Musik

Rapper Marteria ist kein Romantiker, er ist ein Realist

Er spielte in der Jugendnationalmannschaft, dann war er Model. Heute ist der Berliner Marteria der beste Deutschrapper. Sein neues Album „Zum Glück in die Zukunft II“ ist Pop und Literatur.

Foto: Paul Ripke

Ist das noch Hip-Hop? In Berlin-Prenzlauer Berg sehen dreihundert Besucher einen Dia-Abend in der Sternwarte. Zwei unrasierte Männer über 30 zeigen Bilder ihrer Weltreise. Marteria, der eine, zählt seit seinem Album „Zum Glück in die Zukunft“ von 2010 zu Deutschlands besten Rappern.

Neben ihm auf einem Hocker sitzt der Fotograf Paul Ripke. Dazu läuft die Titelmelodie aus „Star Wars“ von John Williams, über dem Gestühl leuchten die Sterne an der Kuppel, und die Gäste seufzen.

Im Herbst 2013 waren Marteria und Ripke unterwegs gewesen, um das Album „Zum Glück in die Zukunft II“ zu bebildern. Man sieht Videos und Fotos aus dem Schweizer Kurort Spiez, dem legendären Geisterplatz der deutschen Fußballweltmeister von 1954, und aus der chilenischen Salpeterwüste. Aus einer Favela in den Hügeln Rio de Janeiros, wo sich bereits Michael Jackson filmen ließ, von Gletschern in Alaska und aus dem Himalaja in Nepal.

Der Bart wächst wie der Bauch

Vielleicht ist es deshalb Hip-Hop, weil sie auch die Dollarbündel zeigen, die ihnen die Plattenfirma für die Reise schweren Herzens überreicht hatte. Sie haben ihre 22 Bordkarten fotografiert, die in drei Wochen abgeflogen werden mussten. Und zwischen die Werbebilder werden auch Beweise dafür projiziert, sondern auch die Beweise dafür, was der wahre Mann in freier Wildbahn tut: Er isst Gegrilltes, er trinkt Bier, er lässt den Bart so unbekümmert wachsen wie den Bauch.

Man hört dabei Marterias neue Stücke. Während er sich in Alaska hemmungslos besäuft, läuft „Die Nacht ist mit mir“, das schönste Trinklied, das im deutschen Hip-Hop je gedichtet und vertont wurde. Der Altbier-Veteran Campino fällt in den Gesang ein. Von den Toten Hosen war Marteria zuletzt als Autor für die Lieder zum „Ballast der Republik“ verpflichtet worden.

Auch der jetzt schon überall gespielte Vorbote des Albums, „Kids (2 Finger an den Kopf)“, handelt davon, dass die Kultur des Feierns zunehmend verfällt. „Alle auf Salat, keiner mehr verstrahlt“, beklagt Marteria. Im Video dazu läuft er im Anzug in Berlin durch traurige Büros und durch noch traurigere Fitness-Hallen: Niemand isst mehr Fleisch, trinkt Bier, raucht Gras. Alle lieben den FC Bayern München, mähen Rasen, halten sich gesund.

Wer von Marteria noch nie etwas gehört hat, könnte „Kids“ für eine heitere, humorvolle, aber tief drinnen hohle Hymne auf den Hedonismus halten. Aber da kennt er Marteria eben schlecht. Die großen Rapper sind die Literaten unserer Zeit, und was sie schreiben und auf Platten pressen lassen, erzählt immer mehr, als man beim ersten Lesen oder Hören denkt.

Aufgewachsen in der DDR

Marterias Geschichte war das Material für seine erste große Platte. „Konsole an, das Spiel kann beginnen/ Dicke rote Backen, was ein niedliches Kind/ Aufgewachsen in der DDR/ Reiß die Mauern ein mit meinem Transformer/ Ich spring von Level zu Level“. So begann „Zum Glück in die Zukunft“, sein Konzeptalbum über ein Leben als Computerspiel.

Marterias Geschichte war 2010 auf sämtlichen Kanälen so erregt und ungläubig geschildert worden, dass man sie schon aus Reflex für die Fiktion einer Fiktion gehalten hatte. Er sitzt in Berlin bei seiner Plattenfirma im Büro, und seine Augen leuchten einem himmelblau entgegen wie die Orientierungslämpchen eines Avatars.

„Groß Klein war unser Getto“, sagt er. Das ist schon der erste wahre Witz: Marteria ist in den 80ern und 90ern in einem der Trabantenstädte Rostocks aufgewachsen, neben Lichtenhagen, wo die Ausländerwohnheime brannten, als die DDR verschwunden war. Vom Titel der „Titanic“ grüßte ein Prolet mit feuchtem Schritt, erhobenem Arm und Nationaltrikot als Kind des Plattenbaus.

Marteria erzählt von einer Kindheit unter vielen Kindern, deren Eltern Arbeiter und Akademiker waren, sein Vater fuhr zur See, die Mutter unterrichtete Geschichte an der Schule. Jugendliche Subkulturen prallten aufeinander, links und rechts. Marteria malte sich Wu-Tang auf sein Sweatshirt und hörte die Hip-Hop-Platten seines großen Bruders. Als Groß Klein zum Getto wurde, zum sozialen Brennpunkt, zog Marteria mit der Familie nach Warnemünde an die See.

Rap ist ein Nachrichtenkanal

Als er bei Hansa Rostock Fußball spielte, holte ihn Horst Hrubesch in die Jugendnationalmannschaft. Als er mit 17 nach New York flog, seine Schwester sah sich als Au-pair die Welt an, nahm ihn eine Model-Agentur unter Vertrag. Er sah sich selbst die neue, weite Welt als Männermodel an. Das sei es wert gewesen, sagt er, in die Scheinwelt einzutauchen, in das Boss-und-Diesel-Universum, und es glücklich hinter sich zu lassen.

Er ging nach Berlin und kaufte sich vom Modelgeld Geräte, die er brauchte, um zu rappen und zu musizieren. Er studierte Schauspiel, spielte Goethes Faust auf einer Schülerbühne, machte mit in einem Stasi-Lehrstück für den Rundfunk. „Ich war nur ein kleiner Junge, der Fußballer werden wollte, Model wurde und jetzt Hip-Hop macht“, erklärt Marteria, als sei ihm die Geschichte selbst zu viel.

Auf seinem Album von 2010 bestand er seine Lebensabschnitte als Prüfungen, sammelte Punkte und wuchs über sich hinaus. Er war gewesen, was Millionen Kinder werden wollten, Fußballprofi oder Model, und am Ende war er Musiker. Als er anfing, spielte deutscher Hip-Hop keine Rolle mehr im Popgeschäft. Die Kinder aus der Vorstadt und den Reihenhäusern waren müde. Erst die bösen Buben von der Straße brachten ihn zurück mit ihren wüsten Fantasien und zusammenfantasierten Lebensläufen.

Rap ist die Literatur der Jugend, auch wenn Sido und Bushido, ihre Helden, über dreißig sind. Marteria hat in „Sekundenschlaf“ mit Peter Fox schon vor vier Jahren darüber gerappt, wie es im Alter sein könnte, zu rappen. 31 ist er jetzt, „Alt & Verstaubt“ heißt eines seiner Lieder. Doch wenn für die schwarzen Amerikaner Rap das CNN der Schwarzen war, ist für ihn Rap eine Art Nachrichtenkanal und Unterhaltungssender für die deutsche Jugend.

„Kids“ ist also mehr als die Beschwerde eines älteren Mannes über eine Jugend, die es nicht so toll treiben möchte wie er früher und heute noch. Das wäre Rock ’n’ Roll. Er weiß, woran es liegt, dass seine Ratschläge aus alten Songs nicht mehr beherzigt werden: Keiner kämpft noch am Computer, bis der Endboss kommt, und niemand feiert, bis er lila Wolken sieht. Es sind die Sehnsüchte nach Sicherheiten und die Zwänge ökonomischer Verhältnisse, die ihre Opfer unablässig optimieren wollen. Es geht nicht mehr um Karriere oder keine, um das Richtige im falschen Leben. Es geht um das Leben.

Klügstes Stück Musik auf Deutsch seit vielen Jahren

Weiter hinten auf „Zum Glück in die Zukunft II“ wird man vom wütendsten und klügsten Stück Musik auf Deutsch seit vielen Jahren überwältigt. Es heißt „Bengalische Tiger“ und hat schon im Netz für einige Aufregung gesorgt, weil Jugendliche im dazu gedrehten Video durch die Straßen rennen, sachbeschädigen und Autos anzünden. Marteria verbündet sich mit ihnen und sieht auch die Polizei mit ihren Augen. Er zählt Städte auf, in denen Straßenkämpfe an der Tagesordnung waren oder sind, auch deutsche.

Darf der das? „Schwarze Kapuze/Flutlicht brennt/ Stempel drauf: Hooligan“, ereifert sich Marteria. Er rappt vom roten Licht der Pyrotechnik, den Bengalos, wie von einem wärmenden Lagerfeuer, und davon, wie oben in den Logen allmählich die Luft knapp wird. Den Fußball-Fanblock kennt Marteria als Fußballer und Fan von Hansa Rostock.

Er weiß, dass Ultras als wohl letzte jugendliche Subkultur sensibel auf soziale Schwingungen reagieren. In Kairo, Istanbul und Rio de Janeiro waren Fußballfans die ersten Revolutionäre. „Evolution wird mit R geschrieben“, ruft Marteria.

Doch er ist kein Romantiker, er ist ein Realist. Das alles heißt nicht, dass seine Musik nicht schön wäre und seine Poesie nicht lustig. Darin kommen Zeilen vor, die man sofort als Überschrift ins Feuilleton oder auf T-Shirts drucken möchte. Endlich spielt ein deutscher Rapper dazu seinen eigenen Dubstep. Keiner hat eine so lebensweise Stimme wie Marteria. „Das Leben ist kein U-Bahnhof“, heißt es in „OMG!“.

Nach dem eigenen Leben hat er nun die Welt vertont. Und wo er war, hat er den Kindern das gegeben, was sie heute dringend nötig haben: einen, der mit ihnen Fußball spielt. Eines dieser Kinder schaut einen vom Cover dieses unfassbaren Albums an. Ein Junge zielt auf uns vom anderen Ende dieser Erde. Wir sollten ihn ernst nehmen. Wenn das nicht Hip-Hop ist, was sonst?