Kunst in Berlin

Katharina Grosse ist die Meisterin der Spritzpistole

Katharina Grosse malt nicht, sondern sprayt – auf so ziemlich alles. Dafür erhält sie bald einen großen Kunstpreis. Ein ziemlich farbenfroher Besuch in ihrem Atelierhaus in Berlin-Moabit.

Foto: Stefan Klüter

"Die Künstlerin sprüht noch", sagt die Assistentin, als sie die Tür öffnet. Also gut, es gibt ein Käffchen aus der neuen Cappuccino-Maschine und Zeit sich umzuschauen im Atelierhaus von Katharina Grosse, eine der einflussreichsten deutschen Künstlerinnen.

Ein inspirierendes Refugium aus Farben, Formen und Materialien, das jederzeit in "Schöner Wohnen" einen ersten Preis gewinnen könnte. An jeder Ecke ist die Handschrift der Hausherrin erkennbar. Garderobe? Am Eingang baumeln an kaum sichtbaren Drahtfäden an unsichtbaren Haken allerlei Mäntel und Jacken.

Bei Luftzug bewegen sie sich, sieht aus wie ein Empfang lebensgroßer Geister, die da den Neuankömmling grüßen. Meine Fellweste sieht daran aus wie ein ziemlich artistischer Flokati. Nah der Tür hängt ein quietschorangener Anorak mit blauen Schlieren, das könnte Katharinas Grosses Alter Ego sein, – es sind genau ihre Farben und ihr malerischer Gestus.

Atelier mit Kleinbetrieb

In der Küche gibt es Kekse, hat Grosses Bruder gebacken, Ingenieur, er hilft bei technischen Fragen. Grosses Arbeiten sind oft ziemlich groß und teilweise aufwändig. Zwei Assistenten kümmern sich um den Rest, Büro, Ausstellungsplanung, Transport, und ja, der Professorenjob in Düsseldorf, die Arbeit mit den Studenten, alles will organisiert sein.

"Halt wie ein Kleinbetrieb", sagt später Katharina Grosse, als sie uns ihr Atelier zeigt. Hier ist alles auf Farbe eingestellt: meterhohe Regale mit Farbeimern, sehr, sehr viele, damit könnte man glatt ein Hochhaus neu tünchen. Die Malerin kommt, zünftig wie eine Meisterin, in weißer Malerhose, die Füße stecken in Bergstiefeln.

Grosse, Jahrgang 1961, hat in ihrer Karriere schon vieles besprüht: metergroße Bälle, Betten, gigantische Styroporobjekte, Steine, Seide, Holz, Erdhaufen, gleich eine ganze Wohnung oder wie gerade in der Ausstellung im Hamburger Bahnhof "Wallworks" drei riesige, entwurzelte Baumstämme aus dem Tegeler Forst. Wie Farbwolken wuchern die Wurzeln in die Halle hinein, so dass der Raum seine Grenzen verliert.

Der Besucher steht mitten im Bild

Alles gerät bei Grosse durch die Farbschichtungen in Bewegung, und der Besucher steht mittendrin in diesem "Bild", der Baum, sagt Grosse, sei für sie ein "Urbild". Dass sieht alles so furios aus, dass mal ein Kritiker gefragt hat, ob man für diese psychedelischen Pigmentwirbel vielleicht Drogen braucht.

Grenzen denkt sie nicht für ihre Malerei: den traditionellen Bilderrahmen hat sie längst hinter sich gelassen, die Farbe verlängert sich in den Raum hinein, in die Architektur, ja bis in die Landschaft. Genau für diese Erweiterung und die "anarchische" Handhabung des Mediums bekommt sie demnächst den Großen Kunstpreis der Bildenden Kunst.

Manche Leute vergleichen Grosses Arbeit mit Graffiti, das stimmt insofern, weil Grosse sprayt und auf räumliche Situationen reagiert und sie sich ihr Umfeld in gewisser Weise mit Farbe aneignet. In Auckland hat sie mal eine Werbetafel in der Stadt genutzt, bald darauf waren wohl zahlreiche Tags zu sehen, jene "Signatur" der Sprayer. Demnächst kommt ein Bahndamm dran, sieben Orte entlang der Strecke Washington nach New York. Ein Projekt von Mural Art, Philadelphia. Im Mai soll es losgehen.

Für einige schnelle Meter auf Trip

Da sitzen die Leute im Schnellzug und sehen plötzlich fluoreszierendes Geäst und Gestrüpp an sich vorbei rauschen, als wären sie für einige schnelle Meter auf Trip. Die Modelle für diese urbanen Interventionen hängen bereits an der Wand in Grosses Atelier. Sie wird demnächst also viel unterwegs sein.

Wenn sie so erzählt, denkt man, dass sie unglaublich viel Spaß haben muss beim Arbeiten. Der expressive Gestus erinnert an das Action Painting von Jackson Pollock. "Das ist wirklich lustvoll", sagt sie. Bei jedem malerischen Akt würden sich ihr zudem – wie in einer Kettenreaktion – neue Möglichkeiten eröffnen und ja, aggressiv etwas rauslassen, das könne sie auch. Fast möchte man sie nach einer Spritzpistole fragen, so kreativ kommt man sich plötzlich in ihrem Atelier vor. Das müssen die vielen Farben sein. Selbst im Wohnzimmer ist ein Schränkchen besprüht.

Wann hat sie eigentlich zur Spraypistole gegriffen, erinnert sie sich noch? Klar, sagt Katharina Grosse. 1989 war es, in der Kunsthalle Bern, da hat sie Grün in die Ecke gesprüht. Ihre Grundidee war, die Malerei im Raum einmal anders zu entwickeln, unabhängig von Größenverhältnissen und Relationen. "Ich will", sagt Grosse, "das sich Malerei extrem verhält". Gibt's eine Lieblingspistole? Ja, die hat sie, "immer wieder eine andere." Gerade schwärmt sie von einer mit viel Sprühkraft, da kommt viel Farbe auf einmal durch. Grosse ist allerdings nicht der Typ, der so aus Quatsch überall dort, wo er eine Pistole sieht, sofort eine kauft. Aber sie informiert sich schon, was es so gibt im Sortiment.

Man nennt sie im Kiez Katharina die Große

Seit 2000 lebt sie in Berlin, bis 2010 unterrichtete sie an der Kunsthochschule Weißensee, pendelte zwischen Hauptstadt und Düsseldorf, wo sie studiert hatte und wiederum heute eine Professur hat. 2008 bezog sie ihr neu gebautes Künstlerhaus in Moabit, an der Lehrter Straße / Ecke Kruppstraße auf dem Areal der einstigen Militärschneiderei. Ziemlich gute Nachbarschaft, in dem imposanten Backsteinkomplex arbeiten viele Künstler. Wer hier sein Atelier unterhält, hat es auf dem Kunstmarkt geschafft.

Hier im Kiez, so erzählt ein Student, nennt man sie wegen des Neubaus schon Katharina die Große. Man kann den Bau der Berliner Architekten Augustin und Frank einen markanten Kubus nennen oder einen strengen Klotz, je nach Geschmackslage. Viel Beton, viel Glas, viel Stahl. 25 Meter lang ist er, etwa 13 Meter hoch. Zwei Etagen, Atelier, Bibliothek, Arbeitszimmer, Wohnzimmer. der Hingucker: eine froschgrüne Treppe.

Warum ist sie eigentlich nach Berlin gekommen? 15 Jahre im Rheinland waren genug. Die Kunstszene von Düsseldorf war eine eher überschaubare Enklave, "ein tolles, abgegrenztes Milieu". Aber Liebe auf den ersten Blick, nein, das war es in Berlin nicht. Aber anders auf jeden Fall. "Abends" erzählt sie, "kommt man wohin, ist eingeladen, und da weiß man nie, wie der Abend endet."

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