Den ersten Beischlaf gibt’s schon nach anderthalb Minuten, mit Schweigers nacktem Hintern und, natürlich, Handschellen. Nach fünfeinhalb Minuten explodiert eine Bombe im Auto, aus dem sich der Kommissar nebst seiner Ex-Frau gerade noch retten kann. Nach 13,5 Minuten kommt es zu einer ersten Schlägerei. Aber wann gibt’s die erste Leiche? Eine Goldene Regel besagt ja, dass die in einem „Tatort“ nach fünf bis zehn Minuten kommen muss. So gülden ist die Regel zwar nicht, in einem Bodensee-„Tatort“ gab es eine Leiche gar erst in der 84. Minute. Aber hatte Til Schweiger nicht vorab verkündet, sein zweiter Einsatz als Hamburger Kommissar Nick Tschiller würde mehr als sieben Leichen, den Body-Count vom ersten Fall, haben?

Nach 15,5 Minuten kommt sie dann, die erste Leiche. Bald schon gibt es drei weitere bei einer wüsten Schießerei in einer Diskothek. Und dann kommen nach und nach so viele zusammen, dass wir, die wir eine Strichliste führen wollten mit allen Toten und allen Fäkalausdrücken, bald durcheinanderkommen. Gottlob aber gibt es die Fansite „tatort-fundus.de“, die für alle mitgezählt hat: Es sind bis zum bitteren Ende 19 Tote.

Zu brutal, sagen zwei von fünf Zuschauern

Das ist neuer Rekord in der 43-jährigen Geschichte der Krimireihe. Mit den sieben Toten in seinem ersten Fall, „Willkommen in Hamburg“, hat es Schweiger nur zum Jahresrekord gebracht. Jetzt ist er schon an der Spitze. Noch nie wurde so viel gestorben in einem „Tatort“. Bisheriger Rekordhalter war der Wiener Fall „Kein Entkommen“ von 2012 mit Harald Krassnitzer mit 15 Leichen, davor war es die Bremer Satanismus-Folge „Abschaum“ mit 14 Toten. Für die Quote scheint das Erste buchstäblich über Leichen zu gehen.

Dabei gab es gerade, pünktlich zu Schweigers zweitem Einsatz, eine Umfrage der Programmzeitschrift „Auf einen Blick“, wonach nur knapp jeder Fünfte, 18 Prozent der tausend befragten Fernsehzuschauer, rundum zufrieden sind mit dem „Tatort“. 42 Prozent bemängeln, dass die Folgen zu unrealistisch, 35 Prozent, dass die Geschichten zu verworren seien. Und 40 Prozent bemängeln zu viel Gewalt.

Es geht um Zahlen

All das trifft auf Schweigers zweiten Einsatz zu. Hier wird der Krieg gegen den kurdischen Groß-Clan der Astans fortgeführt, um den es schon im ersten Fall geht. Clanboss Firat Astan (Erdal Yildiz) sitzt zwar mittlerweile im Knast, lenkt die Geschicke aber auch von hier aus. Und lässt in seiner Wut auf Nick Tschiller sogar ein Kopfgeld auf ihn ansetzen. Der Kommissar, auch das ist neu für die Reihe, wird zum Freiwild. 5.000 für jede Kugel, die ihn trifft, 20.000 für den, der seine Kehle aufschlitzt, 50.000 für sein Herz.

Es geht um Zahlen, in diesem „Tatort“ wie drumherum. Schweiger hat mit seinem Einstand vor einem Jahr 12,74 Millionen Zuschauer erreicht. Und einen Marktanteil satten 33,6 Prozent. Jeder Dritte, der an diesem Abend vor der Glotze saß, guckte Schweiger. Das war ganz kurz mal wieder Rekord, bis die Fans des Münsteraner Duos per Facebook und Twitter zum solidarischen Gucken aufforderten und die Folge auf 12,83 Millionen brachten. Aber auch bei den Abrufen in der ARD-Mediathek, einer versteckten zweiten Quote des Senders, kam „Willkommen in Hamburg“ mit 1,4 Millionen auf Platz Zwei, nach dem Weimarer Debüt von Christian Ulmen und Nora Tschiner (1,9). Schweiger, der sich jahrelang dem Fernsehen verweigerte, wird zum Goldjungen im Ersten. Und darf praktisch alles.

Hollywoodreif, knallhart und straight

Seine „Tatorte“ zielen auch gar nicht danach, die Kollegen Ermittler der anderen Senderanstalten zu übertreffen. Schweigers „Tatorte“ sind Action und schielen unverfroren gleich aufs Kino. Die eigentlichen Vergleiche gelten Bruce Willis und Sly Stallone. Daraus machen Regisseur Christian Alvart und Drehbuchautor Christoph Darnstädt, die auch schon Schweigers ersten Krimi verantwortet haben, keinen Hehl. Hollywoodreif, knallhart und straight solle es zugehen. Das gelingt ihnen wirklich. „Kopfgeld“ ist spannend wie lange nicht. Til Schweiger überzeugend wie selten. Nur seine Tochter Luna, die auch seine Film-Tochter spielt, die sollte nun endlich mal auf eine Schauspielschule. Aber die will ja auch, im Film zumindest, den Papa aus ihrem Leben streichen, weil sein Job zu gefährlich ist.

Schweigers „Tatort“ ist nicht Fernsehen. Er ist Kino. Und es ist nur folgerichtig, dass die UCI-Kinowelt-Kette die Folge heute in zahlreichen Häusern, in Berlin etwa im Imax-Kino im Sony-Center zeigt, zeitgleich zur TV-Ausstrahlung. Der „Tatort“ ist nicht nur Kino, er hat wohl auch so viel gekostet. Über die Budgets der „Tatorte“ schweigt die ARD zwar beharrlich, man sieht aber sehr wohl, dass der neue Hamburger Fall deutlich mehr kostet als ein Bodensee- „Tatort“. Das könnte dann doch mal zu Unmut und Eifersucht bei den Kommissarskollegen führen.

Oder müssen auch die nur Leichen anhäufen? Der Rekord als leichenreichste Folge wird noch im Oktober von Ulrich Tukur überboten: Die HR-Folge „Im Schmerz geboren“ soll ganze 45 Leichen anhäufen. Ein buchstäblicher Overkill? „Wir laufen keinem Trend hinterher“, rechtfertigt sich Liana Jessen, Fernsehspiel-Leiterin des HR. Die Folge soll eine Art Western-Parodie werden Die „Tatort“-Macher sollten sich die jüngste Zuschauer-Umfrage vielleicht doch einmal genauer zu Gemüte führen. 35 Prozent finden auch, es sei zu viel Klamauk dabei.

„Kopfgeld“, ARD, Sonntag, 9. März 2014 , 20.15 Uhr, EinsFestival 21.45 Uhr und 23.45 Uhr