Konzert in Berlin

Bei Eric Burdon schwelgen die Fans in Erinnerungen

Der 72-Jährige hat mit den Animals Rockgeschichte geschrieben. Nun stand er in Berlin vor einem Publikum aus Weggefährten. Die Haarfarbe grau dominierte und der Jubel hallte lang durch das Tempodrom.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Er hat vor 50 Jahren mit den Animals Rockgeschichte geschrieben. Er war ein junger weißer Sänger mit der schwärzesten Bluesstimme, die man sich damals vorstellen konnte. Er ist immer mal wieder tief gefallen, aber immer wieder aufgestanden, hat Drogen und Alkohol überlebt und mit „House Of The Rising Sun“ einen Jahrhundertsong im Repertoire, an dessen Akkorden sich unzählige angehende Gitarristen geübt haben und immer noch üben.

Nun steht Eric Burdon am Dienstagabend in Berlin auf der Bühne des bestuhlten und bestens gefüllten Tempodrom vor einem Publikum aus lauter Weggefährten. Die Haarfarbe grau dominiert. Und Erinnerung durchzieht den Raum. In ein paar Tagen kann Burdon seinen 73. Geburtstag feiern, doch von Ruhestand will der Mann, der vom englischen Newcastle-Upon-Tyne aus die Welt erobert hat, nichts wissen.

Im Gegenteil. Er hat seinem rund 50 Platten starken Backkatalog gerade mit „’Til You’re River Runs Dry“ ein großartiges neues Album hinzugefügt. Und ist mit neuer Band auf großer Tournee. Er kann nicht anders. Sein Lebenselixier ist die Bühne. Ist das Rampenlicht. Ist der Applaus, der ihm auch an diesem Abend hemmungslos entgegenbrandet. Einer Legende wird gehuldigt.

Großmeister des Rock, des Blues, des Soul

„Don’t Bring Me Down“, der Animals-Hit von 1966 aus der Brill-Building-Songschmiede von Gerry Goffin und Carole King, steht am Anfang dieser knapp zwei Stunden mit einem Großmeister des Rock, des Blues, des Soul. Burdon, ganz in Schwarz, mit Ray-Ban-Sonnenbrille auf der Nase und kleiner frecher Tim-und-Struppi-Tolle auf dem kurzen weißen Haar, hat noch immer diese tiefer gelegte Stimme, in der der Dreck der Straße so wunderbar schmutzig knistert.

Gleich als zweites Stück des Abends wird „When I Was Young“ von 1967 aufgefahren. Jenes Lied, in dem er von seiner Jugend erzählt. Vom Vater, der in den Krieg ziehen musste. Von der ersten Zigarette, als er zehn Jahre alt war. Und von der ersten großen Liebe. Er singt im Refrain „When I was younger“ und zählt am Ende Namen auf, die seine Liebe zur Musik entfacht haben: John, Paul, George and Ringo ebenso wie Elvis Presley, Bo Diddley und James Brown. Längst ist das ganze Publikum auf seiner Seite.

Spaß mit seinen Musikern

Burdon scheint besten aufgelegt und gut in Form. Er hat Spaß mit seinen Musikern, die die Klassiker mit einer Art hochmusikalischer Ehrfurcht aus der Vergangenheit ins Heute tragen. Der Sound ist bestens, dürfte allerdings ruhig lauter sein. Es ist fast ein bisschen zu viel der Zimmerlautstärke. „When I Was Young“ geht nahtlos über in „Inside-Looking Out“ von 1966, das die verraucht-verschwitzte Atmosphäre eines Sixties-Rock-Klubs beschwört.

Doch es ist nicht alles von gestern. „Water“ vom neuen Album bringt zeitgemäße Frische ist Repertoire, ebenso wie die Ballade „Wait“. Und als Kuriosum entpuppt sich das geradezu hardrockige „Black Dog“, ein mächtiges Rockstück, das Burdon 2012 mit der Garagenband The Greenhornes aus Nashville für eine Vinyl-EP aufgenommen hat. Und dessen Bass- und Gitarrenlinien sehr an Jimi Hendrix‘ „Who Knows“ vom „Band of Gypsies“-Album erinnern.

Er huldigt seinen persönlichen Idolen. Nina Simone mit „Don’t Let Me Be Misunderstood“ im Reggae-Trab, Bo Diddley mit dem neuen Stück „Bo Diddley Special“ und Ray Charles mit einem blueslastig auftrumpfenden „I Believe To My Soul“. Er springt nicht mehr über die Bühne wie zu Sturm-und-Drang-Zeiten. Er weiß hauszuhalten mit seiner Energie. Er muss es wohl auch. Als ihm ein Fan aus dem Publikum ein Bier hochreicht, nippt er kurz daran, und wie aus dem Nichts erscheint eine junge Frau aus dem Dunkel und trägt den vollen Becher sofort hinter die Bühne. Was bei dem Sänger und seinen Musikern für Heiterkeit sorgt.

Raum für solistische Alleingänge

Er hat einige erfahrene Musiker um sich versammelt. Der Pianist und Hammond-Organist Red Young gehört zur Band, der Gitarrist Billy Watts und der Bassist Terry Wilson. Für einen mächtigen Rhythmus sorgen Schlagzeuger Tony Braunagel und Perkussionist Wally Ingram. Immer wieder bekommen die Instrumentalisten Raum für solistische Alleingänge. Immer wieder brechen sie aus eingefahrenen Mustern aus und finden wieder zusammen. Es ist pure Freude, ihnen zuzuhören.

Eric Burdon hat im Laufe seiner Karriere so viele Hits gelandet, dass ein Konzert nicht für alle ausreichen würde. Aber natürlich gibt es „Spill The Wine“, diesen groovenden Sprechgesang aus seiner Zeit mit der schwarzen US-Funkband War. Und „We Gotta Get Out Of This Place“. Und „It’s My Life“. Und zum großen Finale erklingt auch der Klassiker schlechthin, das Lied von diesem Bordell in New Orleans, dem „House Of The Rising Sun”, das im letzten Teil zu einem rotlicht-schwangeren Ragtime umarrangiert wird.

Burden und seine Truppe werden von Applaus umarmt. Zur ersten Zugabe „I’m Crying“ können sich die beiden Schlagwerker noch einmal richtig austoben und das Publikum hat reichlich Gelegenheit zum Mit-hu-hu-en. John Lee Hookers derbes Bluesprachtstück „Boom Boom“ fungiert schließlich als druckvoller Rausschmeißer. Solange dieser Mann auf der Bühne stehen kann, wird er immer wiederkehren. Der Jubel hallt lang und dankbar durch das Tempodrom.