Daniel Barenboim reicht es ziemlich genau nach einer halben Stunde. Die Journalisten haben gerade begonnen, Sasha Waltz nach Inszenierungsdetails, nach ihrem Interpretationsansatz für „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ zu fragen. Die Choreografin, die erstmals eine große romantische Oper, erstmals Wagner auf die Bühne bringt, sieht sich mit Erwartungen konfrontiert und bittet fast flehentlich darum: „Warten Sie ab.“ Barenboim erhört sie und beendet die Pressekonferenz mit den Worten: „Sie sehen, Tannhäuser tanzt auf mehreren Hochzeiten.“

Offenbar gehört auch dieser Wagner zu den Werken, von denen viele eine sehr klare Vorstellung haben. Also versichert Sasha Waltz am Ende noch, dass sie „sich als Diener“ sieht: „Ich stülpe nichts über, ich arbeite aus dem Werk heraus.“ Kurz zuvor hat sie gesagt, dass sie sich in ihrer Arbeit „auf die Architektur des Hauses bezieht“. Die Staatsoper ist ja wegen der sich dahinziehenden Sanierung ihres Stammhauses Unter den Linden noch eine Weile im Ausweichquartier Schiller Theater untergebracht. Das wurde im Zweiten Weltkrieg Krieg zerstört und im Stil der 50er-Jahre wieder aufgebaut – in dieser Zeit hat Sasha Waltz ihren „Tannhäuser“ angesiedelt und spendiert ihrer Titelfigur damit eine kleine Zeitreise.

Der historisch verbürgte Tannhäuser lebte Mitte des 13. Jahrhunderts. Richard Wagner zog für das Libretto des 1845 in Dresden uraufgeführten Musikdramas unterschiedliche Stoffquellen heran, Schriftsteller wie Ludwig Tieck und E.T.A. Hoffmann hatten sich ebenfalls mit dieser Figur beschäftigt. Bei Wagner drängt es den Minnesänger Tannhäuser nach sieben Jahren, in denen er sich den sinnlichen Genüssen im Venusberg hingab, ins gesellschaftliche Leben zurückzukehren. Mit seinem Anspruch Kunst und Leben sowie die erotische und religiöse Liebe miteinander zu verbinden, scheitert er aber an den starren Konventionen der bigotten Wartburg-Gesellschaft.

Gespielt wird die Dresdner Fassung unter Einbeziehung des „Bacchanals“ (1. Akt, 1. Szene) der Pariser Fassung aus dem Jahr 1861 – Daniel Barenboim ist in seinem Element, als er am Anfang der Pressekonferenz über die strukturellen Unterschiede der Fassungen redet. In der Titelrolle ist der Wagnertenor Peter Seiffert zu sehen, die Premiere findet am 12. April im Rahmen der Festtage statt. Sie ist bereits ausverkauft.

Herausforderung für Waltz

Sasha Waltz spricht mehrfach von einer „Herausforderung“. Sie war in Kalkutta, als sie eine SMS mit der Inszenierungsanfrage erhielt. Eigentlich wollte sie absagen, weil sie schon genug andere Projekte hatte, aber dann sei sie der „Versuchung erlegen“. Schließlich wird man ja nicht alle Tage gefragt, ob man einen Wagner gemeinsam mit Barenboim an der Staatsoper inszenieren möchte.

Zumal das für sie eine Chance ist, weiterhin in ihrer Heimatstadt zu arbeiten. Von der Berliner Kulturpolitik ist die weltweit geschätzte Choreografin zuletzt etwas stiefmütterlich behandelt worden. Im Rahmen der Verhandlungen zum Doppelhaushalt 2014/15 hat sie trotz Rückzugsdrohungen nicht die erhofften Mittel für ihre Tanzcompagnie bekommen.

Sie bleibt, wohl auch, weil gleich zwei hauptstädtische Opernhäuser ihr den roten Teppich ausrollen. Mit Daniel Barenboim hat sie ja schon bei Purcells „Dido & Aeneas“ zusammengearbeitet, der Generalmusikdirektor schätzt die Arbeit der Choreografin sehr. Aber auch der Kollege von der Deutschen Oper outet sich als Fan von Sasha Waltz. Donald Runnicles schwärmte kürzlich auf der Spielplan-Pressekonferenz seines Hauses von der „Dido“-Inszenierung an der Staatsoper, die er 2009 gesehen hatte. Ein Jahr muss sich Runnicles noch gedulden, dann steht er selbst am Pult, um Sasha Waltz’ Inszenierung von Hector Berlioz’ „Roméo et Juliette“ an Berlins größtem Opernhaus zu dirigieren.

Natürlich arbeitet die Regisseurin Waltz auch an der Staatsoper mit Tänzern, sie spricht davon, dass sie im „Tannhäuser“ die Sprache des Tanzes als neue Ebene in die Oper „hineinweben“ wolle. Barenboim ergänzt vorsichtshalber, dass es aber keinen „Tanzhäuser geben wird“. Bloß keine falschen Erwartungen wecken.