Pädophilie

Tatort „Abgründe“ – Wie realistisch war der Fall aus Wien?

Kindesmissbrauch und -pornografie, Pädophilenringe: Der jüngste „Tatort“ nahm Anleihen am Fall Kampusch, um klar zu machen, dass das keine Phänomene am Rand der Gesellschaft sind.

Schon erstaunlich, wie das immer hinhaut mit den Themen im „Tatort“. Beim letzten Mal hatten wir gerade Bushido vor Gericht gesehen, als uns der Sonntagskrimi dann prompt von den Umtrieben wilder Migrantenclans im braven Bremen erzählte. Und in dieser Woche? Da klingen uns noch die Schlagzeilen rund um den Edathy-Fall in den Ohren, und der „Tatort“ aus Wien erzählt uns wovon? Genau, von Pädophilie und Kinderpornographie.

Es geht schlimm zu da unten im unglücklichen Österreich, wirklich schlimm. Die Geschichte, die die Kommissare Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) zu ermitteln haben, ist derart überdeutlich an einen realen Fall angelehnt, dass man schon fast von Mimikry sprechen kann.

Ein zehn Jahre altes Mädchen wird von einem arbeitslosen Nachrichtentechniker entführt und acht Jahre lang gefangen gehalten. Als ihr 2006 im Alter von 18 Jahren die Flucht gelingt, wirft sich ihr Peiniger vor einen Zug und stirbt.

Schlampige Ermittlungen

Im „Tatort“ heißt das Mädchen nicht Natascha Kampusch, sondern Melanie Pölzl, und sie hat nicht acht, sondern fünf Jahre in ihrem Verlies ausharren und immer neue Qualen über sich ergehen lassen müssen. Auch ihr Entführer warf sich vor einen Zug. Nur wird von oberster Stelle eine Obduktion für nicht notwendig erachtet, obwohl Fragen offen bleiben, wie uns eine Leberkäse essende Gerichtsmedizinerin detailreich mitteilt.

Dabei wäre gerade das jetzt interessant: Denn als das Haus des Entführers abgerissen wird, taucht dort die Leiche der ehemaligen Chefermittlerin der Soko Melanie Pölzl auf, und plötzlich stellen sich sehr viele neue Fragen.

Es ist also nicht so, dass Drehbuchautor Uli Brée und Regisseur Harald Sicheritz hier nur einen realen Fall nachbilden wollten. Sie wollten vielmehr diesen Fall nutzen, um über eine Frage zu meditieren, die auch im Zusammenhang mit Natascha Kampusch immer wieder diskutiert wurde: Was, wenn es nicht nur ein Einzeltäter war? Wenn mehr dahinter steckt? Etwas, das von den Beteiligten schnellstens ins Verborgene gezogen, in den sprichwörtlichen Keller verbannt wurde? Ein Kinderpornoring zum Beispiel? Eine Pädophilenbande aus der Mitte der Gesellschaft?

Die Spur führt in hohe Etagen

Es regiert die Angstlust der Verschwörungstheorien in diesem „Tatort“, als Eisner und Fellner auf mehr und immer mehr Ungereimtheiten bei den Ermittlungen stoßen. In der schönen Tradition der wüsten, hin und wieder kunstvoll gebrochenen Österreich-Beschimpfung soll uns nicht weniger verkauft werden als ein handfester Staatsskandal: Die Pädophilen haben nicht nur ein grauenhaftes Kinderbordell eingerichtet und filmen dort einander, während sie sich an Kindern vergehen. Nein, dieses wird auch von höheren Chargen der Polizei und von der feinen Wiener Gesellschaft gedeckt und frequentiert.

Nun sollte man dies allein sicher nicht in das Reich der Schauermärchen verbannen. Pädophilie gibt es in jeder Schicht und in allen gesellschaftlichen Bereichen, auch in der staatstragenden Politik, wie zuletzt bei Sebastian Edathy zu besichtigen war.

Doch leider verlegt sich dieser ansonsten ziemlich spannende „Tatort“ darauf, seine Pädophilen mit den groben Schablonen der Kolportage zu zeichnen. Sie sind entweder verdruckste Polizeibeamte, nerdige Einzelgänger oder unverstellt bösartige, arrogante Großbürger. Realistischer und weniger klischeehaft wäre es wohl gewesen, ihnen jenen Anschein absoluter Normalität zu verleihen, mit dem wir auch im Alltag vermutlich öfter zu tun haben, als wir denken.

Und wenn wir schon über Realismus reden: Könnte man deutschen Drehbuchschreibern bitte einen Grundkurs in Arzt-Patienten-Gesprächen verordnen? Wir sehen Eisner, in Sorge um seine Tochter, im Gespräch mit einem Arzt. Dieser sagt, sinngemäß: Es ist wahrscheinlich sehr schlimm, aber ich kann ihnen nichts Genaues sagen. Und dann dreht er sich weg und geht. Wie nennt man das? Systematische Angehörigenverunsicherung? Mag ja sein, dass es das einmal gegeben hat. Aber die meisten Filme und TV-Produktionen erwecken den Anschein, als hätten Ärzte gar nichts anderes zu tun.