Gangsta-Rapper

Sido ist jetzt Volkssänger, Bushido bleibt pubertär

| Lesedauer: 7 Minuten
Frédéric Schwilden

Foto: Josef Fischnaller

Bushido hat seine neue CD „Sonny Black“ herausgebracht. Von Reife keine Spur, stattdessen kehrt er mit seinem üblichen Jargon zurück - und hofft, dass sich davon noch jemand provozieren lässt.

Jetzt ist er also wieder da, der letzte deutsche Gangsta-Rapper. Bushido. Und wenn so einer zurückkommt, mit einer neuen Platte, dann muss der natürlich vorher auf alle Büsche des Landes klopfen, damit zur Veröffentlichung jeder weiß, dass es das neue Album gibt. Bushidos neues Album heißt „Sonny Black“.

Wo andere aber eben klopfen, haut Bushido auf die größten Pauken des Landes. Das hat schon vergangenes Jahr angefangen mit dem Stück „Stress ohne Grund“, auf dem Album eines Rappers Shindy, in dem Bushido Tötungs- und Sex-Fantasien mit anderen Prominenten formuliert.

Sido ist reifer geworden

Da soll also der Rapper Kay One zum Sex gezwungen werden, Oli Pocher soll verprügelt werden, Serkan Tören ins Gras beißen und Claudia Roth soll erschossen werden. Darauf folgt noch ein Song mit einem Video über die Hinrichtung seines alten Weggefährten Kay One, der mit Bushido gebrochen hat.

Es geht auch anders: Sido meldet sich im vergangenen Jahr im November zurück. Er präsentiert sich als erwachsener Songschreiber. Sein Album „30-11-80“ ist das Werk eines Story-Tellers, der Hip-Hop darauf ist nur noch Medium und Ästhetik, der Inhalt aber offen, nachdenklich und selbstkritisch. Sido hinterfragt darauf sein Verhalten, seinen Werdegang.

Sido rappt also inzwischen davon, was er bei seinem ersten Sohn alles falsch gemacht hat, er besingt seine große Liebe, seine Frau Charlotte, und bekommt auf dem Album Unterstützung von Helge Schneider und Marius Müller-Westernhagen. Sido ist endgültig zu einer Stimme Deutschlands geworden, Sido ist jetzt ein Volkssänger.

Wirklich guter Rap geht anders

Bushido ist das nicht: Anstatt gereift zurückzukommen, kehrt Bushido mit seinem üblichen Jargon zurück. „Sonny Black“ eröffnet er also mit einem Stück, das „Fotzen“ heißt.“ Und wer „Fotzen“ sagt, darf eben nicht an den Tischen der Republik speisen. Er provoziert aus Kalkül. Er will den Sound der Straße sprechen, in der er lange nicht mehr wohnt.

Er schreibt Stücke wie „AMG“. AMG ist diese Mercedes-Tuner-Firma, die die normalen Mercedes-Autos noch einmal aufmöbelt. Ein AMG ist natürlich der Traum derer, die noch nicht einmal wagen, von einem Schulabschluss zu träumen.

„Sonny in der Limousine/ Businessman wie der Pate, küss die Hand, Visa Karte/ Lieferware, Drogenübergabe in der Tiefgarage/ Tätowierung, Ghetto Hero, Gangsta Rap King“, das rappt er da. So langsam, dass man den Bushido am liebsten rütteln möchte. Im Hintergrund eine Klaviermelodie wie aus einer Mystery-Sendung.

Nein, nein, wirklich guter Rap geht anders. Das ist gar nicht inhaltlich gemeint. Inhaltlich ist die gesamte Pose des neuen alten Bushidos stimmig. Es bleibt aber eben Pose. Auf dem Cover posiert Bushido als Mudschahedin mit Bart und Turban.

Voranzukommen heißt, nur noch mehr Geld zu verlieren

Er ist aber kein Gotteskrieger. Er instrumentalisiert nur deren Ästhetik. Im „Osama Flow“, so etwas wie Bushidos Interpretation von „MFG“ von den Fanta Vier, reiht er also nur belanglos Reizwörter aneinander. „Schwarzlicht, Scheinwerfer/ Maischberger will mein Sperma/ Taliban Rapper/ Hannibal Lecter/ Nutte, du bist Moshammer/Nutte, ich bin Osama/ Afghanistan, Pakistan/ Partisan, Vatikan.“

Voranzukommen heißt für Bushido, nur noch mehr Geld zu verdienen. Anders kann Bushido nicht mehr aufsteigen, weil er längst außerhalb unserer Gesellschaft steht. Dafür ging er den Pakt mit dem Teufel ein. Mit Arafat Abou-Chaker, einem Mitglied eines großen Clans aus Berlin. Arafat soll ihn aus einem ungünstigen Vertrag mit Aggro-Berlin heraus geholt haben, mit Drohungen natürlich.

Die Szene gibt es auch in der Verfilmung von Bernd Eichinger über Bushidos Leben. Arafat und Bushido sind wie Brüder und machen Geschäfte zusammen. Und Bushido hat, seitdem der „Stern“ eine Geschichte über eine Generalvollmacht gebracht hat, endgültig den Ruf als echter Gangster weg. Bushido weiß um genau diese Mechanismen. Denn dumm ist er nicht. Er ist ein Unternehmer, ein überaus erfolgreicher. Der das Produkt Bushido gut verkauft, aber nur das pubertäre Bushido-Produkt.

Bushido rappt für die verwahrlosten Kids

Er schreibt weiter für die Songs, die sich, wie seine Musik, nicht weiterentwickelt haben. Und für die neue Generation von Menschen, die sich Ortsteilnamen von Städten auf den Hals tätowieren lassen. Bushidos Stillstand ist kein Stillstand, weil er stehen geblieben ist, es ist ein Stillstand als Investment.

Also rappt er für die verwahrlosten Kids, die sich mit Schmerzmitteln vollpumpen und anderen auf die Fresse hauen, vor denen man wirklich Angst hat, wenn man nachts irgendwo entlang der U8 aussteigen muss.

„Es ist mitten in der Nacht, du hast Angst in Berlin/ Ich schluck’ Tilidin und Amphetamin, yeah/ Halt die Fresse, Junge guck’ auf den Boden/ Um Typen so wie mich machst du lieber einen Bogen, Nutte“, das rappt er im Song „Mitten in der Nacht“. Dabei ist er Moslem, trinkt nicht mehr, lässt sich den Bart stehen.

Was bleibt, wenn sich keiner mehr provoziert fühlt?

Er rappt auch für die, die nicht verwahrlost sind und durch Filme wie Scarface und GoodFellas vom großen Geld und vielen Drogen und Sex mit jungen Frauen träumen, aber in Wahrheit zu schüchtern und zu picklig sind, um eine Frau anzusprechen. Zumindest wenn sie nicht in der Gruppe auftreten und „Nutte“ zu ihr sagen.

Bushido bedient sein Stammpublikum, das von ihm nichts anderes erwartet, als dass er bitte so bleiben möge, wie er ist.

Der Musikmarkt ist voll von solchen Künstlern. Auch von Motörhead erwartet keiner, dass Mister Kilmister auf einmal die Harfe zückt. Aber was bleibt von Bushido, wenn sich keiner mehr provoziert fühlt? Trägt dann noch sein Geschäftsmodell der Aggression?

Sprachfertigkeiten der Fans noch schlechter

Schade eigentlich, dass der Künstler Bushido sich nicht weiterentwickelt hat. Denn der Mensch Anis Mohamed Youssef Ferchichi hat es. Mit seiner Frau Anna-Maria kümmert er sich um die im vergangenen Jahr geborenen Zwillinge.

Er ist dabei, ein Haus in Kleinmachnow zu renovieren. Er ist jetzt ein Familienvater, ein Mann mit Verantwortung, einer, der für seine Kinder ein Vorbild sein möchte. Aber als Rapper ist er immer noch in der ewigen Pubertät gefangen. Ein bisschen holprig klingt es und nicht wirklich gut. Aber die Sprachfertigkeiten seiner Fans sind wahrscheinlich noch schlechter.