Konzert in Berlin

Marteria rappt gegen die neue Generation von Spießigkeit an

Das letzte Konzert seiner Tour hat Rapper Marteria in einer ausverkauften Max-Schmeling-Halle gegeben. Es wurde ein Kindergeburtstag mit seinen Freunden Miss Platnum und Kid Simius auf der Bühne.

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Die Flammen schießen mehrstrahlig nach oben. Bestimmt zehnt Meter. Das ist so heiß, dass die Sicherheitsleute vor der Bühne sich immer ducken, wenn das passiert. Und einer reibt sich dann die Glatze, er hat sich wohl verbrannt. Die Max-Schmeling-Halle ist ausverkauft.

Es ist der letzte Abend seiner großen Tour. Der Rapper Marteria tritt auf. Marteria spielt einen Hip-Hop, der eigentlich keiner mehr ist, der nur noch den gesprochenen Reim mit dem ursprünglichen Hip-Hop teilt. Musikalisch mischt sich dort Großraumdiskoelektronik mit einem Cross-Over, wie früher von Rage Against The Machine, mit backgroundsteppenden Chören im Gleichschritt tanzender Damen. Marteria schrieb mit den Toten Hosen an deren letztem Album „Ballast der Republik“, als Kunstfigur Marsimoto rappte er mit Helium-Stimme. Marteria ist ein Künstler, der vieles probiert, der keiner Subkultur mehr zugehört. Seine Fans tragen Lederjacken, Baggy-Pants, Hooligan-Pullover oder goldene Leggins, oder eben Trikots von Hansa Rostock.

Die Flammen haben Pause jetzt. Man dachte ja wirklich kurz, jetzt kommen Rammstein. 14 Songs ist es her, da kam Campino von den Toten Hosen auf die Bühne. Sie spielten zusammen „Die Nacht ist in mir.“ Campino, ein Mann, der wie ein Bonbon heißt, der jeden Morgen nach dem Aufstehen erst mal „Chaos“ mit Feuchtigkeitslotion auf seinen Oberkörper schreibt, der mit 51 immer noch behauptet, Punk zu sein, aber bürgerlicher nicht sein könnte. Nach Campino jedenfalls, dachte man, alles ist möglich. Warum also nicht Rammstein. Die haben es ja auch nicht weit, weil mindestens zwei von denen gleich um die Ecke wohnen.

Die Bühne ist ein Spielplatz für Marteria

Alles ist grün. Marteria spielt sogar einen ganzen Block mit Marsimoto-Songs. Die Stimme ist sehr anstrengend. „Marsimoto, der erste Mohikaner/ Endlich wieder viel Gras Spannung und Indianer“, rappt er also. Marteria will sich nicht festlegen, für ihn ist die Bühne ein Spielplatz, Kindergeburtstag mit Verkleiden und Topfschlagen mit einem großen Wummern. Alle seine Freunde sind da. Auf der Bühne sind das Miss Platnum und Kid Simius, und im Publikum stehen sie auch kopfnickend und händehebend, einer von den Beatsteaks, irgendeine Bloggerin, die Rapper interviewt, Dendemann, ach die ganzen Musiker und Leute von der Plattenindustrie, die jetzt vierzig sind, ein Haus gebaut, oder schon einen Baum gepflanzt haben.

Das ist schön, weil das Konzert von Marteria so allumfassend vereinnahmend ist. Jeder gehört dazu, keiner bleibt draußen. Andererseits auch befremdlich, weil Pop eigentlich aus Abgrenzung besteht. Eigentlich. Marteria ist selbst in einer Welt angekommen, von der er vorgibt, ihr entfliehen zu wollen. „Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern/ So ist das hier im Block, Tag ein, Tag aus/ Halt mir zwei Finger an den Kopf und mach: Peng! Peng! Peng! Peng!“ Er zieht sich die Hose runter.„Keiner tätowiert sich Wu-Tang auf'n Arsch“, rappt er, und auf seinem Hintern ist tatsächlich das Logo der New Yorker zu sehen. Marteria erzählt davon, kein Teil einer VW-Passat- und Golfspieler-Generation sein zu wollen, von einem Freundeskreis aus Zahnärzte. Er singt gegen die neue Generation von Spießigkeit an. Marterias Lösung des Problems, er selbst wird Spießer. Seine Lösung ist nicht die Revolte, sondern die Kapitulation.

Die Flammen schießen ein letztes Mal nach oben vor der Zugabe. Zwei Kids rufen „jetzt wird’s kriminell“ und rennen runter in die schwitzende Masse. Mit weißem T-Shirt, mit einer Jacke mit Tiger-Motiven und Zebrasteifen darauf, auf und ab hüpfend, so verabschiedet sich Marteria dann doch nicht. Er macht den Oberkörper frei. Jägermeisterrammsteinwackencampingplatzdrauf. Er Tarzan, wir Jane. Jetzt wird’s wirklich kriminell.