Nach vierzig Minuten brechen alle Dämme. Die Black Keys spielen die ersten Akkorde von „Lonley Boy“ und von jetzt auf gleich stürmt eine Gruppe sprungewaltiger Männer vor die Bühne und tanzt Pogo. Also natürlich diese nette Form von Pogo, in dem der hohe Sprung mehr zählt als das aggressive Wegschubsen. Punks are dead. Bei „Lonley boy“ darf der moderne, urbane Mann die Fassung für einige Momente verlieren. Denn wenn Dan Auerbach „I got a love that keeps me waiting, I'm a lonely boy“ singt, verbindet er die männlichen Königdisziplinen Ironie und Selbstmitleid.

Dass dieses Konzert ein ganz besonderes ist, wird auch dem Letzten klar, wenn er bereits beim Verlassen des S-Bahnhofes Ostbahnhof nach Karten gefragt wird. Hier gibt es keinen Schwarzmarkt, zumindest kein Angebot; wer eine der wenigen Karten im überschaubaren Postbahnhof bekommen hat, der geht auch rein. Denn in dieser Woche erscheint das neue Album der Black Keys, ihr achtes, vorgestellt in einem Exklusivkonzert von Radio1. Und wo spielen sie es das erste Mal? In Berlin. Warum auch immer. Für eine amerikanische Band, die mittlerweile vor 25.000 Zuschauer im Madison Square Garden spielt, ist das nicht unbedingt die naheliegendste Entscheidung, aber jeder, der in Berlin rein durfte, findet sie ausgezeichnet respektive dufte.

Hier wackelt auch die allersteifste Hüfte

Dan Auerbach und Schlagzeuger Patrick Carney legen gut los, um danach noch einmal das Tempo anzuziehen. „Howling for you“ und „Next girl“ sind schneller, nervöser als auf den Alben. Auerbachs Gitarre zieht und zerrt, verlässt für einen Moment den Rhytmus, nur um danach sich in eine neue archaische, rumplige Tonfolge wiederzufinden.

Das neue Album „Turn blue“ ist, soweit es schon zu hören ist, poppiger, was nicht gefälliger bedeutet. Bei der Single „Fever“ wackeln auch die allersteifsten Hüften, im Video zeigt Dan Auerbach zudem, dass aus ihm auch ein guter Schauspieler, mehr im dramatischen Fach, geworden wäre. Und „Turn blue“ klingt im Refrain wie ein Klassiker aus den Disco-Jahren der 70-iger Jahre, bei dem man glaubt, man kennt ihn von irgendwoher und den es doch noch nie gab.

Das Phänomenale an den Black Keys ist: Man erfasst ihre Lieder, nachdem man sie nur wenige Mal gehört haben. Sie sind eingängig, aber nicht unterkomplex. Schließlich lassen sie sich ohne Unterlass hören. Genau deshalb auch wurden – in einer Zeit, in der das Konzept Album eigentlich als tot und vorüber gilt – allein in den USA von „Brothers“ (2010) und „El Camino“ (2011) drei Millionen Mal Alben verkauft. So wird es mit „Turn blue“ weiter gehen. Jede Wette.