Zwölf Stunden

Berlins Gedächtnis liegt im Märkischen Museum

Für viele immer noch ein Geheim-Tipp: Wer die Vergangenheit der Stadt sucht, findet sie im Märkischen Museum. Die Sammlung erzählt von Ideen und Errungenschaften der Berliner.

Foto: Amin Akhtar

09:35 Museumswärter gibt es schon lange nicht mehr. "Wir sind Aufsichten", sagt Claus-Peter Neumann, der gerade den funktionstüchtigen historischen Lastenaufzug von 1912 verlässt, "und jede Aufsicht hat ihr Revier". Als Oberaufsicht erstreckt sich Neumanns Revier über das ganze Haus. Weil es so verwinkelt ist, werden viele Aufsichten gebraucht. "16 Leute sind heute eingeteilt, plus Kasse und Pausenkräften", sagt Neumann. Gleich öffnet das Haus.

10:25 Museumspädagogin Annette Kio Wilhelm steht mit einer Schulklasse in der großen Halle des Museums vor einer Glocke aus dem Jahr 1471, die wegen ihres Gewichts von fünf Tonnen Staunen erregt. "In der vierten Klasse wird die Stadtgründung behandelt, da bietet sich ein Besuch natürlich an." Hinter einer niedrigen alten Tür wartet schon die nächste Attraktion auf die Kinder, eine große britische Fliegerbombe. "Kann die noch explodieren?", fragt ein Kind.

10:55 Eine Fahrt durch Berlin im Jahr 1688 gefällig? Bald wird das möglich sein, erklärt Sebastian Ruff an einem minutiös gestalteten Holzmodell der Stadt. "In Zusammenarbeit mit der TU wird es gerade in 3D eingescannt, um später virtuelle Kamerafahrten errechnen zu können", sagt Ruff. Er ist unter anderem zuständig für Digitalisierungsprojekte und den Aufbau der digitalen Sammlung. Bei den Archivbeständen des Museums ist das eine schier unendliche Aufgabe. "Dieser Tage stellen wir unser 10.000. Foto online, einen super Paparazzi-Schnappschuss von Marlene Dietrich aus den 60er-Jahren." In der Onlinesammlung kann jeder frei recherchieren.

12:00 Sitzung im Medienraum. Im Team von Generaldirektorin Franziska Nentwig sitzen Kunsthistoriker, Archäologen und sogar ein zoologischer Präparator. Die Arbeitsgruppe trifft sich regelmäßig, um über das laufende Projekt "Neukonzeption Märkisches Museum" zu reden.

12:40 Tintenfass und Halter stehen bereit. "Das ist ja cool!" wird die Gänsefeder kommentiert. Die Vorform der Füllfederhalter hat für die Schüler der dritten Klasse aus Schöneweide offensichtlich schon wieder einigen Chic. Im Museumslabor bringt Claudia Wasow-Kania den Kindern die alte Sütterlinschrift bei. Gar nicht so einfach. Um ein Verschmieren zu verhindern, wippt man nach dem Schreiben mit der Löschwiege darüber. "Wie die Bundeskanzlerin beim Unterschreiben wichtiger Verträge", erklärt Wasow-Kania.

14:00 Der große Ludwig-Hoffmann-Saal, der dem Architekten des 1908 eröffneten Museums gewidmet wurde, ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Historiker sind zusammengekommen, um der Arbeit des 2012 verstorbenen Landeshistorikers Gerd Heinrich zu gedenken, der unter anderem mit seinem Kulturatlas zur Berliner Geschichte Bekanntheit erlangte.

14:55 Im Hochsommer ist der schattige Innenhof des Museums mit Hoffmanns historisierender Architektur eine wahre Oase inmitten der Stadt. Schließlich kann man sich Kaffee und Kuchen direkt nach draußen bringen lassen. Aber auch ohne den Hof ist das versteckte Museumscafé "ein Geheimtipp", sagt Yasmine Maier. Sie deckt gerade das Pausenbuffet für die Historikertagung ein. Im Café sitzt man auf Teilen der Museumssammlung, Möbeln aus den 50er-Jahren.

15:25 Wer weiß schon, dass Edelkrebse aus der Spree früher als begehrte Delikatessen nach London und Paris exportiert wurden? In der Teilausstellung "Frag deine Stadt" für Kinder ab acht Jahren lernen auch Erwachsene noch etwas. Zum Beispiel Lehrer und Erzieher aus der Montessori-Schule der Fontane-Stadt Brandenburg. Helge Schmidt führt die Gruppe gerade in ein Klassenzimmer aus der Zeit der vorvergangenen Jahrhundertwende und lässt sie ausnahmsweise auf den alten Schulbänken Platz nehmen. Hart und beengt sitzt es sich. Autorität, die man am Leibe spürt. "In so einem typisch preußischen Klassenzimmer können wir höchstens lernen, wie man es nicht machen sollte", sind sich da die Montessori-Pädagogen bald einig.

15:45 Martin Schäfer streunt durch das Museum und knipst verschiedene Exponate. "Die Bilder brauche ich für meine tägliche Arbeit, ich baue gerade ein Archiv mit schönen Fotomotiven auf." Die kann Schäfer dann für Nachrichten auf Twitter oder Facebook verwenden. Seit wenigen Monaten erst ist der junge Internetexperte Social Media und Community Manager für das Museum, "und schon bald werden wir auf Facebook den 1000. Fan haben".

16:10 "Hex hex!" schallt es durch das Museum. In schwarzen Umhängen schwärmt eine Gruppe kleiner Hexen aus, die sich auf ihrer "magischen Party" prächtig amüsieren. Gabriela Braden-Becker bietet verschiedene solcher Mottofeten im Museum für Kindergeburtstage an und kann sich vor Anfragen kaum retten. "Die Themen müssen spannend sein und sind immer wie eine Schnitzeljagd durch das ganze Haus organisiert", sagt Braden-Becker. "Eine reine Führung wäre Kindern zu langweilig." Nebenbei lernen Schüler aber doch eine Menge. In der Gerichtslaube erfahren die jungen Hexen zum Beispiel, was ihnen im Mittelalter geblüht hätte.

17:55 Loks, Schweinchen, Autos: Die Auswahl von Blechspielzeug ist bei Karin Daßler besonders groß. Im Museumsshop verkauft sie neben Büchern und den üblichen Souvenirs alles, womit Kinder früher gern gespielt haben. Ausschneidebogen, Murmeln und Kreisel finden sich im Sortiment. Männer dagegen wählen gern einen Spazierstock wie vor 100 Jahren.

18:20 Zum Feierabend setzt sich Constanze Schröder gern ans Kaiserpanorama, ein Glanzstück der Sammlung und frühes Beispiel für 3D-Technik. An 24 Sitzplätzen kann man durch Stereoskope hindurch Stadtansichten und exotische Landschaften betrachten. Bei jedem Bildwechsel erklingt ein heller Schellenton. Der monumentale Guckkasten wurde 1883 von dem Physiker August Fuhrmann gebaut. "Ein schönes Stück, es frisst bei Kinderführungen aber leider viel zu viel Zeit", sagt die Leiterin der Bildungsabteilung. Sie favorisiert für Schulklassen und Kindergruppen eher Workshops, in denen sich Gelerntes ohne Umschweife im Gedächtnis verankert. "Wir setzen sehr auf sogenannte handlungsorientierte Angebote, wo Kinder tatsächlich etwas selbst machen. Das kommt sehr gut an." Für heute aber ist Schluss im Museum.

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