Komische Oper

Ein Pfarrer mit Benzinkanister in „Der feurige Engel“

Benedict Andrews erzählt Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ als tragischen Lolita-Stoff. Missbrauch liegt allenthalben in der Luft. Berührend wird es selten. Es bleibt eine Kopfgeschichte.

Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Irgendwie ist es schon seltsam, dass Regisseur Benedict Andrews am Ende des Premierenabends so überhaupt kein Buh einstecken muss. Sergej Prokofjews „Der feurige Engel“ ist sowieso schon ein hartes Stück Oper – es geht um eine Frau, die von einer Engelsgestalt besessen ist.

Andrews wählt für sein Debüt an der Komischen Oper obendrein eine leidvolle Lesart: In einem kargen Zimmer steht ein Pfarrer mit Flügeln auf dem Rücken und einem Benzinkanister neben sich, in der Ecke steht ein unschuldiges Mädchen. Der australische Regisseur erzählt in gnadenloser Direktheit die Geschichte einer traumatisierten Lolita, die im Selbstmord endet. Und er wird dafür am Ende bejubelt. Ebenso wie die Solisten, der Chor und das Orchester.

„Der feurige Engel“ gehört mit zum Ungebändigsten, Emphatischsten, was Prokofjew komponiert hat. Die fünfaktige Oper schleift den Zuhörer von einer musikalischen Erregung zur nächsten, es gibt eindringliche Themen neben schillernden Klangflächen. Jedes Bild fällt in eine eigene Trance.

Ein sinfonischer Fluss in der Opernneuproduktion

An seiner Oper hatte der russische Komponist in Amerika, in Paris und vor allem im bayerischen Ettal gearbeitet. Die Oper wurde 1927 vollendet, aber bereits zwei Jahre später griff Prokofjew das musikalische Material noch einmal auf, um es in seine dritte Sinfonie einzuarbeiten. Auf einen sinfonischen Fluss setzt jetzt auch Generalmusikdirektor Henrik Nanasi in der Opernneuproduktion. Und so kommen die gut zwei Stunden Musik mit einer gewissen Langatmigkeit herüber.

Nanasi verzichtet auf jene Leidenschaften, die durch Brüche entstehen können, und formt zielsicher das dramatisch Strömende bis hin zu den glanzvoll instrumentierten Orchesterzwischenspielen. Der Dirigent will Prokofjews Musik in seiner Einheit erfahrbar machen, ähnlich wie sein Regisseur die Handlung für jeden Besucher begreifbar werden lässt.

Aber das Ganze funktioniert bei dieser Oper, die genau den Widerspruch zwischen Erscheinung und irdischen Wirkungen, zwischen Idee und „Fleischwerdung“ in sich trägt, so einfach nicht. Man mag dem Komponisten, einem der Großen, natürlich unterstellen, wieder eine typisch egomanische Künstleroper geschaffen zu haben, in der die getriebene Renata und der feurige Engel gleichsam für die Unfassbarkeit des musikalischen Schaffens stehen.

Rasende Nonnen, ein böser Inquisitor und schwarze Magie

Zweifellos ist die Handlung, die im 16. Jahrhundert in Deutschland spielt und in der auch Faust und Mephisto eine zwiespältige Rolle einnehmen, voller Rätsel. Das Libretto geht auf den gleichnamigen Roman des russischen Symbolisten Waleri J. Brjussow zurück. In der Oper finden sich Renata, der ihr verfallene Ritter Ruprecht, rasende Nonnen, ein böser Inquisitor und schwarze Magie.

Uraufgeführt wurde „Der feurige Engel“ erst nach Prokofjews Tod. Die Oper gehört seither kaum zum liebevoll gepflegten Repertoire, aber die Produktionen sind nicht so exklusiv, wie es die Häuser gern ankündigen. Über die Jahre hinweg gab es verschiedenste Versuche von Regisseuren, die Mehrdeutigkeit zu bebildern. Da wurde die Handlung in ein Irrenhaus verlegt, was aber letztlich das Künstlertum als Krankheit diskreditiert. Eine andere Deutung setzte auf den Untergang in totalitären Verhältnissen. Nahe liegt immer die mittelalterliche Hexenszenerie, die allerdings seit Sigmund Freud beim gebildeten Operngänger als Folie in Verruf geraten ist.

Bei Andrews ist die Bühnenwelt voller Lolitas in pinken, kurzen Kleidchen. Missbrauch liegt allenthalben in der Luft. Vielleicht hätte das Opernhaus lieber auf die sich räkelnden kleinen Mädchen verzichten sollen, es überschreitet bereits die Geschmacksgrenzen. Aber die Regieidee ist durch den Text – gesungen wird auf Russisch – gedeckt und überzeugt in der raffinierten, auch schrillen Bildersprache. Der Regisseur verlegt die Handlung ins Heute: Die durchgeknallte Renata und der aus Amerika kommende Ruprecht treffen sich in einem schäbigen Hotel. Er schützt sie vor ihren Alpträumen, gleichwohl will er sie sich mit Gewalt nehmen. Dann verliebt er sich in die flatterhafte Frau.

Es bleibt eine Kopfgeschichte und keine Herzensangelegenheit

Andrews erzählt auch eine Geschichte über die Unmöglichkeit zur Liebe. Geschickt werden Realität und Phantasien miteinander vermischt. Berührend wird es selten. Es bleibt eine Kopfgeschichte und keine Herzensangelegenheit. Allzu effektvoll wird psychologisiert auf Teufel komm’ raus, auch, weil die beiden Hauptfiguren als sechsfach gespaltene Persönlichkeiten auftreten. Diese Abspaltungen bauen aus schieb- und kippbaren Wänden (Bühnenbild: Johannes Schütz) die verschiedenen Realitäten zusammen.

Svetlana Sozdateleva ist die Vertrautheit ihrer Rolle anzumerken, sie kann der alles beherrschenden Partie eine ungeheure Präsenz abringen und stimmlich vielschichtig leuchten. Evez Abdulla gestaltet seinen Ruprecht als handfesten Söldner. Aber es ist alles vergebliche Liebesmüh. Am Ende kommt der Inquisitor (stimmstark: Jens Larsen) ins Kloster, wohin sie aus dem Leben geflohen ist. Er hat den Benzinkanister bei sich.

Eine Woche für Prokofjew

Der Komponist: Eine Woche lang widmet sich die Komische Oper dem russischen Pianisten und Komponisten Sergej Prokofjew (1891 bis 1953).

Die Premiere: Im Zentrum steht seine posthum uraufgeführte Oper „Der feurige Engel“ in der Inszenierung des jungen australischen Regisseurs Benedict Andrews. Am Pult steht Generalmusikdirektor Henrik Nanasi. Termine: 23.1., dann wieder 2. und16.2.

Ein Wiedersehen: Seit 15 Jahren läuft erfolgreich Andreas Homokis Inszenierung der heiteren Oper „Die Liebe zu drei Orangen“. Termine: 22. und 24.1.

Für Kinder: „Peter und der Wolf“ ist längst ein Klassiker. Schauspieler Max Hopp erzählt das Märchen im Kinderkonzert – in der Fassung von Loriot. Termine: 21.1. und 24.1.