Der Chefdirigent steht zu Silvester selbst am Pult im Konzerthaus: Marek Janowski leitet die beiden Konzerte des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB). Auf dem Programm steht die Neunte Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Der Altmeister und sein Orchester haben zuletzt mit ihrem Großprojekt, bei dem sie zehn Wagner-Opern konzertant aufgeführt haben, von sich reden gemacht. Jetzt wird sich Janowski, der nur selten öffentlich über seine Vorhaben spricht, dem neuen Jubilar Richard Strauss zuwenden. Volker Blech hat mit dem Dirigenten am Gendarmenmarkt gesprochen.
Berliner Morgenpost: Herr Janowski, warum muss es zu Silvester eigentlich immer Beethovens Neunte sein?
Marek Janowski: Es ist eine alte RSB-Tradition, und die Konzerte sind eigentlich immer ausverkauft. Es gab immer wieder auch mal Ideen, etwas anderes zu machen. Wir haben ja jedes Jahr den Rundfunkchor Berlin dabei, der auch von anderen Orchestern begehrt wird. Aber ich bin da ein bisschen altmodisch, bestimmte Traditionen haben nach wie vor ihren Charme. Und die Neunte ist nun mal ein großartiges und ungeheuer komplexes Stück.
Als Beethoven seine letzte Sinfonie komponiert hat, da war er bereits zwei Jahrzehnte lang taub. Ist das im Stück irgendwo ein Problem?
Die Behandlung der vokalen Linien des Chores als auch speziell der Sopranistin ist – wie in seiner Oper „Fidelio“ bei der Leonore – schon sehr komplex. Er ist an die hohe Sopranstimme herangegangen, als wäre sie ein Instrument. Das ist gefährlich. In dem kurzen Quartett „Wo Dein sanfter Flügel weilt“ gibt es eine Schraube hinauf aufs hohe H, davor zittert jede Sopranistin. Das hätte Beethoven sicherlich anders gestaltet, wenn er die menschliche Stimme noch gehört hätte.
Und was macht ein Dirigent an solchen heiklen Stellen?
Er versucht, dem Sänger zu helfen. Man muss aus dem Augenblick heraus minimalste Tempoverschiebungen veranlassen, die das Publikum möglichst nicht mitbekommt. Bei der langjährigen Erfahrung des RSB mit mir genügt dazu manchmal nur das Anheben des Ellenbogens um ein paar Millimeter.
Schillers „Ode an die Freude“ ist ein strahlendes Chorgeschmetter, aber danach folgen noch 30 gehetzte Finaltakte. Zerstören die nicht eigentlich wieder die positive Aussage?
Es ist ein sinfonischer Variationssatz, der braucht Brüche. Und er muss fast an eine Art euphorischer Hysterie heranführen. Bestimmte Passagen müssen an die Grenze der Ausführbarkeit gehen – ein typisches Kriterium des späten Beethoven.
Wie deuten Sie Beethovens Schluss-Apotheose: Wird wirklich alles gut?
Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich mir als Nicht-Interpret den letzten Satz anschaue, hätte ich Schwierigkeiten, daran zu glauben. Aber als Gestalter ist es anders. Im Moment der Überwindung aller Brüche denke ich zweifellos, dass alles gut wird. Die Musik ist wie ein Sog.
Es gibt viele Legenden und Kuriositäten rund um Beehtovens Neunte. So soll etwa Sony-Chef Norio Ohga die Länge der modernen Audio-CD auf 74 Minuten festgelegt haben, damit eine ganz bestimmte Aufführung von Wilhelm Furtwängler vollständig draufpasst. Sie brauchen aber keine 74 Minuten für die Sinfonie?
Bei mir wird sie sicher um ein Geringes kürzer. Es wird gern vergessen, dass Sänger an der Sinfonie beteiligt sind. Und dann gelten Regeln wie in der Oper, der Dirigent hat sich auf die vokale Tagesform des Sängers einzustellen. Wenn die Stimme nicht in Bestform ist, muss man manchmal zügiger, manchmal breiter dirigieren. Und wenn dann mehrere Sänger beteiligt sind, relativiert sich natürlich jede Art von Zeitmessung.
Als Konzertdirigent sprechen Sie auffällig viel von Stimmen und der Oper.
Ich habe ja auch eine Opernkapellmeister-Jugend hinter mir. Ich bin 1969 an die Hamburgische Staatsoper gekommen, wo vierzig oder fünfzig Opern im Repertoire geführt wurden. In meinem ersten Monat dort als Kapellmeister habe ich, weitgehend ohne Proben, sechs oder sieben für mich neue Opern dirigiert. In gewisser Weise ist es gut, dass es diesen Druck so heute an den Opernhäusern nicht mehr gibt. Andererseits konnten junge Dirigenten im alten System wichtige Reflexe zu Sängern hin entwickeln. Ich habe viel Oper dirigiert und dabei viel über die menschliche Stimme gelernt. Das ist mir auch in meiner Berliner Wagner-Serie entgegen gekommen.
Dann fehlt Ihnen der Opernbetrieb doch?
Mir fehlt gelegentlich, die Musik des „Tristan“ oder der Strausschen „Daphne“ oder Mozarts „Cosi fan tutte“ zu dirigieren. Mir fehlt auch Puccini. Mir fehlt aber überhaupt nicht das tägliche logistische Drumherum in den Opernhäusern. Kürzlich bin ich wegen eines Vorsingens auf der Probebühne der Deutschen Oper gewesen. Dort war ich das letzte Mal so ungefähr vor 25 Jahren, es sind natürlich die gleichen Gänge und Treppen. Dieses Ambiente fehlt mir nicht.
Sie mögen den ganzen Opernbetrieb nicht, ich dachte, Sie haben nur eine Abneigung gegen das Regietheater?
Ja, die habe ich. Als in den späten 70er-Jahren die heutige Regie-Entwicklung begann und sich vor allem auch Dramaturgen profilieren wollten, war mir noch gar nicht bewusst, dass ich auch das ganze Drumherum der Oper nicht brauche. Zurückgezogen hatte ich mich nach einem Erlebnis in der Münchner Staatsoper mit einer besonders eigenartigen Inszenierung. Vor ein paar Monaten war ich in Amerika und habe sonntagnachmittags den Fernseher angemacht. Auf dem Metropolitan Channel lief gerade Verdis „Maskenball“ in einer grauenhaften Inszenierung, aber mit interessanten Sängern. Da dachte ich kurz einmal: Wie schade. Aber das ging schnell wieder vorbei.
Gehen Sie denn selber noch regelmäßig in die Oper?
Naja, ich tue es gelegentlich, um einen bestimmten Sänger zu erleben. Wenn man mir beispielsweise von einer vielversprechenden Sopranistin erzählen würde, dann ginge ich in den zweiten Akt vom „Tannhäuser“, um mich auf die großen Elisabeth-Passagen zu konzentrieren. Wahrscheinlich ginge ich dann danach wieder nach Hause.
Mit dem Wagner-Zyklus haben Sie selber Oper gemacht. Im kommenden Jahr wird der 150. Geburtstag von Richard Strauss gefeiert. Werden Sie dafür die konzertanten Aufführungen fortführen?
Der Wagner-Zyklus war ein Erfolg, viele Menschen fanden die Serie toll und wir wurden als ein sehr gutes Opernorchester gelobt. Ein solches Lob ist für das RSB aber ein vergiftetes Lob. Berlin hat drei Opernhäuser mit drei großartigen Orchestern und es war nicht unsere Absicht, dazu in Konkurrenz zu treten. Um die Linie der konzertanten Opernaufführungen aber doch hin und wieder einmal aufzugreifen, werden wir im Mai 2015, also erst nach dem Strauss-Jubiläum, in einer Woche konzertant hintereinander „Daphne“ und „Elektra“ spielen.
Was sind für Sie als Konzertdirigent eigentlich die Meisterwerke?
In meiner Definition sind Meisterwerke jene Stücke, in denen ich immer wieder und wieder etwas Neues entdecken kann. Für mich ist Beethoven das Zentrum der bisherigen Musikentwicklung. Auch die vier Schumann-Sinfonien sind für mich Meisterwerke, trotz gelegentlich problematischer Instrumentierung. Schwieriger wird es für mich bei der zeitgenössischen Musik. In meinen Pariser Jahren zum Beispiel bin ich durch die Nähe zu Olivier Messiaen überzeugt davon gewesen, dass er zu den wenigen Komponisten gehört, deren Werke nach ihrem Tode mindestens die nächsten 50 Jahre überleben werden. Das würde ich heute sicher nicht mehr sagen.
Beethovens Neunte dirigieren Sie auch am Silvesternachmittag. Wie feiern Sie ins Neue Jahr hinein?
Meine Frau ist in Berlin, sie ist Französin. Wir trinken nach dem Konzert sicher irgendwo einen Kaffee und gehen dann nach Hause. Dort wird dann in Ruhe zu Abend gegessen und das Neujahrsgeböllere erwartet.



