Kalt ist es in der Wohnung des Malers Will Kempkes in Neukölln. Der ehemaligen. Die Heizung ist ausgeschaltet. Und nichts deutet mehr darauf hin, dass er sich hier mal wohlgefühlt haben könnte. Jetzt muss er eben raus. Die letzten Tage dienten die Wohnräume ihm noch als Galerie. Als Ausstellungsraum in seiner alten Welt. Die neue Welt liegt da, wo Charlottenburg und Moabit einander streicheln.
Kempkes ist 27 Jahre alt. Jung also. Äußerlich ähnelt er James Franco sehr. Der malt ja auch. Kempkes ist noch an der Universität der Künste (UdK) eingeschrieben. Meisterschüler bei Robert Lucander. Wenn Kempkes von seinem Mentor, erzählt, dann merkt man, da ist eine große Wertschätzung vom Jungen für den Alten. Wobei Lucander auch erst 51 ist. Die Wertschätzung aber ist groß. „Das ist ein Hammer-Typ“, sagt Kempkes. Professor Lucander ist einer dieser Professoren, die mehr tun, als nur den Lehrplan abarbeiten.
Durch universitäre Lehrpläne lernt man vor allen Dingen Theorie und Technik. Aber wie vermarktet man sich als Künstler? Die Absolventen der Akademien und Kunsthochschule stehen häufig nach dem Ende des Studiums fragend da. „Niemand sagt Dir, so machst Du das jetzt.“ Niemand außer Lucander. Sie spielen Telefonate mit Galeristen nach, üben Verhandlungen.
Kempkes komponiert Geschichten wie aus 1001 Nacht
Dabei hat Kempkes Ideen und Selbstvertrauen. In der alten Wohnung in Neukölln stehen Großformate. Öl auf Leinwand. Manchmal noch Sprühlack. Da marschieren finstere Gestalten durch ein großes Grau. Wie Soldaten sehen die aus. Der vorderste trägt eine gelbe Blindenbinde am Arm. Blinde Soldaten, wäre das nicht großartig? Sie würden alle irgendwo hin schießen, nur nicht auf den Feind. Ein bisschen Daniel Richter ist da auf jeden Fall drin. Wobei Richter bunter, psychodelischer, kaleidoskopartiger malt. Absurd aber sind beide.
Kempkes komponiert Geschichten wie aus 1001 Nacht – mit einem modernen Bruch. Er benutzt das älteste künstlerische Mittel, die Malerei, zitiert den Orientalismus, die Begeisterung, die Faszination des weißen Kolonialherrens für das exotische Fremde und spielt großartig mit Stereotypen und Pop. Da führt die Eingeborene einen Affen spazieren, und wir sehen das durch eine Videokamera. Da reitet einer auf einem Elefanten und wir blicken über den Gewehrlauf einer Kalaschnikow wie im Computerspiel Counter-Strike. Da sind die Pyramiden, über die fliegt Kirby, so ein Pummelpuff aus dem Super Nintendo und vorne hält ein goldzahniger NFL-Spieler seine schwarze American Express ins Blickfeld des Betrachters.
Ausstellung als eine Art Neo-Orientalismus
In seinen Arbeiten löst der Künstler Zeit, Raum und Bezugspunkte auf. Er spielt mit den Erwartungen. „Meine Ausstellung begreife ich als eine Art Neo-Orientalismus. Im Orientalismus haben sich Europäer den Orient vorgestellt. Das waren dann Bilder voller Sex. Frauen im Harem in Seidenoutfits. Das war damals eine Kompensation. Aber heute gibt es keinen Sex mehr.“ Der Orient ist längst kein Sehnsuchtsort mehr. Er ist ein Kriegsschauplatz, siehe Syrien.
Kempkes zeigt interessante Positionen zwischen Krieg und Pop. Und auch das ähnelt Richter. Der stellt Gitarrenspieler in Kriegslandschaften, er schickt Soldaten um die Welt, um die vermeintlich Unfreien mit Rock and Roll zu befreien. Aber Kempkes imitiert nicht. Er hat einen fast märchenhaften Stil. Da ist eine Linie, die den Horizont darstellt. Die ist in jeder seiner Arbeiten. Das ist wie eine Grenze zwischen der Wirklichkeit und einer Traumwelt. Im Vordergrund das gemalte Sturmgewehr und hinten am Horizont der gesprühte Elefant. Zwei Ausdrucksformen für zwei verschiedene Ebenen, die auf eine Leinwand übersetzt werden.
Es läuft gut für Kempkes. Früher arbeitete er als Security bei Events wie der IFA. Und irgendwann überlegte er sich dann, also, wenn ich für acht Euro die Stunde pünktlich und gewissenhaft bin, warum kann ich das nicht in der Kunst, in der Sache, die ich so liebe. Seitdem malt er mit einer großen Disziplin, die sich ausgezahlt hat. Inzwischen wird er von AJL Art vertreten. Der Galerie von Anna Jill Lüpertz, der Tochter von Markus Lüpertz. Aber Kempkes hat sich zur Vermarktung über die Galerie hinaus ein eigenes Tool erdacht.
Der Kunde bestimmt das Thema
Es heißt „First Official Artist Subscription“ und ist so etwas wie ein Kunstabo (www.willkempkes.com/First-Official-Artist-Subscription). Für 300 Euro kann man bei ihm sechs kleinformatige Bilder erwerben. Jede Woche schickt der Künstler eines an den Käufer. Über Briefe und Gespräche erarbeiten sich Kunde und Künstler die jeweiligen Sujets der Bilder. Ein Mann schickte Kempkes Zahlenfolgen. Es waren Nummern von verschiedenen Porschetypen. Kempkes malte also einen Porsche. Eine Anwältin schreibt ihm seitenlange Briefe. 20 Abos hat er schon verkauft.
Die Fliesen auf dem Boden haben Risse. Bald wird hier wieder eine Wohnung sein. Kempkes ist dann längst schon weg. Neukölln ist für die Künstler, die dort hinzogen, es überhaupt erst lebenswert machten, inzwischen zu teuer geworden. Aber die blinden Soldaten und die Elefanten marschieren weiter.





