Soloplatte "Bye" weiter herauszukämpfen, die er am Freitagabend live im Heimathafen Neukölln vorstellte. Wer zunächst aber auf die Bühne kam, war seine Nürnberger Begleitband Smokestack Lighnin', eine aparte Truppe mit Schlips und Kragen, die an Kontrabass, Schlagzeug und Gitarren den Auftakt spielte als befänden wir uns im Titty Twister Club.

Sie wiederum bereitete das Terrain für eine Erscheinung, die einem Film über große Soulsängerinnen der 60er-Jahre hätte entsprungen sein können. Die Haare hoch auftoupiert, gezwängt in einen todschicken Glitzerfummel und mit der dunklen, kraftvollen Stimmer einer Femme fatale bestritt die zum allerersten Mal in Deutschland auftretende Lynda Kay ein grandioses Vorprogramm.

Dieses allein war das Geld schon Wert, im Grunde hätte es überhaupt keines Bela B. mehr bedurft. Jemanden einzuladen, der das Zeug hat, einem die Show zu stehlen, das ist generös. Dafür schon einmal danke, Bela!

An die neue Mischung muss man sich gewöhnen

Im Publikum standen aber auch Puristen, die dem nichts abgewinnen konnten und sich lautstark fragten, was das denn für ein Punkrocker sei, der ihnen solch eine Vorspeise servierte. Diese Fraktion dürfte später weitere Schwierigkeiten gehabt haben, denn an die neue Melange aus Rockabilly, Countryrock und einer gewissen Ernsthaftigkeit von Bela B. muss man sich gewöhnen.

Und man fragt sich dabei, ob es nun sein Glück oder sein Pech ist, dass man Bela B. nicht ohne die Ärzte denken kann? Schön für ihn ist, dass das Publikum kreischt und jubelt, fast egal, was er macht. Dass die Hallen voll sind, zumal in seiner Heimatstadt Berlin - an zwei Abenden hintereinander war der Saal ausverkauft, am Sonnabend sogar ein zusätzliches Matinee-Konzert anberaumt.

Wenn man aber ehrlich ist: Ohne den Ärzte-Bonus könnte er kein so großes Publikum derartig begeistern. Ständig versucht man hinter der Elvis-Masche eben den rotzlöffeligen Punkrocker wiederzuerkennen, als der er der Allgemeinheit bekannt ist. Das nun aber ist sein Pech und das Schicksal aller Solokarrieristen, die ein einmal aufgebautes Image nicht mehr los werden.

Was an seinen neuen Songs durchaus witzig sein könnte, wirkt wie ein müder Abklatsch des Ärzte-Humors. Was vielleicht Tiefgang hat, wirkt aufgesetzt in der Westernhemd-Verkleidung, die hierzulande doch eher an die Marotten Line Dance tanzender Büroangestellter erinnert. So ein schickes Kostüm hilft Bela B. wenig dabei, sich ein eigenständiges neues Profil zu erarbeiten, kein ernsthaftes jedenfalls.

Bela B. kann das im Prinzip

Artig versucht er sich mit seiner Schmalztolle überm blauen Anzug als charismatischer Entertainer. Er kann das im Prinzip, die Ausstrahlung hat er, auch wenn selbstreferenzielle Textschnipsel wie "Hey Bela B." oder "Bela says" natürlich schon ein bisschen "Achtziger" wirken, um ein neues Schimpfwort zu zitieren, dass draußen vor der Tür die Wahlplakate der Piraten ziert.

Ansonsten witzelt Bela B. einigermaßen charmant mit seinen Kollegen herum, holt einen jungen Bewunderer auf die Bühne, der im Internet seine Songs nachspielte und kocht bei Songs wie dem Johnny Leyton-Cover "Johnny remember me" mit Leichtigkeit die Halle hoch. Tatkräftig hilft ihm dabei seine Ko-Sängerin Peta Devlin, die fest zum Ensemble gehört.

Also ein gelungener Abend: Der Heimathafen bietet ein tolles Ambiente, Belas Band war Klasse und nicht zuletzt die Stimmung im Publikum fast euphorisch - aber rechtfertigt die Musik gleich einen Hype? Nein doch, den haben die Ärzte verschrieben.

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