Frühkritik

Philharmoniker spielen Gedenkkonzert für Claudio Abbado

Am Abend gaben die Berliner Philharmoniker für ihren früheren Chefdirigenten Claudio Abbado ein Gedenkkonzert. Dieser war am Montag mit 80 Jahren gestorben. Eine berührende Erinnerung an den Maestro.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Die Schweigeminute von Orchester und Publikum stand am Beginn. Es war das erste Konzert der Berliner Philharmoniker nach dem Tode ihres früheren Chefdirigenten Claudio Abbado. Der Maestro war am Montag im Alter von 80 Jahren gestorben. Intendant Martin Hoffmann kündigte eine Programmänderung an, die an den großen Mahler-Interpreten Abbado erinnern sollte. Das Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie ließ der indische Gastdirigent Zubin Mehta dann voller Natürlichkeit fließen, wie es einst auch Abbado am Pult forderte. Eine berührende Erinnerung an den italienischen Stardirigenten, der für seine mythischen Konzertereignisse und die leisen Zwischentöne berühmt war. Ja, von vielen dafür geliebt wurde. Nach diesem Adagietto gab es keinen Applaus. Abbado selbst liebte die Momente der Stille nach dem Ende der Werke. Mehr als mit dem gedenkenden Schweigen kann das Publikum den Dirigenten kaum Ehren.

Im Foyer der Philharmonie sind Kondolenzbücher ausgelegt. Noch vorm Konzert haben sich viele darin eingetragen. Es sind meist kurze Würdigungen wie „Danke!“ oder „Unvergessen“. Jemand hat sich konkret für ein Konzert mit Mahlers erster Sinfonie im Herbst 1989 bedankt. Weil es ihm Mahler eröffnet habe. Manche Dankesworte sind auf Englisch, einer auf Chinesisch. Abbado war ein Weltstar.

693 Mal dirigierte er die Philharmoniker

Am Donnerstag fand das erste von drei Gedenkkonzerten in der Philharmonie statt. Viele im Publikum werden ihre ganz eigenen Erinnerungen an den Dirigenten haben, der von 1990 bis 2002 die Philharmoniker leitete. Immerhin hat Abbado von 1966 an insgesamt 693 Mal am Pult der Philharmoniker gestanden. Seine letzten Konzerte fanden im Mai letzten Jahres statt, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Da wurde er mit stehenden Ovationen gefeiert. In Erinnerung ist mir geblieben, wie der sichtlich erschöpfte und schmale, von seiner Krankheit gezeichnete Dirigent noch einmal auf die Bühne zurückkam, allein dastand, denn das Orchester und große Teile des Publikums waren schon gegangen, und glücklich in den Saal schaute.

In ihrem Nachruf betonen die Philharmoniker, stolz darauf zu sein, „Teil seinen musikalischen Erbes zu sein“. Nun gibt es bekanntlich ritualisierte Floskeln für Trauer, vor allem auch als Selbstschutz für die Hinterbliebenen. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Musiker sich nicht nur in Dankbarkeit, sondern „in tiefer Liebe“ vor Claudio Abbado verneigen. Der Dirigent hat offenbar nicht nur sein Publikum berührt.

Eine Fahrt ins Unvermeidliche

Das Adagietto war eine wunderbare Wahl. Selbst die Abbado- oder Mahler-Unkundigen werden das sehnsuchtsvolle Stück erkannt haben. Luchino Visconti hat es in seiner Verfilmung von Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ als Filmmusik verwandt. Darin reist der gealterte, in einer Schaffenskrise steckende Komponist Aschenbach nach Venedig. Als das Dampfschiff im Morgengrauen in die Lagune der Stadt gleitet, erklingt das Adagietto. Der Künstler sitzt an Deck, es ist eine Fahrt ins Unvermeidliche, in den Tod.

Nach dem Adagietto begann das ursprünglich geplante Konzertprogramm. Es war eine glückliche Fügung, dass Anton Weberns Sechs Stücke für Orchester vorgesehen war. Claudio Abbado, der sich auch der Zweiten Wiener Schule verbunden fühlte, hat die Stücke in seiner Berliner Zeit mehrfach aufgeführt. Die Sechs Stücke sind die jüngere Schwester vom Mahlerschen Adagietto. Webern hat seine Musik in Erinnerung an seine verstorbene Mutter geschrieben, es gibt einen stilisierten Trauermarsch darin. Im Gegensatz zu Abbado, der in der Musik gerade auch die Zerbrechlichkeit aufspürte, ließ Mehta mehr die Zartheit fließen.

Ein Ohr im Orchester

Die beiden Hauptwerke des Abends spielten mit diesseitigen Auseinandersetzungen. Beethoven haderte mit seiner Begeisterung für die Revolutionsideale und seiner Abneigung für den machtgierigen Napoleon, in jener Zeit, als er sein fünftes Klavierkonzert schrieb. Vor allem ist es ein Stück, in dem der Solist und das Orchester zusammen spielen müssen. Rudolf Buchbinder gehört zu jenen souveränen Pianisten, die immer ein Ohr am Orchester haben und ein Auge auf den Dirigenten werfen. So war ein wunderbares Wechselspiel ohne jede künstlerische Eitelkeit zu erleben. Lediglich im Adagio konnte es sich Buchbinder nicht verkneifen, gegen das allzu Gefällige anzuspielen. Der Virtuose wusste die Philharmoniker als sichere Partner an der Seite.

Strauss braucht mehr Töne als Webern

Nach der Pause dann „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss. Ein Gigantenstück, das die Philharmoniker unter Mehta weniger in seiner Bodenhaftung als in seiner Überreiztheit auskosteten. Es ist eigentlich ein Beitrag zum diesjährigen Strauss-Jubiläum. Das Heldenleben ist ein Künstlerleben mit seinen ganzen Fluchten, Aufschreien und Wehwehchen. Große Komponisten, so eine alte Erkenntnis, verarbeiten sich letztlich immer selbst. Nur, dass ein Strauss mehr Töne, mehr Fortissimo und deutlich mehr Musiker als ein Webern dazu brauchte.

Wenn Gedenkkonzerte auch zum Nachdenken anregen sollen, dann vielleicht einmal darüber, warum ein Musiker wie Claudio Abbado so charismatisch, so lebenserfahren auf seine Umgebung wirkte. Bekanntlich werden auch andere Menschen alt, aber nicht unbedingt weise. Womöglich ist es die langjährige, intensive Auseinandersetzung mit diesen widersprüchlichen, egomanischen Werken, die den Charakter und die Weltsicht formt. Die großen Dirigenten, zumal am Pult von Spitzenorchestern, sind schon zu beneiden.