Inmitten des Trubels, in dem eine erstaunliche Anzahl von Journalisten festes Schuhwerk und Helm für die anstehende Baustellenbesichtigung ausprobieren, sitzt Jürgen Flimm und greift Regula Lüscher an die obere Seite des Unterarms, kurz vor der Hand. Der Intendant der Staatsoper macht das gern. So wie es vertrauensbildende Maßnahmen gibt, so gibt es auch vertrauensbildende Gesten. „Wir planen durch“, redet er auf die Senatsbaudirektorin ein, als müsste er sie beruhigen.

Dabei ist es eher umgekehrt. Jürgen Flimm muss sich einreden, dass alles gut wird mit der Sanierung der Staatsoper. Irgendwie, irgendwann. Er denkt an die kommende Spielzeit im Schiller-Theater, wenn er sein gern benutztes Wir-planen-durch-Diktum nutzt. Und eines Tages könnte ja auch der Umzug in die alte Heimstätte Unter den Linden folgen. So war es zumindest mal geplant. Spielplan und Spielort muss er koordinieren, und diese Aufgabe erinnert an den Rechenweg einer mehrdimensionalen Matrix. Nur weil er das Improvisieren gewohnt ist, heißt das lange noch nicht, dass es ihm Freude bereitet.

Wenige Minuten später hat Jürgen Flimm seine fesche taubenblaue Kappe mit dem Bauhelm getauscht. Zusammen mit Regula Lüscher nimmt er im ehemaligen Orchesterprobebühnensaal der Staatsoper Platz. Beide konnten sich ausrechnen, wie der Vormittag verlaufen wird. Sie erzählen von ihren großartigen Plänen und die Journalisten fragen mäklig, wann dann nun endlich die Staatsoper Unter den Linden eröffnen wird. Geplant war der 3. Oktober 2015. Die Baukosten wurden ursprünglich auf 240 Millionen Euro geschätzt (so steht es im übrigen noch immer auf dem Info-Bauzaum gegenüber der St. Hedwigs–Kathedrale, aber vielleicht ist es ja auch eine Überforderung ständig die Kostenpläne zu aktualisieren). Mittlerweile geht man von 300 + x Millionen Euro aus.

Klassische Musik in kahlen Gemäuern

Jedenfalls überlässt Jürgen Flimm der Senatsbaudirektorin die Aufgabe, das Grußwort zu sprechen – wie gesagt, er wusste, was kommen wird. Er sei ja nur Mieter, lässt er verlauten, damit auch dem Letzten klar wird, das er mit dem Desaster nichts zu tun hat. Seine Aufgabe ist es, Gutes zu tun und darüber zu reden. Künftig werde man, wenn die Arbeiten ruhen, die Baustelle der Staatsoper bespielen. In dieser Spielzeit noch wird „Macbeth“ aufgeführt, komponiert hat das Stück Salvatore Sciarrino. Es ist ein nicht gerade gängiges, zeitgenössisches Stück für Freunde akustischer Sperenzchen. Drei Konzerte der Berliner Staatskapelle sind zudem geplant. Im ehemaligen Orchesterprobesaal werden die Aufführungen zu sehen sein. Die Wände bleiben unverputzt, Sitzreihen provisorisch, und das Bühnenbild wird spartanisch sein. Klassische Musik in kahlen Gemäuern kennt man in Berlin vom Kraftwerk Mitte und Berghain. So schön wie jetzt werde der frühere Orchesterprobebühnensaal jedenfalls nie mehr werden, sagt Jürgen Flimm und lässt offen, wie ernst er es meint.

Zweideutigkeiten darf sich Regula Lüscher nicht leisten. Eindeutig wird sie trotzdem nicht. „Ein großartiger Tag“ sei es, sagt sie zuerst, schließlich werde die Staatsoper wieder für die Berliner zugänglich. Ab dem 1. Mai werden Baustellenführungen an Sonn- und Feiertagen angeboten. Für 15 Euro gibt es einen imposanten Rundgang: So geht es bis zum dritten Untergeschoss hinab, das durch meterdicken Stahlbeton abgedichtet sein wird, um schwer zu zügelnde Berliner Grundwasser fernzuhalten.

„Die Konsequenzen sind nicht absehbar“

Wie zu befürchten, weigert sich Regula Lüscher, einen Termin für die Eröffnung der Staatsoper zu nennen. Sie verkennt, dass es blamabler ist, keinen Termin zu nennen als an einem bestimmten Datum zu scheitern. In dem Fall hätte sie zumindest ein Ziel gehabt. Ansonsten verbreitet sie die gewohnte einerseits-andererseits-Ansprache. „Meilensteine“ liegen hinter ihnen, das Haus sei „von unten dicht“. Aber: Die Insolvenz des Stuttgarter Ingenieurbüro Scholze, das die Bauleitung und –planung der Haustechnik zusammen mit einer Partnerfirma verantwortete, sei „das Schlimmste, was passieren konnte“, so Regula Lüscher, „die Konsequenzen sind nicht absehbar“. Sie fügt hinzu, dass „die Wahrheit ist, dass wir in Verhandlungen über den weiteren Ablauf sind“. Wenn das die Wahrheit sein sollte, dann ist die Fertigstellung nur ein vages Versprechen.