Die Mitteilung klingt schon etwas unterkühlt: „Polina Semionova, Erste Solotänzerin des Staatsballetts Berlin, hat die Intendanz darum gebeten, vorzeitig zum Ende der laufenden Spielzeit aus ihrem gültigen, bereits bis zum Sommer 2013 verlängerten Vertrag entlassen zu werden.“ Und dann kommt zumindest: „Mit Bedauern lässt Vladimir Malakhov, Intendant des Staatsballetts, Polina Semionova gehen. Dennoch respektieren er und das Staatsballett Berlin diesen Schritt.“ Es klingt schon ein wenig beleidigt. In der Compagnie heißt es, diese Personalie ist Malakhov nahe gegangen. Die Semionova war seine Entdeckung, sein Baby. Jetzt verlässt die 27-Jährige ihren Ziehvater. Irgendwann werden die Kinder flügge und wollen hinaus in die Welt. Das Staatsballett Berlin verliert damit seine große Primaballerina.

Malakhov hatte Polina Semionova an der Ballettschule des Bolschoi Theaters entdeckt und die gerade mal 17-Jährige als Erste Solotänzerin nach Berlin geholt. Hier war das Publikum zunächst erstaunt, dann fasziniert: Was für eine anmutige, weibliche und technisch außergewöhnliche Ballerina! Mit Leichtigkeit wuchs die junge Moskauerin in die Rolle der Berliner Primaballerina hinein, eine Rolle, die es so eigentlich gar nicht gibt beim Staatsballett, weil immer mehrere Erste Solistinnen um die Hauptpartien buhlen. Derzeit werden offiziell acht Erste Solistinnen in der Compagnie geführt, zuletzt kamen die Mexikanerin Elisa Carrillo Cabrera und die Russin Elena Pris in die Arena der besten Tänzerinnen. Zwar wird stets der freundschaftliche Umgang untereinander betont, aber natürlich gibt es Eifersüchteleien – gerade auch um Malakhov herum.

Eine frühe internationale Karriere

Polina Semionova, die Baby-Ballerina, so scherzte man zu Beginn, wurde von Malakhov immer gehätschelt und früh in den großen Titelpartien hineinbesetzt. Sie tanzte in Patrice Barts „Schwanensee“-Choreographie die Odette/Odile, war die Marie im „Nussknacker“ sowie Prinzessin Aurora in Rudolf Nurejews „Dornröschen“ sowie in Malakhovs „Bajadere“. Im Glanz des großen Ziehvaters wurden die Gast-Choreographen auf sie aufmerksam. Seine weltweiten Verbindungen als Startänzer öffneten der Semionova bereits früh die Türen zu einer internationalen Karriere.

Die Chance hat sie reichlich genutzt. Seit 2005 ist sie ständige Gastsolistin beim Ballett der Wiener Staatsoper. Regelmäßig gastiert sie beim Mariinsky-Ballett, an der Mailänder Scala, beim Zürcher Ballett, in Japan und debütierte zuletzt mit dem American Ballet Theatre an der New Yorker Met. Leute, die nicht regelmäßig ins Ballett gehen, kennen die Semionova möglicherweise aus dem Video zu Herbert Grönemeyers Song „Demo (Letzter Tag)“, mit dem sie 2003 zum Ballettstar des Internets wurde.

Viele Wege konnte Malakhov ebnen – und in seiner Doppelfunktion als tanzender Intendant war er immer sehr freizügig mit längeren Gastiergenehmigungen gegenüber seinen Solisten. Das war nicht nur eine Frage des Renommees, sondern auch der Bezahlung. Eine Tänzerkarriere ist vergleichsweise kurz, denn mit 40 ist Schluss. Jeder Solist versucht in dieser kurzen Berufszeit das Maximale zu erreichen, die besten Rollen zu bekommen und mehr als Lorbeeren zu verdienen. Oder um es einmal in Zahlen zu fassen. Ein Gruppentänzer an den gehobenen A-Häusern verdient rund 2700 Euro brutto. Fest angestellte Solisten können individuell von 3000 bis gut 7000 Euro aushandeln. Glänzend bezahlte Gastverträge sind deshalb gern genommen. Den Rest regelt der freie Markt. Und auf den zieht es jetzt die Semionova.

Eine letzte Premiere

Hinzu kommen private Veränderungen, sie hat einen Gruppentänzer des Staatsballetts geheiratet. Berlin werde die Homebase des Paares bleiben, heißt es. Ob die Semionova in Berlin weiter tanzen werde, ist im Moment noch ungewiss. Gestern probte sie für die nächste Produktion mit drei Choreographien nach Nacho Duato, William Forsythe und Marco Goecke. Die Premiere ist am 27. April im Schiller-Theater, und im Staatsballett glaubt man, dass es ihre nächste und letzte Premiere sein wird. Darüber hinaus tanzt sie noch zweimal die Julia in „Romeo und Julia“.

Wenn im April das Staatsballett seine neue Saison-Broschüre verschickt, soll die Semionova bereits aus der Erste-Solisten-Rubrik getilgt sein. Es war, wenn man so will, eine Auflösung in letzter Sekunde. Eigentlich war ihr Jahresvertrag bereits bis Saisonende 2013 verlängert. Aber die auch sehr eigensinnige Tänzerin teilte bereits vor Tagen auf Facebook mit: „Die Saison 2011/12 wird meine letzte als festes Mitglied beim Staatsballett Berlin sein.“ Heute will sich Polina Semionova zu ihren Plänen äußern.