Brandenburg

Pensionierter Polizist eröffnet Kriminalmuseum in Treplin

Nach 40 Jahren Spurensuche kann Wolfgang Raeke nicht aufhören zu fahnden. Der ehemalige Kriminalbeamte sammelt alte Geräte aus der Kriminaltechnik und stellt sie in einer Brandenburger Scheune aus.

Foto: Johann M¸ller

Wolfgang Raeke ist seit einem Jahr im Ruhestand, doch sein Beruf lässt ihn einfach nicht los. 40 Jahre lang arbeitete der gebürtige Seelower bei der Kriminalpolizei. „20 Jahre in der DDR und genauso lange im wiedervereinten Deutschland“, erzählt er lächelnd. Seine Arbeit sei spannend gewesen, vor allem die Jahre bei der Kriminaltechnik, sagt Raeke, der im Frankfurter Polizeipräsidium unter anderem für das Erstellen von Phantomzeichnungen zuständig war.

Jetzt im Ruhestand, öffnet er einen schwarzen Koffer, der jede Menge Folien-Schablonen von Augen, Nasen, Stirnpartien, Bärten oder Frisuren enthält. „Die wurden nach den Angaben der Zeugen auf Lichtkästen gelegt und so zu Gesichtern zusammengestellt“, erläutert Raeke, der einst selbst mit diesen Utensilien gearbeitet hat. Erst nach dem Fall der Mauer, so beschreibt er weiter, habe er gemeinsam mit einem Kollegen das freihändige Zeichnen dieser „subjektiven Porträts“ praktiziert.

„Da kamen im Jahr gut 100 Zeichnungen zusammen.“ Er zeigt einige Beispiele, sowohl von unbekannten Toten als auch von Tätern wie Vergewaltigern und Räubern, die von Zeugen oder Opfern beschrieben worden waren. So gab es einen Vergewaltiger, der sich nach der Zeitungsveröffentlichung seines Porträts selbst erkannte und flüchtete. Vergeblich: Er wurde gestellt und verurteilt.

Eigene Ideen gegen Autoklau

Menschen in großer Gefahr seien die besten Zeugen, so Raekes Erfahrung. „Bei denen funktioniert das Gedächtnis geradezu fotografisch.“ Der 61-Jährige gibt zu, dass er gern noch weiter gearbeitet hätte, zumal er sogar eine Idee entwickelt hatte, wie der grenzüberschreitende Autoklau mit technischen Mitteln bekämpft werden könnte. Seine Kollegen hätten durchaus Interesse gezeigt, aufgrund des relativ hohen Aufwandes scheiterte allerdings die Realisierung. Nun will sich Raeke an den Sachverband der Versicherungen wenden und sein Konzept vorstellen. Da er an seinem unfreiwilligen Ruhestand nichts ändern kann, beschäftigt er sich zumindest in seiner Freizeit weiter mit Krimi-Themen und will andere daran teilhaben lassen.

So organisierte der pensionierte Polizist in seinem Heimatort Treplin (Märkisch-Oderland) eine Mini-Veranstaltungsreihe zu Präventionszwecken: Die Sprache der Toten, die menschliche Stimme als kriminalistische Spur und die Cyber-Kriminalität waren die Themen, für die Raeke durch seine alten Kontakte einen Gerichtsmediziner und zwei Experten des Brandenburger Landeskriminalamtes als Referenten gewinnen konnte.

Die gerade ausgebaute Trepliner Amtsscheune wurde temporär zur Krimi-Scheune und war jedes Mal voller Besucher. Dadurch ermutigt baut Raeke, der in seinem Heimatort auch Gemeindevertreter ist, ein Kriminalmuseum auf, das erste seiner Art in Brandenburg, in dem er internationale Kriminaltechnik darstellen möchte.

Einige erstaunliche Exponate dafür hat der 61-Jährige schon gesammelt, unter anderem eines der ältesten Kopiergeräte der Welt. Der hölzerne Kasten mit verschiedenen Lampen und Negativ-Fotopapier sei noch „Vorkriegsware“, erzählt der Sammler stolz. Das schwarze, verschnörkelte Mikroskop daneben sei in den 50er-Jahren zur Analyse von Blut- oder Faserspuren genutzt worden. Nicht fehlen darf der Koffer mit den Utensilien für die Leichendaktyloskopie, in der Raeke eine Zeit lang gearbeitet hat. „Unbekannte Tote wurden über ihre Fingerabdrücke identifiziert. Heute macht man das über die DNA.“ In dem Koffer befinden sich Filmdosen, Gummihandschuhe und verschiedene Skalpelle, um Fingerkuppen abzutrennen und für das Labor zu sichern.

Besonders stolz ist er auf einen amerikanischen Lügendetektor – mit hölzernem Stuhl, Gurten, Sensoren und Fingerelektroden für die Messung von Atemfrequenz, Blutdruck und Puls, wie der Laie das aus einschlägigen Filmen kennt. „Die Sache funktioniert aber nicht“, ist Raeke überzeugt. Erregung aus Empörung und Angst ließen sich aufgrund der gemessen Werte nicht unterscheiden, deswegen sei der Lügendetektor in Europa auch nicht als Beweismittel zugelassen, weiß der Experte.

Werkzeuge der Spione

Einige Gerätschaften habe er gezielt gekauft, andere seien ihm von Kollegen angeboten worden. „Bevor sie ausrangierte Technik wegwarfen, haben sie zuerst mich gefragt“, erzählt Raeke. So hat er eine ganze Kollektion von Kameras, mit der einst Tatverdächtige observiert wurden – darunter die zu ihrer Zeit kleinste Spiegelreflexkamera „Tessina“, ein Schweizer Fabrikat, das in eine Zigarettenschachtel passte und bis zur Einführung der Digitaltechnik von Spezialeinheiten der Polizei weltweit verwendet wurde.

„Die trug man zur Tarnung auch als Armbanduhr oder steckte sie in eine Schlüsseltasche“, hat der Sammler recherchiert. Zum Vergleich hat Raeke ein russisches Pendant gleicher Größe in seiner Sammlung. Und er besitzt eine Aktentasche, durch deren Schloss einst fotografiert wurde – der Auslöser dafür befand sich im Taschengriff.

Für sein Museum will der ehemalige Kriminalist einen der oberen, noch nicht ausgebauten Räume der Amtsscheune zu einem Tatort umgestalten. „Ich denke da an einen Raubmord mit einer Leiche, sichtbaren Verletzungen und weiteren Spuren“, erzählt er. Für die Realisierung müsste die Gemeinde als Trägerverein Fördermittel beantragen. Raeke hofft auch auf die Unterstützung des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, dem er angehört. „Für eine Privatperson wäre das Vorhaben eine Nummer zu groß“, glaubt Raeke.

Tragische Schicksale

Zudem denkt er darüber nach, gemeinsam mit Berufskollegen ein Buch mit den spannendsten oder auch kuriosesten Fällen ihrer Laufbahn zu schreiben. „Da gibt es durchaus Schicksale, die einen nicht mehr loslassen“, sagt er. Er erinnert sich an osteuropäische, junge Frauen, die nach Deutschland gelockt und zur Prostitution gezwungen worden waren. Ihren Zuhältern entkommen, wollten sie zurück in ihre Heimat fliehen und fielen dabei dem Bundesgrenzschutz auf. „Was diese Mädchen über ihr Martyrium in irgendwelchen Berliner Kellern oder Hinterhöfen erzählten, war unvorstellbar“, sagt er noch heute sichtlich erschüttert.

Noch gut erinnern kann er sich zudem an den Fall einer Frau um die 50, die beim Einkaufen in Berlin von Osteuropäern entführt und dann an einen Baum neben der Autobahn 12 gekettet worden war. „Die Frau kam völlig unterkühlt ins Krankenhaus nach Bad Saarow, und ich machte dort gemeinsam mit ihr Phantomzeichnungen der Täter“, erinnert sich Raeke.