Tonio Arango hat die Lektion seines Lebens gelernt: Trete niemals gegen Bücher. Wobei es sich dabei weniger um eine moralische als eine medizinische Belehrung handelt. Bei den Proben im Renaissance-Theater kickte der Schauspieler gegen einen Bücherstapel – und zog sich dabei einen Muskelfaserriss zu. Wie immer so etwas auch passieren mag, die Premiere des Stückes „Wir lieben und wissen nichts“ am Donnerstag ist milde gefährdet. Am Ende wird der Arzt entscheiden, 80 zu 20 stünden die Chancen, dass die Aufführung klappt, lässt Regisseur Torsten Fischer mitteilen.

Eine weitere Verzögerung wäre natürlich schade, hat doch eines der erfolgreichsten deutschen Theaterstücke der vergangenen Jahre um Berlin einen kaum erklärbaren Bogen gemacht. 2012 wurde das Stück „Wir lieben und wissen nichts“ des Berliner Dramatikers und Romanciers Moritz Rinke am Schauspielhaus Frankfurt uraufgeführt.

Es war sein erstes Stück nach siebenjähriger Theater-Pause – in der Zwischenzeit veröffentlichte er den Roman „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, der sich 170.000 mal verkaufte. Es ist einer dieser (sehr seltenen) Beziehungs-Tragikomödien, über die man während der Aufführung so gut lachen kann, weil einem die Situation schwer vertraut vorkommt und man sich beim Weg nach Hause bang fragt, ob man sich eventuell gerade über sich selber amüsiert hat.

Der „Stresstest für die moderne Bürgerlichkeit“ („Süddeutsche Zeitung“) geht vom klassischen Vierer aus. Zwei Paare treffen sich. Sie haben sich über das Internet kennenlernt. Eigentlich wollten sie befristet Wohnung tauschen, doch werden sie an diesem Tag das Heim nicht verlassen. Hannah (Gesine Cukrowski) muss in die Schweiz fahren. Dort warten Banker auf sie, die in ihrem Zen-Kurs richtig atmen lernen sollen. Ihr Lebensgefährte Sebastian (Hans-Werner Meyer) ist außer sich.

Auch in der Provinz ist das Stück sehr erfolgreich

Hannah habe sich „von den asozialen Kräften unserer Gesellschaft kaufen lassen,“ sie „trete den Buddhismus mit Füßen“ und überhaupt: Man studiere doch nicht Sozial- und Religionswissenschaften, „um am Ende aus Bankern perfekt atmende Samuraikämpfer zu machen“. Sebastian hingegen ist der verträumte Bücherwurm, ausgestattet mit kapitalismuskritischem Sendungsbewusstsein. Das ist die eine Lesart. Die andere Lesart ist, dass er ein Verlierer ist, ohne richtigen Job, der immer an der Seitenlinie des Lebens steht und rumnölt.

Das andere Paar ist der erwähnte Roman (Tonio Arango) und Magdalena (Judith Rosmair). Hier ist der Mann der Macher und seine Frau das leicht verhuschte, wundersame Persönchen. Roman kontrolliert am Computer für ein IT-Unternehmen den Raketenstart eines Satelliten. Was er nicht weiß, im Gegensatz zu Magdalena, ist, dass er bereits gefeuert ist. Wahrscheinlich wäre alles einfacher, hätten sich die Macher und die Romantiker zusammengetan, aber so läuft es ja auch selten im richtigen Leben. Und an dieser Variante hat der Zuschauer auch mehr Freude.

Zumindest anderswo. „Wir lieben und wissen nichts“ läuft seit einem Jahr an den Hamburger Kammerspielen. 20.000 Zuschauer kamen bislang, jeden Abend ist die Vorstellung ausverkauft. Auch in der Provinz ist es erfolgreich. Allein in Bayern wird es in Augsburg, Regensburg, Landshut und Ingolstadt aufgeführt. In der Provinz ist der ausverkaufte Theatersaal nicht nur eine feine wirtschaftliche Sache, sondern auch die Legimitation für das Theater vor Ort schlechthin.

Wenn es auf der Bühne floppt, hat es der Regisseur vermasselt

Das ist natürlich schnöde marktwirtschaftlich gedacht. Kommerzieller Erfolg – mit anderen Worten: Den Leuten gefällt’s halt – wird desto unwichtiger, je subventionierter der Betrieb ist. Womit wir in Berlin gelandet sind. Rinkes Stück lag lange Zeit beim Deutschen Theater, ohne dass es, bis auf ein Gastspiel aus Bern, zur Aufführung kam. Das ist umso erstaunlicher, weil dort mit John von Düffel ein Dramaturg angestellt ist, der das Publikum unterhalten will und formalästhetische Überlegungen nach hinten stellt. Und dass der Stoff populär ist, zeigt sich auch dadurch, dass Constantin Film, ein konstanter Blockbuster-Lieferant am deutschen Kinomarkt, sich die Filmrechte für den Stoff gesichert hat.

Moritz Rinke möchte sich nicht direkt zu den Merkwürdigkeiten beim Deutschen Theater äußern, verweist aber darauf, dass das Renaissance-Theater eine tolle Stätte für sein Stück sein. Ein Jahr wird es gespielt, rund zehn Aufführungen pro Monat sind geplant, das lohnt sich auch für den Autor, der an den Zuschauereinnahmen prozentual beteiligt ist.

Sein Stück ist aus Sicht der Dramaturgen tatsächlich undenkbar. Denn jeder Leser der 120 Seiten der Buchausgabe (Rowohlt) ist sofort in der Welt der beiden Pärchen; es läuft mühelos der eigene Film im Kopf. Und so läuft es dann: Wenn es auf der Bühne floppt, dann hat es der Regisseur vermasselt. Falls es ein Erfolg wird, sagt jeder: Naja, kein Wunder, bei der Vorlage. „Der Regisseur stellt sich in den Dienst einer Aufführung“, sagt Moritz Rinke, „dafür bewundere ich ihn“.

Rinke langweilt sich im Theater

Er glaubt an die Stärke der Schauspieler und ein Gleichgewicht von Text und Regie. Er glaubt daran, dass über die Texte bei den Zuschauern noch Bilder entstehen. Und er glaubt nicht, dass die Postdramatik überleben wird und es nur die Theaterleute sein werden, die die Geschichten erzählen. Im zeitgenössischen Theater sehe er allzu oft „Formalismen, formal dressierte Schauspieler, Tausende von Brechungen. Es ist so, als ob man Angst hätte, einen klaren Satz auf der Bühne zu sprechen“.

Das Verhexte an der ganzen Diskussion sei, sagt Moritz Rinke, dass man sofort als „Oberreaktionär“ dastehe, wenn man sich über das Selbstreferenzielle und die Publikumsverachtung des Theaters äußere. Für ihn sei es auffällig und auch kein erfreuliches Zeichen, dass keine seiner Freunde mehr ins Theater gingen. „Und auch ich langweile mich im Theater oft sehr. Seltsamerweise ist das Kino lebendiger.“

Renaissance-Theater Knesebeckstraße 100, Charlottenburg. Premiere: Heute. 11.4 -12.4, 15.4. bis 21.4., 20 Uhr