Berlin-Tourismus

Freie Künstlerszene geht bei der City Tax leer aus

Die Freie Szene in Berlin hat eine herbe Niederlage erlitten. Von einer City Tax wird sie kaum profitieren. Daran ist sie jedoch nicht ganz unschuldig.

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Die Sache mit André Schmitz und der Freien Szene ist so ein Unfall mit Ansage. Irgendwann musste es scheppern, fraglich war nur noch der Zeitpunkt. Jetzt ist es soweit: Wenn am Donnerstag im Abgeordnetenhaus über die Verwendung der zu erwartenden Einnahmen der City Tax von 25 Millionen Euro entschieden wird, dann wird die Freie Szene praktisch leer ausgehen. Jetzt ist der Ärger sehr groß. Die Koalition der Freien Szene hat dem Senat schon einmal vorab „Totalversagen“ vorgeworfen. Der wiederum ist von deren Alleinvertretungsanspruch für die Berliner Kultur und dem allzu demonstrativen Selbstbewusstsein genervt.

Normalerweise ist der Tonfall in der Berliner Kulturpolitik höflich. Selbst die, die aus den Berlinern Fördertöpfen nur mager bedacht werden, halten sich mit Kritik zurück. Schließlich trifft man sich ja immer wieder neu im Leben. Entweder bei der nächsten Premiere. Oder bei der nächsten Etatverhandlung. So ist die Wortwahl ungewöhnlich robust, wenn die Koalition der Freie Szene, ein Interessenverband von „frei produzierenden Künstlern, Ensembles und Einrichtungen“, den regierenden Politikern nun „Planlosigkeit und Mutlosigkeit“ vorwirft.

Unempfänglich für Charme

Dass das mit der City Tax keinen geraden Verlauf nimmt, war absehbar. Kulturstaatssekretär André Schmitz hatte sich im Gespräch mit der Berliner Morgenpost in diesem Sommer äußerst vage geäußert, sobald man ihn auf die City Tax ansprach. Nein, er wisse nicht, wie viel Geld die Freie Szene aus dieser Tourismusabgabe bekommen werde. Und ja, sie müsse erst beschlossen werden, außerdem gebe es noch juristische Vorbehalte und überhaupt. Für einen Politiker, die selten unter mangelnder Fantasie leiden, wenn es darum geht, Geld fröhlich umzuverteilen, verhielt er sich erstaunlich defensiv.

Der Gegenspieler von André Schmitz ist Christophe Knoch. Er ist der oberste Sprecher des Sprecherkreises der Koalition der Freien Szene. Er ist bewandert in den Verästelungen des Verwaltungsrechts, kann einen Finanzhaushalt auseinanderpflücken und beherrscht das Projekt-Deutsch der alternativen Szene sowohl stolper- als auch ironiefrei. Er macht seinen Job nicht unsympathisch, er ist aber jemand, der lieber mit Kenntnis als mit Charme argumentiert.

Ein eher verbissener Knoch trifft also auf einen jovialen Schmitz, der nicht gleich jede Etatverhandlung als wegentscheidend für die Zukunft des Abendlandes erachtet. Schmitz weiß sein Augenzwinkern und seine Herzlichkeit einzusetzen und lindert auf diese Weise harte Entscheidungen. An so einem wie Knoch perlt aber Charme ab, um ein Zitat der Autorin Monika Zeiner zu verwenden, „wie Wasser an einer Ente“.

Ungeachtet dieser Animositäten freute sich die Koalition der Freien Szene lange Zeit darauf, dass ein Teil der City Tax ihr zu weiteren Einnahmen 2014 verhelfen würde. Und so war es auch Konsens, zumindest schien es so. Bis dann Ende November der Hauptausschuss, sozusagen die vorletzte Instanz in allen finanz- und haushaltspolitischen Fragen, entschied, dass erst eine Summe ab 25 Millionen Euro in Kultur, Tourismus und Sport fließen werde. Alles Geld vorher geht in den Haushalt und da der Senat selbst nicht mit mehr Einnahmen als eben mit diesen 25 Millionen Euro rechnet, ist die Stimmung in der Freien Szene schlecht.

Irgendwann werden sich die Verantwortlichen fragen müssen, was sie zu diesem Unfall beigetragen haben. Und Teil der Lösung könnte ihre Selbstwahrnehmung sein. So sagte am Montag auf einer Pressekonferenz Christophe Knoch, dass die Freie Szene „der Markenkern Berlins ist“. Er sagt das nicht zum ersten Mal, Unsinn bleibt es trotzdem. Berlin schöpft sein Selbstbewusstsein aus der Geschichte, die in den letzten hundert Jahren so diskontinuierlich war wie in keiner zweiten Metropole.

Die Touristen kommen in die Stadt, weil sie die Wechselhaftigkeit der Stadt nachspüren können, am Brandenburger Tor, am Checkpoint Charlie, in Straßen, die einst geteilt waren, in den Gebäuden, die während der NS- und DDR-Zeit gebaut wurden. Die Touristen kommen, weil sie um fünf Uhr früh in eine Kneipe gehen können und dort nicht allein bleiben. Sie kommen – wenn schon wegen Kultur –, dann wegen Museumsinsel, Philharmonie, Hamburger Bahnhof. Berlin ist anziehend, weil im Schatten der Anonymität jeder so leben kann, wie sie oder er es für richtig hält. Das war, bis auf die Zeiten der Diktaturen, schon immer so.

„Intellektuelle Substanz“ der Stadt

Das alles und noch viel mehr ist Berlins Markenkern. Aber nicht die Freie Szene, wirklich nicht. Die Touristen kommen nicht in Scharen, um eine Aufführung im Ballhaus Ost zu sehen. Oder eine in der Theaterkapelle in Friedrichshain. Die Freie Szene ist mitnichten, wie ihre Sprecher mit putziger Anmaßung behaupten, die „intellektuelle Substanz“ der Stadt. Sie findet sich im Literarischen Colloquium, im Streitraum der Schaubühne, bei Lesungen in der Panorama Bar im unsubventionierten Berghain und tausend anderen Orten, die frei von der Freien Szene sind.

Die Koalition der Freien Szene ist eine Lobbygruppe. Sie ist ein Zusammenschluss von gut 70 Institutionen, Verbänden und Einzelpersonen. Das ist eine überschaubare Zahl für eine Stadt, in der gefühlt jeder zweite irgendwas mit Kultur macht. Sie ist theater- und tanzlastig, Sascha Waltz’ Compagnie gehört auch dazu (obwohl sie mit ihrer eigenen Professionalität und Internationalität eigentlich nicht mehr Teil dieser Szene ist). Literaten und Popmusikern ist staatliche Förderung traditionell suspekt – bis auf Förderpreise selbstverständlich. Die Gründung der Freien Szene als Anspruchsstellerin dem Staat gegenüber ist per se problematisch, weil jeder Mensch sich Künstler nennen kann.

Das soll so bleiben, das ist nicht Aufgabe des Staats oder einer Behörde, dies zu entscheiden. Wenn ein Künstler einen Verlag, ein Schauspielhaus, ein Musikkonzern findet, ist die Sache unproblematisch. Schwierig wird es, wenn sich kein Markt findet. Liegt es dann daran, dass die Kunst so wertvoll ist oder dass sie so teuer in der Produktion ist, dass sich kein Abnehmer findet? Oder ist sie vielleicht einfach nur so entsetzlich, dass sich nur enge Freunde dafür begeistern können? Und wer soll das entscheiden, was entsetzlich und was wertvoll ist? Der Abteilungsleiter Kunst in der Senatsverwaltung vielleicht?

André Schmitz verteidigt die Verteilung des Kultur-Etats über knapp 400 Millionen Euro, als sei er genau so und keinesfalls anders optimal. Dass 95 Prozent der Mittel in etablierte Institutionen fließen, findet er ein wenig bedauerlich, aber auch nicht mehr. Er ist ein Mann der Hochkultur. Die Vertreter der Freien Szene haben es immerhin geschafft, dass er auch in einem Interview mal die Krallen ausgefahren hat. „So katastrophal können die Arbeitsbedingungen für junge Künstler in Berlin nicht sein, sie würden sonst wohl nicht in die Stadt kommen“, hatte er in einem Interview gesagt. Dieser Satz wird ihm seitdem in jedem zweiten Feuilleton-Artikel schwer empört vorgehalten, wenn es um das „kreative Prekariat“ und „Wut und Zorn“ der „jungen Kreativen“ geht. Im Feuilleton ist die Welt noch einfach. Da ist jeder Euro, der für Kultur ausgegeben wird, eine gute Ausgabe.

André Schmitz hat seinen Ärger in diesem Interview über das permanente Lamentieren Luft gemacht; in einem Nebensatz, mit einer Spitze. Das war keine kommunikative Höchstleistung, denn die Anspruchshaltung der Koalition der Freien Szene ist erst dadurch entstanden, dass er es seit langem versäumt hat, Grenzen aufzuzeigen. Denn sie wird in Berlin im Vergleich zu anderen Städten sehr wohl unterstützt, in den kommenden beiden Jahren wird die Förderung pro anno bei gut 26 Millionen Euro liegen, die direkte Förderung beträgt zehn Millionen Euro. Das ist nicht üppig, aber auch keine Summe, für die man sich schämen müsste.