Klassik

Was Christian Thielemann an Richard Strauss besonders mag

Die Klassikwelt feiert den 150. Geburtstag von Richard Strauss. Dirigent Christian Thielemann, der eine konzertante „Elektra“ in der Philharmonie aufführt, erklärt das Geheimnis des Komponisten.

Foto: Barbara Gindl / dpa

Mit einer konzertanten „Elektra“ von Richard Strauss gastieren Chefdirigent Christian Thielemann und seine Dresdner Staatskapelle Dresden am Dienstag in die Philharmonie. Der gebürtige Berliner Dirigent, der früher Generalmusikdirektor der Deutschen Oper war und bei den Bayreuther Festspielen Furore machte, gilt als Strauss-Kenner. Thielemann sieht das revolutionäre Potenzial von Strauss vor allem in der bürgerlichen Gelassenheit. Axel Brüggemann sprach mit dem Dirigenten.

Berliner Morgenpost: Herr Thielemann, das Wagner-Jahr ist vorbei. Nun feiern wir einen anderen Ihrer persönlichen Helden: Richard Strauss.

Christian Thielemann: …und ich kann Ihnen sagen, dass mich an dieser Jubiläumskonstellation freut, dass Strauss nicht so wagnermäßig drauf ist! Dass wir es nun mit einer etwas entspannteren Persönlichkeit zu tun haben.

Na ja, ganz ohne Spannung ist Strauss ja nun auch nicht: „Salome“ und „Elektra“ waren Skandale ...

Strauss war stets ein gelassener Mensch, auch wenn er sehr ungelassene Inhalte komponiert hat. Anders als Wagner, der das Drama mit Frauengeschichten, politischem Radikalismus und Schulden ständig gelebt hat, blieb der Skandal bei Strauss stets auf der Bühne. Er kehrte immer wieder zurück in sein Garmischer Idyll und pflegte diese angenehme bayerische Heimatverbundenheit. Der Unterschied ist, dass Wagner dauernd im existenziellen Dienst war und Strauss, nachdem er einige dramatische Noten komponiert hatte, auch einfach mal einen Nachmittag lang Skat spielen konnte.

Dieses bürgerliche Leben müsste Ihnen liegen: Strauss ist pünktlich um sechs Uhr aufgestanden, hat ein bisschen Opernskandale komponiert und dann pünktlich zum Mittag die Suppe von seiner Frau Pauline gelöffelt. Sie haben einmal gesagt, dass „konservativ“ die neue Avantgarde sei – trifft das auch auf Strauss zu?

Der gemütliche Lebensstil von Strauss schloss große musikalische Revolutionen ja nicht aus. Der Hang zum Biederen ist für mich in der Tat hochmodern. Schauen Sie sich doch unseren Ex-Außenminister an, der einst auf der Straße begonnen hat, seine Turnschuhe irgendwann gegen einen Anzug tauschte und heute in einer Villa in Dahlem lebt. Für mich personifiziert so eine Vita den späten Sieg des Bürgertums. Denn letztlich findet es doch jeder Revolutionär super, wenn das warme Badewasser eingelassen ist, wenn es etwas Gutes zu essen gibt, wenn die Haushälterin den Tee serviert und das Bett nach Lavendel duftet. Selbst eine Revolution soll Spaß machen: Da werden die Nächte durchgesoffen, und da wird Sex mit jedem gemacht – aber am Ende will nicht mal ein Berufsrevoluzzer im Dreck leben.

Aber, mit Verlaub, was hat all das mit Strauss zu tun?

Er hat in der Umbruchszeit zwischen zwei Weltkriegen allerhand Ausflüge in die menschliche Welthölle unternommen. Er hat seine großen Skandale in Berlin komponiert, hat hier der Welt die Fratze gezeigt. Seine Opern wurden teilweise verboten, noch in Dresden sorgte die „Elektra“ für einen Eklat. Aber am Ende ist er in seine Garmischer Berge zurückgekehrt und hat gesagt: Hey, dieses ganze Revoluzzertum ist doch irgendwie unbequem und doof. Ich muss das zu Hause nicht auch noch haben. Mir reicht es, dieses menschliche Extrem auf der Bühne zu zeigen. Und ich persönlich habe für diese Einstellung vollstes Verständnis.

Aber die „Elektra“, die Sie in Berlin dirigieren werden, ist ein einziger Wutausbruch.

Und was für einer! Und es muss auch darum gehen, diese Wut zu zeigen. Aber vergessen wir nicht das Lyrische. Es handelt sich schließlich um den gleichen Komponisten, der auch „Arabella“ und „Rosenkavalier“ komponiert hat. Während wir in „Salome“ den Untergang eines Weltreiches verfolgen, in „Arabella“ die pure Wut, sehen wir im „Rosenkavalier“ den Sittenverfall des Adels. „Arabella“ etwa beginnt mit einem menschlichen Slapstick. Zugegeben, das ist nicht wie bei „Elektra“, kein archaisches Haudrauf, aber in seinen inneren Strukturen vielleicht noch viel böser und realistischer!

Wie meinen Sie das?

Strauss deckt ein Phänomen auf, das heute noch aktuell ist: dass das Bürgertum gar nicht mehr so sein kann, wie es sich in aller Konvention nach außen gibt. Und er zeigt, dass es in allen Welten Langweiler gibt, im Bürgertum ebenso wie unter den Revolutionären. Letztlich ist hinter den Mauern der Villen von Dahlem doch das Gleiche los wie hinter den Plattenbauten in Neukölln: Da wird menschlich gelitten, verzweifelt, gehasst und unmoralisch gelebt. Dass die bürgerlichen Spießer rausgehen und nachschauen, ob der Porsche einen Kratzer hat, ist letztlich genau so peinlich wie die vermeintlichen Revolutionäre, die behaupten, dass man nicht zweimal mit derselben pennt, und am Ende doch unter Eifersucht leiden. Diese Scheinwelt ist ja auch der Grund, warum Elektra das abgetakelte Königreich, das nur noch als Prunk-Fassade besteht, beendet. Beide Gruppen spielen die große Sause nur vor. Und Strauss zeigt uns, dass sie hinter den Fassaden alle gleich ticken. Das ist knallhart!

Während Strauss in „Elektra“ die Klangzone bis an die Grenzen ausreizt, kehrt er später zu einem einen musikalischen Neoklassizismus zurück. Warum?

Klemperer hat einmal gesagt, dass er keine Lust habe, den „Rosenkavalier“ zu dirigieren, weil er kein Zuckerwasser anrühren wolle – später hat er es dann doch getan. Natürlich auch, weil Strauss ein ganz Raffinierter war. Sein Ausflug ins Bürgertum ist wie ein Ausflug ins wilde Tierreich. Und was das Tollste ist: Er musste dafür keine zerrissenen Jeans anziehen, sondern hat im Anzug mit goldener Taschenuhr komponiert. Die Frage war, was er nach „Salome“, „Elektra“ und „Frau ohne Schatten“ noch tun sollte. Gegen diese drei Höllenweiber war selbst Wagner ein Waisenknabe. Das musikalische Material war ausgereizt, danach hatte nur noch Zwölfton- oder gar Fünfzehntonmusik kommen können. Strauss hat sich für einen anderen Weg entschieden. Ihm ist etwas viel Genialeres eingefallen: Er hat das Böse in Schönheit verpackt. Er ist nie atonal geworden, hat die Form nicht gesprengt, sondern hat die Konvention genutzt, um mit ihren Mitteln aufzubegehren.

Warum ging er diesen Weg und nicht den von Schönberg in die Atonalität?

Weil er im tiefen Herzen ein Theaterpraktiker war. Er wollte, dass die Leute in seine Opern kommen. Wir bewundern Schönberg und Berg, aber ein „Wozzeck“ und ein „Moses und Aaron“ erreichen eben nicht so viele Leute wie „Rosenkavalier“ und „Arabella“. Und das liegt an der tonalen Machart dieser Opern. Strauss hat sich irgendwann überlegt, dass er seine Inhalte hübsch verpackt, so wie ein japanischer Verpackungskünstler – und wenn Sie seine Pakete dann öffnen, gnade Ihnen Gott. Wie sich das anhört, das erleben Sie in „Elektra“.

Philharmonie: Elektra (konzertant) am 28.1. , um 20 Uhr. Tel. 8264727