Konzert in Berlin

Sido gibt den Rüpel und den handzahmen Familienvater

Bei Sido in der Tempelhofer C-Halle bekam jeder sein Happy End: grenzenlose Empathie, Rapper wurden versöhnt und Joko Winterscheidt für einen Spontan-Auftritt auf der Bühne ausgepfiffen.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Wenn Skandal-Rapper im bürgerlichen Leben ankommen, nehmen ihnen das die Fans erstaunlicherweise nicht so übel, wie gedacht. So auch im Fall von Sido: Statt in der Plattenbausiedlung abzuhängen, dürfen wir ihn in seinem Einspieler vor dem Auftritt ganz rustikal beim Holzhacken in Hohen Neuendorf zuschauen.

Eigenheim, Schmuse-Rap, Liebesbekundungen - mit seinem Konzert am Mittwochabend in der Berliner Columbiahalle beweist er, dass er mit so ziemlich gar nichts seine treuen Fans verprellen kann.

Nur schnell wird mit den „Fuffies im Club“ geworfen, dann werden auch schon die ersten gefühlvollen Töne angestimmt. Der Lieblingspöbel des Deutschrap ist ruhiger geworden. Mit 21 Stücken präsentiert er dem euphorischen Publikum, dass er jetzt auch anders kann.

Sogar Bushido gibt sich die Ehre

Es wird gejubelt, getrunken und am Höhepunkt des Abends nebenbei noch fast der gesamten Kader des deutschen Rap für „30-11-80“ auf der Bühne vereint. Sogar sein ehemaliger Erzfeind Bushido gibt sich die Ehre, nichts ist dem Rapper mehr heilig. Im kommerziellen Geschäft voll angekommen, gibt er sich als Gönner, Versöhner und versammelt alte Freunde und Feinde, um seine Fans in Berlin zu beeindrucken.

Ob als handzahmer Familienvater oder Rüpel – seine Fans lieben Sido wie er ist. Deswegen genießt er an diesem Abend auch das Privileg beides sein zu können. Niemand stellt hier auch nur ein bisschen seine Authentizität in Frage, obwohl ein wenig ironische Distanz bei ihm immer angebracht ist. Wenn das Publikum allerdings zwischen „Liebe“ und „Arschficksong“ wählen kann, entscheidet es sich für das Zweite. Auch Sido versteht, dass seine Fans ihn immer dann ganz besonders gern haben, wenn er so richtig gemein wird. Deswegen werden die provokanten Stücke auch am lautesten gesungen.

So bleibt ein Teil von ihm wohl für immer im Märkischen Viertel. Aber nur ein kleiner.

Und jeder bekommt an diesem Abend sein Happy End nach Wunsch: Rapper werden versöhnt, Sido wird grenzenlose Empathie zugesichert und Joko Winterscheidt für einen Spontan-Auftritt mit misslungener Selbstinszenierung auf der Bühne ausgepfiffen.

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