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Warum das Verborgene Museum in Berlin einzigartig ist

Das Verborgene Museum in Charlottenburg zeigt Werke von Künstlerinnen aus dem vergangenen Jahrhundert, die in Vergessenheit geraten sind. Weltweit gibt es kein zweites Ausstellungshaus dieser Art.

Foto: Amin Akhtar

So verborgen, wie es der Name sagt, ist das Museum gar nicht. Es ist nicht von Weitem als Museum zu erkennen, was bei seinen nicht mal 100 Quadratmetern Ausstellungsfläche auch kaum möglich ist, und es liegt im Hinterhof. Aber ein Schild am Hofeingang der Schlüterstraße weist unmissverständlich den Weg. Immer wieder hat es Elisabeth Moortgat allerdings erlebt, dass Besucher hereinkommen, die aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen: „Nun wohne ich schon so lang im Kiez, aber hier war ich noch nie“, sagen manche.

Ein bisschen verborgen ist „Das verborgene Museum“ wohl doch. Dabei wollen seine Macherinnen das Gegenteil, nämlich Kunstwerke von Frauen ans Licht holen. Es sind Künstlerinnen, die in die Emigration gegangen sind oder die nicht ernst genommen wurden. Es sind Malerinnen und Fotografinnen, die um 1900 geboren wurden und über die heute keiner spricht. Zumindest nicht, bevor sie im Verborgenen Museum gezeigt wurden. Danach schon.

„Das sind immer die besonderen Erfolgserlebnisse“, erzählt die Kunsthistorikerin Elisabeth Moortgat, „wenn wir eine Künstlerin zum ersten Mal zeigen und ihre Bilder dann später in großen Museen ausgestellt werden.“ Bei Lotte Laserstein war das so. Die in Berlin lebende Malerin war 1937 nach Schweden emigriert und ist danach weitgehend in Vergessenheit geraten. In Deutschland wurde sie vor allem durch die Ausstellung im Verborgenen Museum 2003 wiederentdeckt.

Das Verborgene Museum wurde vor 27 Jahren gegründet

Zurzeit sind drei Bilder von ihr in der Ausstellung „Wien – Berlin“ in der Berlinischen Galerie zu sehen. Auch Marianne Breslauer gehört „zu unseren Rennpferden im Stall“, wie Elisabeth Moortgart sie nennt. Zwei Jahre, nachdem ihre Fotografien in der Schlüterstraße zu sehen waren, gab es in der Neuen Nationalgalerie eine Ausstellung über die Berliner Fotografin.

Natürlich gelingt so ein Coup nicht mit jeder Künstlerin, aber damit keine wieder in Vergessenheit gerät, bringen die Kunsthistorikerin Elisabeth Moortgart und Museumsleiterin Marion Beckers zu jeder Ausstellung auch einen Katalog heraus, der auch ihre umfangreiche Recherchearbeit dokumentiert.

Die beiden Frauen sind seit Gründung des Museums dabei. Die liegt inzwischen 27 Jahre zurück. Damals plante die Akademie der Künste eine Ausstellung über die Kunst vergessener Künstlerinnen unter dem Titel „Das verborgene Museum“. In den Depots aller West-Berliner Museen wurde nach entsprechenden Werken gesucht.

Künstlerin unter dem Namen ihres Lebensgefährten einsortiert

Doch eine Gruppe um die Berliner Malerin Gisela Breitling wollte mehr, nicht nur eine, sondern viele Ausstellungen. In einem eigenen Museum. Dass die Initiatoren-Gruppe nur aus Frauen bestand, war Zufall. „Wir hätten auch Männer aufgenommen“, sagt Marion Beckers, „aber damals war noch die Zeit der Frauengruppen. Und Männer haben sich für die Kunst der Frauen noch nicht sehr interessiert.“ Anfangs hätten Männer auch noch höflich gefragt, ob sie das Museum überhaupt besuchen dürfen. „Natürlich dürfen sie das“, sagt Elisabeth Moortgat. Männer sind genauso willkommen und gehören heute genauso zu den Besuchern wie Frauen.

Umgekehrt, den Frauen in der zumindest früher noch männlich dominierten Szene ihren Platz zu schaffen, sei viel schwieriger, sagt Elisabeth Moortgat. Sie erinnert sich, wie sie einmal, als es noch die Buchhandlung Kiepert am Ernst-Reuter-Platz gab, nach einem Buch über die expressionistische Malerin Gabriele Münter fragte. „Finden Sie bei Kandinsky“, hörte sie von der Buchhändlerin. Dass eine Künstlerin einfach unter dem Namen ihres Lebensgefährten einsortiert wurde, war noch vor 20 Jahren keine Seltenheit.

Das Verborgene Museum ist bis heute weltweit einzigartig. Museen über Frauen gibt es zwar viele, aber keines, das sich ausschließlich Werken vergessener Künstlerinnen des letzten Jahrhunderts widmet. „Meistens dokumentieren sie die Geschichte der Frauen und ihres Lebens oder zeigen zeitgenössische Kunst“, sagt Marion Beckers.

Schon 90 Ausstellungen

Gerade wegen seiner Einzigartigkeit hat sich das Haus aber längst in der Berliner Museumsszene etabliert und wird auch von der Berliner Kulturverwaltung unterstützt. Zumindest die Miete und die halbe Stelle von Marion Beckers trägt sie, alle anderen Gelder für die jeweiligen Ausstellungen müssen die Museumsmacherinnen für jede Ausstellung neu beantragen. Ohne die vielen Ehrenamtlichen, die beim Museum mitwirken, würde es sich wohl nicht halten.

Die Museumsmacherinnen hoffen, dass es noch lange so weitergeht, denn „es gibt viele Künstlerinnen, die entdeckt werden wollen“, sagt Marion Beckers. „Für die nächsten Jahrzehnte hätten wir viel zu tun.“ Aber auch die bisherige Bilanz kann sich sehen lassen: Etwa 90 Ausstellungen gab es bereits.

Ein paar Dachbodenhinweise führten tatsächlich zu Entdeckungen

Die Ideen dazu entstehen auf unterschiedlichsten Wegen. Manchmal melden sich Nachlassverwalter, manchmal kommen Kunsthistoriker auf das Verborgene Museum zu. Und manchmal entdecken sie Bilder, die jahrzehntelang auf einem Dachboden verstaubten. Inzwischen haben sich die Hinweise auf solche Dachbodenfunde so gehäuft, dass das Museum ihnen gar nicht immer nachkommen kann.

Aber ein paar Dachbodenhinweise haben tatsächlich zu Entdeckungen geführt. Zum Beispiel von Ilse Heller-Lazard 2009. Der Stiefsohn der Expressionistin hatte sich eines Tages im Verborgenen Museum gemeldet, als er die verstaubten Bilder unterm Dach gefunden hatte. Fast 70 Jahre nach ihrem Tod bekam die Künstlerin dann endlich eine Einzelausstellung.

Elisabeth Moortgat und Marion Beckers hoffen auf viele solcher Entdeckungen. Und auf mehr Anerkennung der Werke von Künstlerinnen. Moortgat: „Wenn ihre Bilder im Postkartenständer der Neuen Nationalgalerie angekommen sind, dann haben wir es geschafft.“

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