Klassische Musik lebt vom Mythos des Unerklärlichen, des Ungreifbaren. Es ist bemerkenswert, dass selbst begnadete Dirigenten, die den Komponisten und ihren Werken am nächsten stehen, an Grenzen stoßen und zeitlebens um ihre „Schöpfungen“ ringen. Umso spannender ist es, welchen Zugang die ganz Großen wählen. Der kürzlich verstorbene, frühere Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado, hat, wenn er sich überhaupt öffentlich äußerte, am liebsten die Wege der Musik ins Innere der Seele beschrieben.

Daniel Barenboim wählt den entgegengesetzten Weg. Ihn interessieren vor allem die Mechanismen, wie Musik in die Welt kommt und auch, was sie in der Gesellschaft bewirken kann. Sein neues Buch „Musik ist alles und alles ist Musik“, das Essays, Festreden und Gespräche an der Katholischen Universität Sacro Cuore in Mailand enthält, gibt schon überraschende Einblicke in seinen Denkkosmos. Da steht Analytisches neben Anekdoten, die Dialoge sind teilweise sehr humorvoll. Beiläufig werden manche seiner Handlungen als Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden verständlicher.

Wie moralisch ist Musik?

Genau genommen sind es drei im besten Sinne Obsessionen, die den Stardirigenten in seinem Buch umtreiben. Dabei handelt es sich um die musikalische Moral, das antisemitische Komponisten-Genie Richard Wagner und den Nahen Osten. Daniel Barenboim war 1942 in Buenos Aires (Argentinien) geboren worden, später zog seine Familie nach Israel. Seit 1992 ist er Musikchef in Berlin.

Im Buch befasst er sich mit dem Thema, wie viel Moral oder moralische Erziehung in der musikalischen Darbietung steckt. Nach wie vor bleibt es unfassbar, warum Machthaber wie Hitler oder Stalin von Musik zu Tränen gerührt werden konnten, während sie zeitgleich Millionen Menschen vernichten ließen. Barenboim erklärt es sich damit, dass sie menschliche Gefühle mit der Musik in Zusammenhang bringen konnten, aber im täglichen Leben keine Verbindung zu den Sphären der Ethik und Ästhetik hatten.

Die Musik wurde auch zu lange in ein „entferntes Reich des Vergnügens“, der Weltflucht verschoben, glaubt Barenboim. Dabei besitze gerade Musik die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen. Das ist einer seiner Kernsätze im Buch. Diese Überzeugung hat auch zur Gründung seines West-Eastern Divan Orchestra geführt, in dem junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern gemeinsam spielen.

Barenboim will jetzt die beste Akustik für seine Aufführungen

In Sachen Interpretation sagt Barenboim, je älter eine Komposition ist, desto größer ist die Angst vieler Interpreten, sich ihr zu nähern. Den heutigen Zeitgeist kann man mit dem Gefühl erfassen, den von gestern aber nur mit dem Verstand. Beim Thema Werktreue wirkt Barenboim fast wie ein Hardliner, aber anders als vielleicht erwartet. Der Individualist, der immer alle Fäden in der Hand behalten möchte, spricht sich vehement gegen die „historische Aufführungspraxis“ aus, bei der sich die weniger Talentierten hinter Dogmen verstecken würden. Er kenne kein anderes Denksystem, schreibt er, „das sich bemüht, Bedingungen aus einer zweihundert Jahr zurück liegenden Zeit wiederherzustellen, und das als progressiv und modern bezeichnet wird“.

Barenboim möchte keinesfalls auf moderne, verbesserte Instrumente oder größere Orchesterbesetzungen verzichten. Und schon gar nicht auf größere Säle mit besserer Akustik und mehr Besucherplätzen. Es erklärt, warum sich Barenboim im Vorfeld der Staatsopern-Sanierung für einen hochmodernen Saal einsetzte, wohingegen das städtische Bürgertum die Rekonstruktion des historisierenden Richard-Paulick-Saales durchsetzte. Dem Dirigenten ist es letztlich egal, wie es in der Berliner Hofoper um 1750 herum geklungen haben könnte, er will jetzt die beste Akustik für seine Opernaufführungen und Konzerte.

Unter den großen Wagner-Dirigenten unserer Zeit gibt es keinen zweiten, der sich so leidenschaftlich für den Komponisten einsetzt und zugleich mit ihm hadert. An Richard Wagner bewundert Barenboim offenbar die Extreme, das Unvereinbare. Auch die Lust an der Wagnerschen Manipulation spielt eine Rolle. Der Dirigent beschreibt den Widerspruch zwischen mathematischer Berechnung und musikalischem Rausch, zwischen intellektuellem Kalkül und Spontaneität. Der größte Widerspruch bei Wagner liegt wohl darin, dass er ein visionärer Komponist und zugleich mieser Antisemit war. Barenboim weiß, das Wagner das vielleicht „wichtigste persönliche und ideologische Vorbild“ Hitlers war.

2001 löste Barenboim in Israel einen Eklat aus

Dennoch möchte er Wagner nicht von den Nazis vereinnahmt sehen. Er zitiert den Komponisten Ernest Bloch, der das Horst-Wessels-Lied und nicht das Vorspiel zu den „Meistersingern“ als die Musik der Nazis bezeichnet. Mit der Staatskapelle Berlin hat Barenboim 2001 in Israel einen Eklat ausgelöst, dort gilt vielen Wagners Musik seit dem Holocaust als Tabu. Viele verließen den Saal, die meisten blieben. Politiker erklärten anschließend das Konzert mit der Wagner-Zugabe zum Skandal. Was Barenboim im Buch für überzogen hält.

Inzwischen setzt Barenboim auf sein 1999 gegründetes West-Eastern Divan Orchestra. Es ist eine kleine Revolution von unten. Während er „das politisch Korrekte in einer „Regierungs-Gesellschaft“ anzweifelt, gilt seine Hoffnung den jungen Leuten. Israelis wie Palästinenser müssen erkennen, dass es sich nicht um einen politischen, sondern menschlichen Konflikt handelt. Zwei Völker halten dasselbe Stück Land für ihr Vaterland. Im Buch fordert Barenboim, dass sie endlich miteinander reden müssen.

Literaturwissenschaftler Edward Said, mit dem er das Divan Orchestra gründet, prägte das „Konzept von der Rolle des engagierten Intellektuellen“. Barenboim plant dafür im früheren Magazin der Staatsoper eine „Barenboim Said Akademie“. Seine Ziehkinder sollen dann in ihre Gesellschaften hinausgehen und Dissonanzen auflösen.