Eigene Galerie

Starfotograf Wolfgang Tillmans zieht von London nach Berlin

Wolfgang Tillmans hat nun in Berlin seinen Hauptwohnsitz und eröffnet seine eigene Galerie nahe des Wittenbergplatzes. Das Publikum ist international. Ein Besuch in der ehemaligen Ladenwohnung.

Foto: Jörg Krauthöfer

Das Sprachgewirr ist einfach toll, Französisch, Italienisch, Englisch dominiert, ganz klar. Schließlich hat der Hausherr Jahrzehnte in London gelebt. Bussi hier, Bussi da, und dazu ein kleines, grünes Flaschenbier in der Hand. Das Publikum ist international. Das „Happy New Year“ kommt spät, aber umso euphorischer, eine New Yorkerin ruft es Wolfgang Tillmans zu. „Schön wieder in Berlin zu sein“, sagt sie noch und verschwindet im Getümmel der Vernissage.

Gar nicht so leicht zu finden, die Nr. 15, die neue Galerie „Between Bridges“, die Tillmans, einer der gefragtesten deutschen Fotokünstler seiner Generation, gerade aufgemacht hat. Charmant ist die Keithstraße, mit hübschen schmalen Antiquitätenläden, hier kennt man die Nachbarn, trifft sich. Ein altes Stück West-Berlin, im besten Sinne. Hier also wohnt Tillmans, gleich daneben nun die Galerie. Ein extremer Wechsel vom rauen Londoner East End in den Westen der Stadt, der gerade einen Aufschwung erlebt.

Ein Haus, erzählt Tillmans, hat er noch in London. Aber sein Erstwohnsitz ist nun eben Berlin. Sein Atelier unterhält er in Kreuzberg, Nähe Kottbusser Damm. Dort arbeiten all seine Assistenten. Und ja, dort im Kiez lässt er auch seine Fotos rahmen. 23 Jahre lebte er an der Themse, dort wurde er mit dem Turner Preis geadelt, als erster Fotograf überhaupt. Mehr geht wohl nicht.

Gegen London möchte er nichts sagen, diese Metropole, sagt er, „schreibt man nie ab“. „Aber“, meint er, „die Stadt macht eine schwierige Phase durch.“ 23 Jahre hat er dort gelebt. Die Mieten sind explodiert, nicht zuletzt sind die Kulturetats weiter am schrumpfen. Wenn das mal keine Liebeserklärung ist an Berlin. Gerade wurde er an der Themse zum Mitglied der ehrwürdigen Royal Academy berufen, vergleichbar mit unserer Akademie der Künste, wo er ebenfalls Mitglied ist. Wobei sich „Royal Academy“ natürlich besser anhört.

Sympathisch schlichte Ladenwohnung

Wir stehen nun draußen vor „Between Bridges“, da lockt kein schickes Mitte-Hype-Weiß, sondern eine eher unscheinbare, auf jeden Fall sympathisch schlichte Ladenwohnung, grün die Fensterfront lackiert, blau die Tür. Erinnert irgendwie an den einfachen Standard von normalen Londoner Wohnungen. Ein Sichtschutz vor dem Fenster, schemenhaft erkennt man im Inneren drei Bierkästen von der Eröffnungsfeier an der Fensterbank. Komisch, gleich weiß man: das kann nur Tillmans Galerie sein. Leere, einsame, traurige Bierflaschen – typischer Tillmans-Stil – hat er früher oft fotografiert, Symbol ewig langer Nächte oder bleiern versumpfter Tage.

Zuletzt hat in den Räumen ein Künstler gearbeitete, Skulpturen hat er gemacht, sagt ein Nachbar. Als der Mann starb, gab es für Tillmans die Gelegenheit zur Übernahme. Könnte besser nicht passen, zwei Türen weiter wohnt er ja. Er möchte teilhaben an der Bewegung in der Galerie, sogar den Ausstellungstext hat er geschrieben, in Englisch, der wurde dann übersetzt.

Vom Fotografen zum Galeristen, irgendwie hat Tillmans die Seiten gewechselt. Der 45-Jährige sieht das eher locker. „Ich habe Freude mit anderer Kunst zu arbeiten, sie auch zu vermitteln“, sagt er.

Es ist auch so, dass es das Projekt „Between Bridges“ schon in London gab, nur nicht als eigenen Raum, sondern als Teil seines Studios.

In einem „Brückenschlag“ wollte Tillmans Künstler und Kunst zeigen, die nicht im Fokus des Marktes stehen. „Ob ich in Berlin mit diesem vornehmlich politischen Format weitermache, weiß ich noch nicht“, sagt er. Also, das Konzept steht noch nicht. „Entwickelt sich schon“, meint er. Wahrscheinlich keine schlechte Einstellung, erst mal gucken, wie die Dinge so laufen.

Jetzt zum Einstand zeigt er Patrick Caulfield, den 2005 verstorbenen Maler und Illustrator, der britischer nicht sein könnte, was dessen Humor in Pop-Art-Manier betrifft. Erst im letzten Jahr wurde er mit einer Retrospektive in der Tate Gallery geadelt. In Deutschland kennt man ihn kaum, es ist seine erste Einzelausstellung im Land.

Man muss ihn einfach mögen: eine Vase mit müden Blüten, komische Salamischeiben mit Rotwein oder das Hähnchen mit gespreizten Schenkeln, das platt auf dem Tisch liegt und aufs Messer wartet. Kurzum: seltsam bizarre Stillleben, deren Verwandtschaft mit Tillmans eigenen lakonischen Motiven nicht zu übersehen ist. In den 90er-Jahren machten sie ihn bekannt.

Hübsche schwule Jungs und verdorrte Yucca-Palmen

Vor dem Huhn lässt er sich dann gerne fotografieren. Er nickt dem Fotografen zu. „Kein Blitz“, sagt er. Für den Fotografen keine gute Nachricht, kann ganz schön unscharf werden. Tillmans stellt sich hin, ein Fuß schlägt er über den anderen, die Hände in den Taschen. Schüchtern wirkt das. Normal, welcher Fotokünstler lässt sich schon gerne von Kollegen ablichten. Schließlich geht es nicht um ihn, sondern um das, was er durch seine Kamera sieht, um seinen Blick auf die Welt.

Viele haben Tillmans mit der Erinnerung an seine Fotos aus den 90er-Jahren im Kopf konserviert. Da lebte er in London, ging in Clubs, wie das so ist, und fotografierte halt sein unmittelbares Umfeld, seine Freunde, hübsche schwule Jungs, verdorrte Yucca-Palmen an der Wand, das Obst im Korb auf dem Küchentisch, verlottertes Bettzeug. „Mein Publikum ist doch mitgewachsen“, meint er. Die Zwanzigjährigen halten ihn heute für einen Konzeptkünstler.

Craig kommt und fragt ganz nett, ob wir ein Bier wollen. Craig ist irgendwie ein heißer Typ, ein überdimensioniertes Schmetterlingstattoo in Rosa ziert seinen Oberarm, der andere Arm trägt eine ziemlich heftige Rose, dazu das transparente und weit geöffnete Hemd, wie ein Seemann auf Brautschau im wilden Kreuzberg, flüstert ein Lederjackenmann einer Freundin ins Ohr.

Jedenfalls sieht Craig genau so aus wie Tillmans Modelle in den neunziger Jahren, als er eben noch solche Party-Porträts machte. Die letzten Jahre ist viel passiert, er ist gereist, 40 bis 50 Länder sind dabei. „Neue Welt“ heißt sein Bildband, der zeigt, wie sich die Welt verändert.

Reisen um die Welt

Vielleicht ist er so etwas wie der Forscher unter den Fotografen. Er hat eigentlich alles fotografiert, schwules Leben, Wasserfälle, Genitalien, Autoscheinwerfer, tote Fische, mit Fotokopien gearbeitet und Bilder gemacht, die aussehen wie monochrome Malerei, die ein paar Dreckflecken abbekommen hat. Er befragt immer wieder – auf neue Weise – die Möglichkeiten des Mediums Fotografie.

Irgendwann nimmt Wolfgang Tillmans sein Bier, verabschiedet sich, morgen geht es nach Seoul, dann Peking, Tokio. In Japan, da hat er schon bald die nächste Ausstellung. Nach Berlin kann er, das ist das Schöne, ja wieder zurückkommen.