Kunstsache

Wolfgang Tillmans eröffnet neue Galerie in Berlin-Kreuzberg

Gabriela Walde besuchte das Atelier des Fotografen Wolfgang Tillmans in Kreuzberg. Ein Domizil hatte er in der Hauptstadt schon seit Jahren, aber lange war London seine künstlerische Heimat.

Foto: Jens Ziehe/Photographie / Wolfgang Tillmans

Meine Freundin Emma hat endlich mal wieder mit ihrem alten Studienfreund in London telefoniert und gehört, dass Wolfgang Tillmans jetzt endgültig sein Studio an der Themse aufgegeben hat und mit Sack und Pack und Kamera nach Berlin gezogen ist.

Ein Domizil hatte er hier längst schon, aber London war lange, lange Jahre seine künstlerische Heimat. Schließlich holte er sich dort die Auszeichnung seines Lebens – als erster Fotograf überhaupt erhielt er im Milleniums-Jahr den renommierten englischen Turner-Preis. Wohl nur der Ritterschlag durch Queen Elisabeth gilt mehr.

Jetzt also gibt es für Emma gleich zwei gute Nachrichten in Berlin: Tillmans arbeitet fortan fest in seinem Atelier in Kreuzberg, natürlich nur, wenn er nicht auf Reisen ist. Und noch besser, seine Londoner Galerie „Between Bridges“ macht in der Hauptstadt wieder auf, in der Keithstraße, nahe am Wittenbergplatz. Schöne Räume, heißt es in der Galerie Buchmann, dort, wo Tillmans gerade seine „Silver“-Serie zeigt.

Patrick Caulfield-Präsentation eröffnet Ausstellungsjahr 2014

Das wird man sehen, am 9. Januar 2014 jedenfalls ist Eröffnung. Emma will da natürlich hin. Tillmans Kunstraum befand sich im East End, dort, wo auch Gilbert & George wohnen. Eigentlich war es nur der Flur und Treppenaufgang seines Studios, viel Platz war da nicht. Tillmans wollte hier Künstler und Kunst zeigen, die nicht im Fokus des globalen Marktes stehen. Positionen, die er mag, die ihm gefallen, die vielleicht sonst nie ausgestellt werden. Wird sich zeigen, ob seine Galerie „made in Berlin“ genauso funktionieren wird.

Emma hat sich gleich die Ausstellungsliste für 2014 im Internet angeschaut, Jenny Holzer und Isa Genzken stehen drauf, aber der Maler Wilhelm Leibl, Jahrgang 1844? Wir sind dann doch erstaunt. Aber warum nicht dem Realismus mal eine Chance geben? Eröffnet jedenfalls wird mit dem 2005 verstorbenen Patrick Caulfield; der Maler, Grafiker und Illustrator gehört zur britischen Pop Art, allerdings hasste er diese Kategorisierung.

Szenefotograf der 90er-Jahre

Tillmans ist wahrscheinlich länger schon genervt, weil ihn viele als „Szenefotograf“ der neunziger Jahre abgespeichert haben. Seine Stillleben etwa mit den pittoresk verwelkten Blumen in der Bierflasche oder die Londoner Jungs wie „Man pissing in chair“, all die Nachtfalter in verpeilten Clubs.

Aber Tillmans kann auch anders, seit über einem Jahrzehnt beschäftigt er sich mit der Werkgruppe „Silver“ (Preise auf Anfrage). Türkisfarben leuchtet das Foto wie das Wasser in einem sommerlichen Pool, das Orange lodert kräftig wie eine Flamme, wobei es feine Farbnuancen gibt. Tillmans Fotografie feiert ihren Auftritt wie monochrome Malerei. „Bilder“ in verschiedenen Formaten – Original und das digital hochgezogene Bild – hängen, ja schweben fast nebeneinander auf der weißen Galeriewand.

Tillmans Prinzip: Kratzer, Flecken und dunkle Spuren

Wir kennen dieses künstlerische Verfahren auch anders herum: Gerhard Richters schlierige, unscharfe Malerei sieht zuweilen aus wie Fotografie. Angesichts der millionenfachen Digitalbilder, die jeder an jedem Ort dieser Welt machen kann, wird sich Tillmans häufig die Frage gestellt haben, was „echte“ Fotografie heute überhaupt noch ausmacht.

Tillmans Prinzip ist knifflig: Das farbig belichtete Fotopapier wird durch die Entwicklermaschine gezogen. Dort befinden sich noch Reste von Chemikalien, Fussel und Schmutzpartikel, die sich ins Papier „drucken“, sichtbar als Kratzer, Flecken und dunkle Spuren. Man könnte meinen, Tillmans stellt damit die Perfektion von Fotografie in Frage.

Andererseits ist aber jedes Bild in diesem Prozess auch ein Unikat. Vielleicht, so rätselt Emma, sind Tillmans künstlerische Abstecher in die farbfrohe Abstraktion ja wie eine Verschnaufpause in seiner sonst so erzählerischen Welt der Fotografie. (Galerie Buchholz, Fasanenstr. 30. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 18.1.)

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