Kulturpolitik

Wie die Berliner Bühnen neue Besucher gewinnen

Für die Musiktheater und die Konzerthäuser war 2013 ein gutes Jahr. Fast überall kamen mehr Besucher. Hinter den Zahlen verbergen sich auch die neuen Strategien der Intendanten.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Im Moment strotzen die Macher der Berliner Bühnen geradezu vor Selbstbewusstsein. Das vergangene Jahr lief überall gut, bei einigen sogar unerwartet gut. Der Friedrichstadtpalast hat als größtes Haus die meisten Plätze zu füllen – es gilt fast täglich 1895 Plätze zu verkaufen. Jetzt ist die Auslastung von 2012 mit 83,3 Prozent im Jahr 2013 auf 91 Prozent gestiegen. „Somit sitzen in jeder Vorstellung im Schnitt 1725 Gäste“, heißt es aus dem Revuetheater, „mehr als andere Bühnen Sitzplätze haben“. Das nennt man Selbstbewusstsein. Und es gibt einen Nachschlag: Gastaufführungen und Hausvermietungen wie die Berlinale sind nicht mit eingerechnet. Denn zu diesen Gastspielen kommen rund 200.000 Besucher, zusammengezählt mit den Palast-eigenen Besuchern kommt man auf über 700.000 Gäste an der Friedrichstraße. „Damit liegt der Palast nach Gästen auf Platz Eins in Deutschland“, heißt es.

Kleine heile Märchenwelt

Die aktuellen Besucherstatistiken der Bühnen und Konzerthäuser sind schon bemerkenswert. Schieben wir zunächst einmal Winston Churchills Bemerkung, er glaube nur Statistiken, die er selbst gefälscht habe, beiseite. Mag sein, dass der eine Tournee-Erfolge, der andere Open-Air-Ereignisse, der dritte kleine Spielstätten mit einrechnet. Die detaillierten Zahlen folgen immer erst später. Das Bemerkenswerte der ersten Zahlen sind die spezifischen Erfolge der einzelnen Häuser, hinter denen sich manchmal Langzeitstrategien offenbaren.

Shows ohne Moderation

Dafür ist der Friedrichstadtpalast, der 2014 sein 30-jähriges Bestehen feiert, ein gutes Beispiel. Eigentlich ist es das Traditionshaus der gern verklärten Berliner Revue, die es so schon lange nicht mehr gibt. In den Achtzigern der Neueröffnung war es viel mehr das Haus, in dem DDR-Bürger ihre Fernsehstars einmal hautnah auf der Bühne erleben konnten. Es war eine kleine heile Märchenwelt, die sich in der Wiedervereinigung auflöste. In den Neunzigern wurden thematische, auch moderierte Revuen kreiert. Inzwischen war Berlin zur Hauptstadt geworden und die Touristenströme nahmen von Jahr zu Jahr zu. Irgendwann aber geriet das Revuetheater finanziell ins Schlingern. Jetzt heißt es in der Auswertung: „Da die Erwachsenenshows seit 2008 bewusst sprachunabhängig konzipiert sind und auch von Gästen ohne Deutschkenntnisse genossen werden können, ziehen die Quoten internationaler Besucher seit Jahren an.“ Derzeit sind es 15 Prozent. Das Haus strebt bereits für 2020 ein Drittel an. Irgendwann werden die parkenden Busse rund um den Friedrichstadtpalast legendär sein.

Rückkehr zur Unterhaltungstradition

Eine strategische Neuausrichtung hat Intendant Barrie Kosky auch an der Komischen Oper vorgenommen und damit im Jahr 2013 gut sieben Prozent mehr Besucher ins Haus geholt. Das Opernhaus war nach dem Zweiten Weltkrieg vom österreichischen Regisseur Walter Felsenstein auf den Ruinen des früheren Metropol-Theaters neu errichtet worden. Er begründete eine neue Tradition, die ins deutschsprachige Regietheater mündete. Davon hat sich der Australier Kosky rigoros gelöst und auch die frühere Unterhaltungstradition ins Haus zurückgeholt. Oper, Operette, Musical – alles soll auch unterhalten. Quotenbringer waren die „Zauberflöte“ als Comicoper, „Ball im Savoy“ oder Bernsteins „West Side Story“. Die Auslastung stieg von 70,6 auf 78 Prozent. Anders gesagt: Bei fast 190.000 Besuchern fanden 9000 mehr den Weg an die Behrenstraße.

Eine treue Abonnentenschar

Im Gegensatz zu Barrie Kosky, der sein Haus und sich selbst gern ins Rampenlicht rückt, hat Konzerthausintendant Sebastian Nordmann den eher stillen Weg zum Erfolg gewählt. Sein Haus am Gendarmenmarkt weist 2013 die beste Bilanz seit zehn Jahren aus, die Auslastung stieg um fast acht Prozent von 72,6 auf nunmehr 80,4 Prozent. Nordmann hatte sein Haus zunächst gründlich durchanalysieren lassen und schließlich aufs Marketing gesetzt. 2012 wurde etwa die „Konzerthaus Card“ eingeführt, die zu fünfzehn Prozent mehr Stammkunden geführt hat. Das Konzerthaus und sein Orchester leben von einer überaus treuen, stattlichen Abonnentenschar. Die wird geradezu umsorgt.

Konzerte tagsüber sind ein Renner

Darüber hinaus wurden neue Formate wie kleine Festivals eingeführt, um das weniger traditionsgebundene Publikum einzufangen. Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass auch das Klassik-Publikum immer älter wird. In Großstädten wird längst von der Besuchergeneration 80plus gesprochen. Ältere Jahrgänge scheuen sich zunehmend, abends und nachts mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt zu fahren. Die Angebote tagsüber sind absolute Renner. Im Konzerthaus sind die Espresso-Konzerte (Kammermusik plus ein Espresso) mittwochs um 14 Uhr stets ausverkauft. Auch die acht öffentlichen Proben des Konzerthausorchesters jeweils um 12 Uhr kamen auf eine Auslastung von fast 92 Prozent. Nicht zuletzt hat sich Ivan Fischer als Chefdirigent längst eine Fangemeinde erworben.

Mit ungewöhnlichen Reihen wie Roger Willemsens „Unterwegs“ konnte man übrigens im Kammermusiksaal der Philharmonie einen neuen Rekord einfahren. Dort stieg die Auslastung um mehr als zehn Prozent auf 72,6 Prozent, wie es auf Nachfrage heißt. Normalerweise stellen die Philharmoniker ihre Zahlen erst bei der Jahrespressekonferenz vor. Aber das Spitzenorchester ist eh ein Selbstläufer mit 90plus.