Pop

Andreas Dorau - Deutschlands Dadaist kommt nach Berlin

Er war Teil einer Jugendbewegung und schrieb den Hit „Fred vom Jupiter“. Nun ist Andreas Dorau 50 Jahre alt und noch immer in der alternativen Popszene unterwegs. Am Sonnabend kommt er nach Kreuzberg.

Foto: Bettina Wolf dpa / picture alliance / Jazzarchiv

Das erste Mal ist stets bedeutsam. Die ersten Schritte, der erste Kuss. Einmal geschehen, gibt es kein Zurück mehr. Das Erlebnis ist aus dem Sack. Doch entscheidend ist, wie sich die Zeit danach gestaltet. Die Langstrecke. Andreas Dorau hat als sehr junger Mensch ein besonderes erstes Mal gehabt. Eines, das jetzt immer da ist.

Mit gerade mal 16 Jahren hat er einen Hit geschrieben. „Fred vom Jupiter“. Entstanden während einer Projektwoche an der Otto-Hahn-Gesamtschule in Jenfeld. Eine rumpelige Elektronummer, in der ein Mädchenchor von einem außerirdischen Dandy erzählt.

Anfang der 80er, in den Zeiten des Kalten Krieges, erhob sich das lustige Lied aus dem Alltag. In den nächsten Jahren hat er mit zäher Beständigkeit Platten herausgebracht und sich mit der Zeile „Am Steuer seines Lebens lenkt man doch meist vergebens“ unsterblich gemacht. Mindestens.

Unermüdlicher Einsatz

Dieser Tage nun ist Andreas Dorau nun 50 Jahre alt geworden. Am kommenden Sonnabend wird er nach Kreuzberg kommen und dort eine Gala feiern, zusammen mit Stereo Total, Der Plan und Wolfgang Müller. Langweilig wird er nie: Seine letzten beiden Auftritte in der Stadt, im HAU wie auch im „Kater Holzig“, waren nicht pannenfrei, mal versagte die Technik, mal die Stimme. Aber getragen wurden sie von einer Grundsympathie des Publikums und von seinem unermüdlichen, schweißtreibenden Einsatz.

Schriftsteller und Sänger Sven Regener hat einen liebevollen Artikel im „Musik Express“ über ihn geschrieben: „Er war uns allen immer einen Schritt voraus, und er ist der einzige Avantgardist, dem man nicht zurufen kann: ‚Zu früh ist auch schlechtes Timing.‘“

Überzeugen kann man sich davon auf dem neuen Album „Hauptsache Ich!“, das eine Retrospektive der Jahre von 1981 bis heute ist. Und ein neues Studioalbum gibt es auch, sein neuntes ist es, und es heißt „Aus der Bibliothèque“.

„Allerweltsakkorde“ zu Hause auf Dauerschleife

Es ist, wie gehabt, eine sehr eigene Mischung; Andreas Dorau ist sicherlich unser populärster Dadaist. Wenn er den „Flaschenpfand“ besingt, „Wasserstoff“ und „Bienen am Fenster“, funktionieren diese Stücke als Kinderlied ebenso wie als Pop-Ohrwurm. Dorau ist einer, der eigentlich Mainstream-Lieder macht und doch in der alternativen Popszene verhaftet ist.

„Ich nehme permanent Kurskorrekturen vor“, sagt Dorau. Er spricht mit warmem Märchenonkel-Tonfall, beschleunigt aber immer wieder und hat dann eine leichte Tendenz zum hastigen Professor. Die Hamburger Zentralbibliothek war für ihn in den vergangenen Monaten Quelle der Inspiration. „Um die Plattenproduktion voranzutreiben, bin ich im Zwei-Tages-Rhythmus in die Bücherhalle gegangen und hab mir wahllos CDs mitgenommen“, sagt Dorau.

„Allerweltsakkorde“ habe er gesucht. Diese Harmonien hat er dann zu Hause auf Dauerschleife gestellt, hat Texte dazu ausprobiert und ist mit diesen Entwürfen ins Studio gegangen, um die Songs auszuarbeiten. Mit der Liga der gewöhnlichen Gentlemen fand er eine Combo, die seinen Ideen zu einem organischen Sound verhalf.

Holger Hiller eröffnete ihm die Underground-Szene

Die Recherche in der Bibliothek bewahrte Dorau auch vor dem Anhäufen verschiedenster Tonträger in den eigenen vier Wänden, wie er es etwa 1992 für die Platte „Ärger mit der Unsterblichkeit“ getan hat. Auf dem Album befinden sich detailverliebte Nummern wie „Tier im Regen“, aber auch die Hedonisten-Hymne „Stoned Faces Don’t Lie“, quasi Doraus „Tränen lügen nicht“ der 90er-Jahre. Auf Flohmärkten gab er da Unmengen von Geld aus.

„Ich musste meistens mit dem Taxi nach Hause fahren, weil ich die Tüten nicht mehr schleppen konnte“, sagt Dorau. Damals faszinierte ihn der Partysound Acid House und die Technik des Samplings, mit der sich Versatzstücke aus anderen Songs ins eigene Werk einbauen ließen. Die Geräte wurden so erschwinglich, dass Dorau zu Hause aufnehmen konnte. Gemeinsam mit Tommi Eckart, der heute mit Inga Humpe als 2raumwohnung erfolgreich ist.

Letztlich reflektiert Doraus Weg auch, unter welchen Bedingungen im Laufe der Dekaden Musikmachen möglich war. Angefangen bei frühen Vierspuraufnahmen. „Ich war ein unglücklicher Teenager, ging auf eine Gesamtschule und hatte keine Freunde, weil die anderen sich für Fußball und Mofas und so’n Kram interessierten“, erzählt Dorau. Holger Hiller, der 1980 die Band Palais Schaumburg gründete, war damals sein Gitarrenlehrer und eröffnete ihm die Underground-Szene, die heute als Vorläufer der Neuen Deutschen Welle gilt.

Teil einer Jugendbewegung - Bis es zurück zu Muttern ging

„Ich war sieben bis zehn Jahre jünger als die anderen. Ich habe mit denen Musik gemacht, aber bin nicht mit in die Kneipe gegangen. Ein Klugscheißer war ich mit Sicherheit, aber ideologische Gespräche führt man als 16-Jähriger nicht“, erinnert sich Dorau. Teil einer Jugendbewegung. Bis es um acht Uhr abends zurück zu Muttern ging. „Ich stellte damals fest, dass Musik nicht unbedingt mit handwerklichem Können zu tun haben muss, sondern vielmehr mit einer Idee“, sagt Dorau.

Virtuosität, wie sie in den 70er-Jahren vorherrschte, fand er schrecklich. Und in diesem Geist arbeitet er heute noch. Er addiert Tonfolgen, löscht, schiebt hin und her. Einen festen Plan, wie ein Stück werden soll, hat er vorab nicht. Das Entstehen an sich bedeutet für ihn künstlerisches Glück. Und dieses Glück, das fordert er nur alle paar Jahre heraus. Damit es sich nicht abnutzt.

Zwischendrin arbeitet Dorau, der Film studiert hat, für andere Popkünstler als Videoberater. In diesem Beruf, in dem er zwischen Plattenfirma, Filmproduktion und Künstlern vermittelt, muss Dorau auch ein Zeitgeist-Sensor sein.

Doraus Hauptmotivation ist Hass

Als Musiker hat er es oftmals geschafft, ein Lebensgefühl zu verdichten. Etwa in „Girls In Love“ von 1996, das in Frankreich zum Top-Ten-Hit wurde. Ein tragikomisches Tanzstück, das die gefühlsübersteigerte Atmosphäre am Ende des Millenniums mit bittersüßem Schmelz einfing.

„Das sind Zeit-Raum-Koordinaten, dass sich der persönliche Musikgeschmack zufällig mit aktuellen Strömungen trifft. Und dass man einen guten Tag hat“, sagt Dorau über seinen Erfolg und ergänzt: „Man kann immer nur die Sachen gut machen, die man selber mag. Das geht nicht mit der Brechstange. Was an den kommerziellen NDW-Stücken zum Beispiel so ekelig ist, ist dieses hörbar Kalkulierte. Das lässt einen erschauern. Und fremdschämen.“

Als Hauptmotivation, Musik zu machen, nennt Dorau ein Wort: Hass. Das klingt radikal und dann, wenn er es erläutert, zutiefst menschlich. „Es ist ganz oft so, dass ich auf etwas sauer bin, gegen etwas angehen will, auf etwas aufmerksam machen möchte oder neidisch bin, weil da gerade einer ein tolles Stück gemacht hat oder mehr Anerkennung bekommt. Das treibt mich voran.“ Die Liebe zur Musik: Es hat niemand behauptet, dass sie einfach sei.

50 Jahre Andreas Dorau Gala. Bi Nuu, Schlesische Str. 1, 19 €

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