Konzert

DJ Bobo in Berlin – Zirkusdirektor, Hochseilartist und Löwe

Der Musiker startete seine Cirucs-Tour 2014 in der Schmeling-Halle. Es war eine Mischung aus Zirkus, Wagnerfestspielen und Parteitag. Und DJ Bobo sang vor dem „ausgeflipptesten Publikum der Welt“.

Foto: Jakubaszek / Redferns via Getty Images

Zunächst will man das gar nicht glauben. Der ganze Mauerpark ist mit Gittern umzäunt an diesem Abend. Die Gitter werden von Hundertschaften bewacht. Es ist der Abend des großen DJ-Bobo-Konzerts in der Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg.

Kann das wirklich sein, dass ein 1,73 Meter großer Schweizer, der in seinem Steckbrief auf der eigenen Homepage als Hobbys „Fußball, Eishockey, Badminton, Tennis“ angibt, für einen derartigen Polizeieinsatz verantwortlich ist? „Sicher! Wir sind nur wegen DJ Bobo hier“, antwortet verschmitzt einer der Polizisten direkt vor der Halle.

Er gehört keiner Hundertschaft an. Das ist so einer mit Bart und Brille, so einer, den man „Herr Wachtmeister“ nennt, ohne das böse zu meinen. Einfach weil er so liebt aussieht. Und sein Kollege klärt schließlich doch auf: „Natürlich nicht. Es ist Walpurgisnacht.“

Clown ist die Bühnendeko

DJ Bobos große Cirucs-Tour 2014 startete in Berlin. Bis zum 31. Mai 2014 wird er unterwegs sein, Deutschland und die Schweiz bereisen. Wie voll die Halle an diesem Abend ist. So voll hat man sie lange nicht gesehen. Ausverkauft war es nicht, aber bis ganz nach oben, bis auf den letzten Rang unter der Decke sind die Stühle besetzt. Das Publikum wird unruhig mit jeder Minute, mit der sich der DJ verzögert.

Die Bühne ist ein unheimlicher Koloss. Ein riesengroßer Clown. 15 Meter hoch, 46 Meter breit. Das ist so, weil man nur seinen Oberkörper und den Kopf sieht. Die Breite der Bühne ist also die Armspanne der Figur. Auf der linken Seite scheint die Hand des Clowns auf den Boden zu schlagen. Dort steht die Band von Bobo: Schlagzeuger, Gitarrist und Keyboarder. Nicht mehr. Und auf der rechten Seite der Bühne hält der Clown eine sehr große weiße Geige.

Wie auf einem Jahrmarkt um 1910

Es kann gar nicht anders sein, als die Show mit dem „Einzug der Gladiatoren“ von Julius Fučík zu eröffnen. Ursprünglich komponierte Fučík das Stück als einen Militärmarsch. 1897 war das. Aber heute denken wir sofort an den Zirkus, den amerikanischen Carnival, so alte Jahrmärkte in Amerika um 1910, auf denen Barbershop-Trios auftreten, ein Feuerwerk abgebrannt wird und sich zwei Männer in Weste und Anzug um eine Frau prügeln.

Und genau so fühlt man sich, also wie auf einem Jahrmarkt um 1910, als DJ Bobo das Konzert beginnt. Der Eröffnungssong heißt „Welcome To My Crazy Circus“. Massives Schlagzeug. „Ladies and Gentleman welcome to my circus. This will be a night to remember. Spotlight on because“, und dann hört der DJ auf zu singen.

Er steht vor dem Kopf des Clown, in einer Zirkus-Direktor-Uniform in rot. Die spiegelt und blitzt, wahrscheinlich ist sie aus Latex oder Glattleder. Was ja sehr praktisch ist, so kann man sie nach dem Konzert einfach feucht abwischen. Aus dem Bauch des Clowns springen bestimmt zehn Artisten heraus. Weibliche und männliche Clowns. Harlekins, traurige Clowns. Und dann ertönt endlich der „Einzug der Gladiatoren“ und auf diese Melodie singt der Bobo jetzt wieder „Welcome to my crazy circus/ We all do this for just one purpose/ Make you laugh, make you smile/ Make you happy for a while”.

Das Publikum ist außer sich. Bobo wird es später das „ausgeflippteste Publikum der Welt“ nennen. Die Zuhörer sind so ausgeflippt, einige tragen sogar silberne Hüte, mit Pailletten und Leuchten darauf. Andere wiederum bringen es fertig mit einer Bratwurst in der Hand so elegant zu tanzen, wie es manche ohne kaum hinbekommen.

Waghalsigste Akrobaten und lustigste Clown

„Sie werden es nicht glauben, wie haben die besten, die waghalsigsten Akrobaten und die lustigsten Clown.“ Das sagt Bobo auch noch. Und wahr ist das. Das sind Männer mit freiem Oberkörper, die perfekt choreographiert mit dreifachem Salto am Bobo vorbeiwirbeln, während bestrapste Damen auf Highheels „we will rock you, stomp to the beat“ singen. Sie haben Körper wie Soldaten. Ausdefiniert. Ins perfekte Licht gerückt.

Es ist ein unglaubliches Spektakel. Aus der Turnhalle werden Ringe aufgebaut. Sie schleudern über die Bühne. In Uniformen, die an die fliegenden Äffchen aus der Zauberer von OZ erinnern. Überhaupt Militär und Zirkus, das passt gut zusammen. DJ Bobos Konzert ist wie eine Mischung aus Zirkus, Wagnerfestspielen und großem Parteitag. Alles ist auf die letzte Sekunde inszeniert, geprobt, getimed.

Bobo spielt „Pray“, seinen größten Hit. Inzwischen hat er ein silbernes Jackett an. Das ausgeflippteste Publikum flippt noch mehr aus. Bobo erzählt davon, wie die Backstreet Boys seine Vorband waren, wie 'N Sync für ihn eröffneten und wie er mit Michael Jackson auf Tour gehen durfte. Bobo erinnert sich an die glorreichen Zeiten. Und als Dank spielt er der Max Schmeling-Halle ein Medley. Er lässt „I Want It That Way“ in „Volare“ übergehen. Und für einen Abend fühlt sich Berlin wie 1996. Und DJ Bobo fühlt sich wie Zirkusdirektor, Hochseilartist und Löwe zugleich. Nur der brennende Reifen, der fehlt an diesem Abend, zumindest in der Max-Schmeling-Halle.