Silvesterkonzerte

Thielemann tritt im TV gegen Rattle an

Es ist mehr als nur ein Quoten-Duell der Stardirigenten. Fast zeitgleich werden die Silvesterkonzerte aus Dresden und Berlin live im Fernsehen übertragen. Es offenbart eine neue Konkurrenz in der Klassikwelt.

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„Ich muss ganz ehrlich sagen, das hat mich auch geärgert“, sagt Christian Thielemann. Weil ihm doch die Fernsehsender zugesichert hätten, es werde in diesem Jahr nicht noch einmal passieren. Und was ist so Furchtbares passiert? Sein Silvesterkonzert mit der Dresdner Staatskapelle wird im ZDF von 17.35 Uhr bis 19 Uhr aus der Semperoper übertragen. Die ARD zeigt das von Sir Simon Rattle dirigierte Konzert aus der Berliner Philharmonie bereits ab 18.30 Uhr. Es gibt also eine halbstündige Überschneidung, wohingegen die beiden Silvesterkonzerte im Vorjahr noch fast zeitgleich liefen. Von Gebührenverschwendung und Ignoranz ist die Rede, seit die beiden Spitzenorchester im Fernsehen gegeneinander antreten. Wie dem auch sei, seither zucken Musikliebhaber eher geschmeichelt und gelangweilt mit den Achseln, wohingegen sich Politiker und die öffentlich-rechtlichen Programmmacher versuchen, gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben. Für den sächsischen Regierungschef Stanislaw Tillich ist die Doppelung gar Ausdruck für den „Reparaturbedarf“ bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Dabei offenbart sich hinter all den Plänkeleien etwas ganz Wunderbares – nämlich die Lobbyarbeit für zwei Konkurrenten, die es wert sind, dass man in den Medien um sie ringt. Die Nation hat ihre musikalischen Repräsentanten vor Augen und Ohren. Alles Gerede von Spitzenorchestern und Stardirigenten ist hinfällig, wenn der Neugierige vorm Fernseher die Wahl hat. Er kann livehaftig entdecken, sich einfangen lassen oder sich langweilen, es einfach fühlen. Das beginnt schon bei den Dirigenten, die unterschiedlicher nicht sein können. Der Brite Sir Simon Rattle, der für das Polyglotte, den internationalen Oberflächenglanz steht. Ein Dirigent, dem man gern die musikalische Leichtigkeit abnimmt. In der Philharmonie dreht sich zu Silvester alles um den Tanz. Da gibt es einen slawischen Tanz von Antonin Dvorak und einen ungarischen von Johannes Brahms, den verführerischen Tanz der sieben Schleier aus Richard Strauss' Oper „Salome“ sowie Ausschnitte aus Igor Strawinskys Ballett „Der Feuervogel“ (siehe nebenstehende Kritik).

Dagegen steht der gebürtige Berliner Christian Thielemann, knorrig und launisch, ein Dirigent, dem nichts Schweres schwer genug sein kann. Er steht für die deutsch-österreichische Musikkultur. Und auf was lässt er sich ein? Auf die „leichte Muse“, die ansonsten keiner von ihm erwartet. Diesmal sind es Auszüge aus mehreren Operetten von Franz Lehár. Und es passt zu ihm, wenn Thielemann von seinem begeisterten Orchester folgendermaßen spricht: „Alle sitzen grinsend auf den Stühlen, weil sie endlich mal so etwas spielen dürfen.“ Was für ein elitäres Selbstverständnis verbirgt sich dahinter! Das wird nicht jedermann gut finden. Ein Rattle würde so etwas nie aussprechen. Wer hat nun mehr Charakter?

Die beiden Stardirigenten stehen sich in diesem Jahr übrigens erstmals zu Silvester direkt gegenüber. Gespannt werden wir anschließend auf die Einschaltquoten schauen, für die sich angeblich in der hehren Klassik doch niemand interessiert. Genau genommen sind die Berliner Philharmoniker der Platzhirsch, die unangefochtene Nummer Eins, wohingegen die traditionsreichere Dresdner Staatskapelle, die Thielemann als Chefdirigent offiziell im Sommer übernimmt, zurück an die Spitze strebt – jenseits des Opernbetriebs nach dem Glamourfaktor sucht, den man nur mit Konzerten erreicht. Nein, die Berliner Philharmoniker müssen die Konkurrenz nicht fürchten, aber schon gut im Auge behalten. Und das nicht nur zu Silvester im Galaprogramm.

Denn auch im Festspielbetrieb ist einiges in Bewegung, nicht zuletzt, weil sich die Berliner Philharmoniker im letzten Jahr von den Salzburger Osterfestspielen zurückzogen, weil es dort angeblich keine Zukunft mehr gäbe. Die Lücke haben Thielemann und die Semperoper sofort für sich entdeckt. „Die Kooperation mit Salzburg ist nicht nur für die Staatskapelle fantastisch, sondern auch für die Oper“, sagt Intendantin Ulrike Hessler pünktlich zum Silvesterkonzert, „da wir jeweils eine Koproduktion mit den Osterfestspielen herausbringen und dadurch eine zusätzliche Produktion auf den Spielplan bekommen.“ Salzburg bekommt wieder Aufwind, Thielemann ist zudem einer der wichtigsten Pultstars bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen. Thielemann ist auf dem Weg, sich als Deutschlands führender Dirigent zu positionieren. Die Philharmoniker siedeln dagegen nach Baden-Baden um. Mitte Januar wollen Simon Rattle und Festspielhaus-Intendant Andreas Mölich-Zebhauser vorstellen, was sie jenseits von Champagner, Wodka und viel Spielgeld künstlerisch ausprobieren wollen. Es wird ein Neubeginn sein, auch ein riskanter. Aber bekanntlich wohnt allem Anfang ein Zauber inne.

31. Dezember 2011:

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker. ARD, 18.30 bis 20 Uhr.

Christian Thielemann und die Dresdner Staatskapelle. ZDF, 17.35 bis 19 Uhr.