Die Primaballerina greift mitten im Gespräch zum Handy, um schnell ein paar Fotos von einem funkelnagelneuen Teatro in Mexiko zu zeigen. Der Konzertsaal trägt den Namen der Spitzentänzerin. Das ist zweifellos eine sehr frühe Ehrung für einen Künstler: Elisa Carrillo Cabrera ist 1981 in Texcoco geboren worden und steht gerade auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Als sie vor drei Jahren im Staatsballett Berlin zur Ersten Solotänzerin befördert wurde, überschüttete man sie daheim in Mexiko mit Aufmerksamkeiten. Sie ist die erste Mexikanerin, die im klassischen Tanz solche Weihen erhielt. Der Staatspräsident gratulierte ihr, das Kulturministerium müht sich seither um sie. Inzwischen hat sie drei Ballett-Galas in Mexiko gemacht, die nach dem Berliner Vorbild „Malakhov & Friends“ auf Spanisch „Elisa & Amigos“ benannt sind.

In Berlin zur Primaballerina gereift

In Berlin ist Elisa Carrillo Cabrera, nicht zuletzt nach dem Weggang von Polina Semionova, zur amtierenden Primaballerina herangereift. 2007 hatte Vladimir Malakhov sie ins Staatsballett geholt. Die feurige Tänzerin wird gerne öffentlich vorgezeigt. Im Gegensatz zu manch anderer Spitzentänzerin, die eher wortkarg sind, trägt sie ihr Herz auf der Zunge. Am liebsten verwendet sie Begriffe wie Herz, Seele oder Traum. Was beiläufig daran erinnert, dass das klassische Ballett eine Welt des schönen Scheins ist. „Ich denke, jede Frau hat ihre Geheimnisse im Herzen“, sagt sie irgendwann und lächelt. Womit wir bei ihrer neuen Rolle angelangt sind. Am Sonnabend debütiert die Tänzerin im Schiller-Theater in John Crankos Ballett „Onegin“ als Tatjana. Sie nennt es ihre Traumrolle.

Mit 17 Jahren nach Stuttgart

Dieser Traum hat auch biografische Hintergründe. Elisa Carrillo Cabrera, Tochter einer Ärztin und eines Ingenieurs, bekam ihre Ballettausbildung in Mexiko, dann erhielt sie ein Stipendium für die National English Ballet School in London. Für ein Vortanzen kam sie nach Stuttgart, sie war 17 Jahre alt. „Bei der Gelegenheit habe ich ‚Onegin‘ zum ersten Mal gesehen“, erinnert sie sich. In Stuttgart ist John Cranko ein Tanzheiliger. Dort hat er in den Sechzigern „Romeo und Julia“, „Onegin“ oder „Der Widerspenstigen Zähmung“ gemacht. Crankos Choreografien gehören zum so genannten „Deutschen Ballettwunder“. Die Tanzwelt zehrt heute noch davon.

Elisa Carrillo Cabrera wurde 1999 vom Stuttgarter Ballett engagiert. „Jede Spielzeit habe ich ,Onegin’ gesehen, es war damals ein begehrtes Stück, dass noch nicht jede Compagnie hatte“, sagt sie. Sie selbst hatte in Stuttgart bereits die Olga, die Schwester Tatjanas, getanzt. „Natürlich habe ich auch andere Sachen von John Cranko getanzt. Aber ich hatte immer die Rolle der Tatjana vor Augen. Ich habe sie mit verschiedenen großen Ballerinen gesehen.“

Die Tatjana ist eine große Rolle

Die Tatjana ist das, was man eine große Rolle nennt. Über Lampenfieber will Elisa Carrillo Cabrera nicht reden. Aber sie kennt wie jeder Tänzer jene Blackouts von ein, zwei Sekunden, „wenn du nicht mehr weißt, wo du bist, aber der Körper weiß, wo er hinwill“. Die Rollen im Ballett sind immer in einen festen Bewegungsablauf gegossen. „Es gibt technische Dinge wie Drehungen und hohe Sprünge, die muss man jeden Tag trainieren“, sagt die Tänzerin, „und heute hast du einen guten Tag, am nächsten läuft es nicht ganz so gut. Aber ,Onegin’ ist nicht ,Schwanensee’, wo man sich 32 Mal drehen muss, bei Tatjana ist es eine Frage des Ausdrucks. Ich liebe das, aber es ist auch schwer.“ Tatjana hat Gefühlswelten zu durchtanzen. „Sie ist naiv, ist verliebt, aber sie muss kalt bleiben, erst allmählich wird es zum Drama.“

Tanzen mit dem eigenen Ehemann

Ungern geben hochkarätige Künstler zu, dass sie bei der Konkurrenz schauen, was die so macht. Elisa Carrillo Cabrera steht dazu. „Ich lerne viele von anderen Tänzerinnen“, sagt sie, „und schaue mir schon immer Videos an.“ Aber sie pocht darauf, dass jede Tänzerin einen eigenen Charakter habe. „Wir sind keine Klone. Wir kommen aus unterschiedlichen Ländern, sind anders ausgebildet, jede hat ihre eigene Schönheit.“ Möglicherweise ist das Debüt für sie auch einfacher, weil ihr Ehemann Mikhail Kaniskin den Onegin tanzt. „Auf der Bühne denke ich nicht, ah, jetzt kommt mein Mann. Die Bühne ist eine andere Welt“, sagt sie: „Auf der Bühne erscheint Romeo, Onegin oder eine andere Figur. Schließlich sind wir Schauspieler.“ Fast alle größeren Rollen hat sie mit ihrem Mann getanzt. Manchmal hätten sie - wie andere Paare auch - Probleme miteinander in den Proben. Dem Ehepartner sage man im Ballettsaal schneller die Wahrheit sagt als jemand anderem. Das sei nicht immer leicht, sagt sie und lacht.

Im Auto wird Klassik gehört

Musikalisch bekennt sich die Spitzentänzerin eindeutig zur Klassik. „Im Auto höre ich am liebsten ,Klassik Radio’, aber auch ganz oft mexikanische Musik“, sagt sie. Sie sei hundertprozentig Mexikanerin geblieben, betont sie, mit ihrem Mischa spricht sie viel Spanisch, hauptsächlich aber Russisch. Das sind wohl ihre beiden Welten: Die Ballettwelt ist russisch geprägt, daheim in Mexiko hat sie im Sommer ein großes Ballett über die nationalheilige Malerin Frida Kahlo gemacht. Für derartige Projekte hat sie auch eine Stiftung ins Leben gerufen. „Wenn ich irgendwann einmal nicht mehr tanze“, sagt sie, „dann werde ich mich mehr um diese Stiftung kümmern“.