Wagner-Festspiele

So wird das Bayreuth der Zukunft aussehen

Nachdem Eva Wagner-Pasquier ihren Rückzug vom „Grünen Hügel“ bekannt gegeben hat, wird der Weg der Festspiele immer klarer. Wesentlicher Bestandteil wird auch Christian Thielemann sein.

Foto: Marc Müller / dpa

Der Verhandlungs-Krimi bei den Bayreuther Festspielen geht in die entscheidende Runde. Seit 2008 wird das Haus von den Halbschwestern Katharina Wagner (35) und Eva Wagner-Pasquier (68) geleitet. 2015 läuft ihr Vertrag aus, und seit vergangenen September werden Verhandlungen über eine Verlängerung mit den Gesellschaftern geführt, zu denen auch das Land Bayern und der Bund gehören. Man hat Stillschweigen vereinbart und dass ausschließlich mit dem amtierenden Personal verhandelt wird. Nun ist doch etwas durchgesickert: Eva Wagner-Pasquier hat darum gebeten, ihren Vertrag auslaufen zu lassen. Sie will von 2015 an lediglich als Beraterin tätig sein.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost ist diese Entscheidung eine Konsequenz aus einem internen Beschluss der Gesellschafter, die schlankere Strukturen für Bayreuth wünschen. Die Gesellschafter wollen lediglich einen künstlerischen und einen kaufmännischen Direktor für die Festspiele. Das bedeutet, in der aktuellen Spitze, der neben Eva und Katharina Wagner auch der ehemalige Intendant der Deutschen Oper, Heinz Dieter Sense als Geschäftsführer angehört, sitzt einer zu viel.

„Ein verständlicher Wunsch“

„Uns lag viel daran, die Verhandlungen in Ruhe und außerhalb der öffentlichen Diskussion zu führen“, sagt Bayreuths Pressechef Peter Emmerich, „aber als das Gerücht um Eva Wagner-Pasquier die Runde gemacht hatte, habe ich sie angerufen und die Sache mit ihr besprochen.“ Die Intendantin urlaubt derzeit in den USA bei ihrem Sohn. Und sie bestätigte Emmerich, dass sie sich zurückziehen möchte.

„Für mich ist das ein verständlicher Wunsch“, kommentiert Katharina Wagner das Gesuch ihrer Schwester, „wir haben gemeinsam einen langen Weg hinter uns gebracht und die Festspiele von Grund auf neu strukturiert.“ Tatsächlich hat der „Grüne Hügel“ mit den beiden Schwestern neuen Wind bekommen: Seit Christoph Schlingensiefs „Parsifal“ haben die beiden die moderne Regiesprache mit Hans Neuenfels’ „Lohengrin“ oder Frank Castorfs „Ring“ konsequent weitergeführt und Jonathan Meese für den „Parsifal“ 2016 engagiert. Dabei haben sie viel Gegenwind gehabt und Kritik eingesteckt. Ebenso wie für ihre Öffnung der Festspiele durch die Kinderoper und die Kinoübertragungen.

Aber sie haben ihre Kritiker auch ernst genommen, als sie das von Wolfgang Wagner eher wie eine nette fränkische Familienkneipe geführte Festspielhaus in den letzten Jahren auf einen modernen Wirtschafts- und Organisationsstandard gebracht haben: Sie haben zähe Verhandlungen mit den Gewerkschaften geführt, die Finanzierung grundlegend überarbeitet und Sponsoren gebunden – derzeit wird das Sanierungskonzept für das baufällige Haus verwirklicht.

Erbitterter Nachfolgekrieg

2008 war Eva Wagner-Pasquier, die lange als Beraterin der Festspiele in Aix en Provence tätig war, der Schlüssel für eine Neuordnung der Bayreuther Festspiele. Damals tobte ein erbitterter Nachfolgekrieg zwischen den Clans der Komponisten-Enkel Wolfgang Wagner (Katharina und Eva) und Wieland Wagner (Nike Wagner). Nachdem weder Katharina noch Nike Wagner (gemeinsam mit Gérard Mortier) eine Mehrheit auf sich vereinen konnten, bot Wolfgang an, zurückzutreten, wenn seine Töchter das Haus gemeinsam übernehmen würden. 30 Jahre lang hatten Katharina und Eva nicht miteinander gesprochen. Das war erst nach dem Tod von Wolfgang Wagners zweiter Ehefrau Gudrun möglich. Damals haben die beiden Halbschwestern sich zum Essen getroffen, Vertrauen gefasst und das Angebot akzeptiert. Der Machtkampf war entschieden.

Während Katharina die ästhetischen Geschicke und die Öffentlichkeitsarbeit in die Hand nahm, kümmerte sich Eva (nicht immer zur Zufriedenheit der Gesellschafter) hauptsächlich um die Besetzungspolitik. Die beiden haben – trotz allerhand Differenzen – gelernt, miteinander zu arbeiten. Nie ist ein Streit nach draußen gedrungen. Und mit Heinz Dieter Sense (sein Vertrag wird wohl auch verlängert) und Christian Thielemann haben sie Berater an sich gebunden, die für wirtschaftliche und musikalische Qualität bürgen.

Thielemann soll helfen

Wenn Eva Wagner-Pasquier nun geht, scheint das Feld für Katharina Wagner bestellt zu sein. Aus den Bayreuther Gerüchten um die Vertragsverhandlungen wird immer deutlicher, wohin der Kurs der Festspiele führt: Dreh- und Angelpunkt scheint neben Katharina dabei Christian Thielemann zu sein. Aus seinem Umfeld ist zu hören, dass die Gesellschafter ihn um mehr Engagement gebeten haben. Und es besteht kaum Zweifel, dass der Herzblut-Wagnerianer diese Bitte annimmt – zumal sein Temperament gut zur fränkischen Direktheit von Katharina Wagner passt. Kaum wahrscheinlich, dass Thielemann einen offiziellen Posten bekommt, seine Aufgabe wäre es, gemeinsam mit der Intendantin neue Sänger und spannende Dirigenten nach Bayreuth zu holen und die musikalische Seite weiter zu beleben.

Aus Verhandlungskreisen ist zu hören, dass die Verhandlungen mit Katharina Wagner bereits weit fortgeschritten sind: „Es geht eigentlich nur noch um ein paar finale Fragen“, heißt es. Konkret: um abweichende Formulierungskonzepte von Bund und Land.

Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner haben in den letzten sechs Jahren grundlegende Weichen in Bayreuth gestellt und das Opernhaus, das die Wandlungen Deutschlands von der Monarchie über den Nationalstaat, vom Faschismus bis in die Demokratie unter Leitung von Mitgliedern der Wagner-Familie mitgemacht hat, in die Moderne geholt. „Das war viel Arbeit im Detail“, sagt Katharina Wagner gegenüber der Morgenpost, „und ich glaube, dass wir viele Grundlagen gelegt haben, um nun unsere künstlerischen Visionen weiter zu entwickeln. Mir geht es darum, den Kurs der konsequenten Erneuerung fortzusetzen.“ Und sie ist bereit, diesen Weg auch allein zu gehen, „aber ich freue mich natürlich, dass Eva auch über 2015 hinaus beratend dabei sein will.“