Philharmoniker

Schaulaufen der Dirigenten bei den Berliner Philharmonikern

Sir Simon Rattle verlässt 2018 die Berliner Philharmoniker, ein Nachfolger wird gesucht: Derzeit stellt sich der junge kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin vor. Ein Blick auf die Kandidatenliste.

Foto: Marco Borggreve

Im dritten Satz hat Yannick Nézet-Séguin das Publikum so weit. Es ist der mit „Ruhevoll“ überschriebene Satz in Mahlers Vierter Symphonie. Der Dirigent dimmt den Klang in der Philharmonie so weit herunter, dass man die Angespanntheit des Publikums zu hören glaubt. Kein Programmheftrascheln, kein Huster ist zu hören, dafür die Atemlosigkeit im Saal. In diesen Takten geht es nicht nur um den virtuosen Effekt, den die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattles Amtszeit so wundervoll vorzuführen gelernt haben. Nein, in diesem Moment fühlt man auch, dass die Musiker dem doch jungen Dirigenten aufmerksam folgen. Spätestens von diesem Moment an klingt dieser Mahler noch einmal anders. Packender, ehrlicher.

Sportiver Jungenhaarschnitt

Yannick Nézet-Séguin wurde 1975 in Montreal geboren. Vor etwa fünf Jahren begannen seine, wie der Kanadier es selbst einmal nannte, Blind Dates. Er dirigierte ein großes Orchester nach dem anderen, seither wird er in der Klassikwelt mit dem etwas inflationären Ehrentitel Stardirigent hofiert. Die Universität in Quebec hat ihm inzwischen sogar einen Ehrendoktor verliehen. Die Berliner Philharmoniker hat er 2010 erstmals geleitet. Das Konzert mit Werken von Messiaen, Prokofjew und Berlioz war ein Ereignis. Damals trug Nézet-Seguin noch einen sportiven Jungenhaarschnitt.

Zwei Jahre später, als er bei den Philharmonikern Berio, Tschaikowsky und Ravel dirigierte, waren die Geheimratsecken gewachsen, die Haare kürzer. Inzwischen ist es nicht mehr zu übersehen, dass er auf die 40 zugeht, auch seine Dirigierbewegungen wirken bei aller Explosivität deutlich kontrollierter, ja behäbig. Wenn Sir Simon 2018 die Philharmoniker verlässt, wäre er jedenfalls genau im richtigen Alter. Nézet-Seguin wird als ein Kandidat für die Nachfolge gehandelt, er gehört zu einer Reihe von Shootingstars wie Gustavo Dudamel, Andris Nelsons, Daniel Harding und Andres Orozco-Estrada, die das mehrjährige Schaulaufen absolvieren.

Ein möglichst breites Repertoire

Eine Grundanforderung ist in den drei Berliner Programmen von Nézet-Seguin offenkundig. Ein Dirigent muss ein breites Repertoire bedienen können, was für ein internationales Konzertorchester wichtig ist, und auch Gefälligkeiten nicht scheuen. Diesmal ist es das Flötenkonzert von Carl Reinecke, das ein Solist aus den eigenen Reihen präsentiert. Solo-Flötist Andreas Blau ist ein in Klangschönheit und Güte gereifter Virtuose, der ja auch selbst unterrichtet und dem zwanzigminütigen Stück seinen großen Atem gibt. Reinecke war einst Mendelssohn als Gewandhauskapellmeister nachgefolgt und gehört zu jenen, die den für alle Orchester verbindlichen Kammerton eingeführt haben. Sein kurz vorm Tode uraufgeführtes Flötenkonzert von 1908 ist in vorgestriger Romantik gefangen. Unbeirrt versucht Nézet-Séguin, die dunklen, irrlichternden Seiten aufzuspüren. Aber erst bei Mahler wird es zum Erlebnis.

Ein bisschen Laissez-faire, seine Musiker einfach mal machen lassen, das fehlt ihm noch. Möglicherweise lernt man bestimmte Dinge auch nur an der Seite großer Dirigenten. Der Kanadier hat dem alten Italiener Carlo Maria Giulini über die Schulter geschaut, von ihm Demut und Ehrlichkeit gegenüber dem Werk gelernt. Das allein reicht aber im Betrieb nicht. Man spricht nicht umsonst vom Dirigentenhandwerk und von der Ochsentour durch die Provinz. Letzteres ist in der globalisierten Klassikwelt kaum noch möglich, auftauchende Talente werden zu schnell wegverpflichtet. Es gibt inzwischen weltweit mehr große Orchester als große Dirigenten.

In Montreal fast unbeachtet

Nézet-Seguin blieb bis zu seinem 30. Lebensjahr in Montreal fast unbeachtet. Er stammt aus einer streng katholischen Familie, hat seine Ersterfahrungen als Chorsänger und -dirigent gesammelt und sich ein eigenes Musikbild zusammengebastelt. Bemerkenswerterweise sind die meisten der Shootingstars an der Peripherie und nicht in den mitteleuropäischen Musikzentren herangewachsen. Das Geheimnis, ein großer Dirigent zu werden, ist immer noch, bei einem großen Chefdirigenten zu studieren. Von ihm das Dirigieren, aber auch Dinge wie Verantwortung und Sponsoren-Smalltalk gelernt zu haben. Die gute Kinderstube ist viel wichtiger, als die meisten denken. In den ersten Karrierejahren tauchen die Namen der Ziehväter immer noch in den Biografien auf, später dann nicht mehr.

Die Dirigenten-Vitas sind vielfältig: Der Brite Daniel Harding, Jahrgang 1975, schickte einen Konzertmitschnitt an Simon Rattle und wurde von ihm nach Birmingham geholt, später dann von Claudio Abbado als Assistent zu den Berliner Philharmonikern. Andris Nelsons wurde 1978 in Riga geboren und begann seine Laufbahn als Trompeter in der Lettischen Nationaloper. Als Dirigent ist er ein Privatschüler des großen Mariss Jansons, er ist der Nachfolger Rattles als Chef beim City of Birmingham Symphony Orchestra. Der Russe Vasily Petrenko, Jahrgang 1976, ist durch die Petersburger Dirigentenschmiede mit Toplehrern gegangen. Sein Namensvetter Kirill Petrenko, 1972 in Omsk geboren, wurde in Wien ausgebildet. Er ist einer der wenigen, der die klassische Ochsentour gemacht hat: Von Meiningen kam er an die Komische Oper, wo er „Dirigent des Jahres“ wurde, nun residiert er in München.

Rattle geht in die Babypause

Bemerkenswert sind die lateinamerikanischen Kandidaten. Der Kolumbianer Andres Orozco-Estrada, 1977 in Medellin geboren, kam zum Studium nach Wien, ihn hat sich bereits Houston gesichert. Der andere ist Gustavo Dudamel, Jahrgang 1981. Der Lockenkopf vertritt jetzt Sir Simon beim Waldbühnenkonzert am 27. Juni und auf der Sommertournee, weil Rattle und seine Frau ihr drittes Kind erwarten.

Dudamel wirkt immer lächelnd, immer dynamisch, immer jugendlich. Er ist aufgewachsen in einem einzigartigen musikpädagogischen System: El Sistema heißt das nationale Erziehungskonzept mit Jugend- und Kinderorchestern in Venezuela. Stardirigenten wie Claudio Abbado, Simon Rattle oder Zubin Mehta haben sich dafür engagiert. Allerdings ist Dudamel gerade in die Kritik gekommen, weil er sich angesichts der politischen Unruhen in Venezuela nicht deutlich genug vom Regime distanziert hat.

Keinen Hehl aus seiner Putin-Treue

Ein ähnlich nationales Problem müssen die Münchner gerade mit ihren russischen Chefdirigenten aushalten: Während Kirill Petrenko als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper angesichts der Krim-Krise auf einer Pressekonferenz politisch korrekt die Souveränität der Ukraine beschwor, macht der Petersburger Musikfürst Waleri Gergijew, 60, keinen Hehl aus seiner Putin-Treue. Inzwischen gibt es Stimmen, die dem designierten Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker am liebsten den Vertrag wieder aufkündigen möchten. Was künstlerisch eine Dummheit wäre.

Werden Chefdirigenten wieder mehr zu moralischen Institutionen? Die Globalplayer unter den Orchestern müssen das wohl künftig wieder stärker beachten. Was aber weniger mit der Moral als mit dem Geschäft zu tun haben dürfte. Die öffentlichen Geldgeber und die privaten Sponsoren sind auch ihrer Klientel gegenüber verpflichtet. Die Zukunft eines Spitzenorchesters wird immer noch hinter den Kulissen verhandelt.