Tatort

Im neuen „Tatort“ aus Berlin wird die Stadt selbst zum Star

Der erste Berliner „Tatort“ mit Meret Becker und Mark Waschke soll im Frühjahr 2015 ausgestrahlt werden. Doch noch ist das Drehbuch im Werden. Noch sind die Nebenrollen unbesetzt.

Foto: Krauthoefer

Die Frau greift an – ohne Knarre. Hotpants in seidigem Blauschimmer, hohe Lackschuhe, knapper Pulli: Meret Becker als neue „Tatort“-Kommissarin Nina Rubin muss aufpassen, dass sie keine Abmahnung kriegt von ihrem Chef – wegen hormoneller Ruhestörung männlicher Kollegen. Vielleicht will sie ja das sexy Rollenprofil von Nina Kunzendorf als sexy Conny Mey übernehmen? Noch steht ihr Ermittlerkollege Kollege Robert Karow in Gestalt von Mark Waschke ganz ruhig und smart neben ihr. Ziemlich eng die beiden. Seine Hand liegt an ihrer Taille. Sind die beiden etwa ein Liebespaar im Dienst? Entwickelt sich da was? Abwarten, der neue Berliner „Tatort“ wird erst im Frühjahr nächsten Jahres ausgestrahlt.

So weit ist man wahrscheinlich gar nicht, das Drehbuch von Stefan Koldizt ist im Entstehen, die Nebenrollen wie die des Gerichtsmediziners nicht besetzt, weil schlicht der Regisseur fehlt. Herausragende Filmemacher wie Dominik Graf sind zu teuer. Eine dritte Hauptrolle aber gibt’s im Skript. Berlin selbst, die Stadt soll das Markenzeichen werden – mit all den Schrunden, Wunden, Verrücktheiten, unterschiedlichen Milieus. Viel stärker als beim abgedankten Ermittlerduo Dominic Raacke und Boris Aljinovic, wo die Stadt eher blasse Kulisse war. Ein Alleinstellungsmerkmal soll das werden. „Bezüge zur Wirklichkeit sind eine Stärke“, sagt RBB-Programmchefin Claudia Nothelle.

Herz mit Schnauze, unangepasst, direkt, lässig

Berlin ist halt anders, ist nicht Darmstadt oder Erfurt. Neu ist das nicht. Trotzdem könnte daraus ein Drehbuch Kapital schlagen. Vorausgesetzt, es nimmt diese Stadt einmal wirklich jemand ernst, beobachtet gut und bewegt sich jenseits der Klischee-Schleuder. Wer einmal nur zwei Stunden im Bus oder in der Tram kreuz und quer durch die Straßen kurvt, weiß, die Geschichten lauern hier überall. Das neue Kommissariat jedenfalls wird in Kreuzberg-Friedrichshain liegen, mittendrin also. „Wir wollen mit dieser wunderbaren Stadt auch ein bisschen hausieren und anders umgehen als bisher“, verspricht RBB-Filmchefin Cooky Ziesche.

Und Meret Becker, 45, gibt sich bei diesem ersten Pressetermin als allerbeste Botschafterin, inklusive Akzent. Wenn jemand das Berlinische im guten Sinn verkörpern kann, ist sicher sie das. Herz mit Schnauze, direkt, ein bisschen unangepasst, auf jeden Fall lässig. Die Hotpants sind ihr Ding. Sie hat Temperament, Waschke wird sich auf die Rolle des eher grüblerischen „lonely wolf“ zurückziehen. Die Berliner werden Meret Becker mögen, sie gehört zum geschätzten Otto-Sander-Becker-Schauspieler-Clan, bestens vernetzt und bekannt in der Stadt. Der „Otto“, ihr verstorbener Ziehvater, war es, den sie fragte, ob sie das „Tatort“-Angebot annehmen solle. „Machen“, sagte der. Auch die Tochter reagierte positiv: „Geil“, sagt die. So ist es nun.

Nina Rubin hat ein Faible für Chaos

Sie sei keine große „Tatort“-Guckerin, gesteht sie. Für sie sei es wichtig, sich „gut in der Rolle bewegen zu können“. Ihre Nina Rubin hat jedenfalls ein Faible für Chaos. Genauso wie Becker. „Ich liebe das Chaos, das hat die Rolle und die Stadt!“ Nicht so weiblich und geradeaus sei die Nina, hört sich so an, als ob die Schauspielerin und Musikerin sich in einigen Dingen wiederfindet.

Allerdings hat sie als Kommissarin einen etwas schweren biografischen Rucksack zu buckeln. Sie kommt aus dem Wedding, die Mutter verstirbt früh, sozialisiert wird sie im „Boxclub SV Astoria“. Dort sucht der Vater Ablenkung. Ihr Mann Viktor ist russischer Jude, Facharzt an der Charité. Von ihrem mörderischen Job sucht sie nächtens Ablenkung in den Clubs.

Mark Waschkes Anzug-Robert dagegen kommt aus der Intelligenzia der DDR, aufgewachsen in Pankow. Er liest gerne und geht ins Theater. Und, meine Güte, er raucht nicht, trinkt nicht. Nur bei zu großem Stress, da rastet er wohl aus. Ratio und Emotion, Mann und Frau. Klingt alles sehr ambitioniert. Und ob der alte Ost-West-Gegensatz 25 Jahre nach der Vereinigung noch funktioniert, ist kaum zu glauben. Aber noch wird am Drehbuch ja gebastelt.