100 Jahre

Die Deutsche Oper feiert - Tita von Hardenberg floppt

Mit einem Festkonzert ist in der Deutschen Oper der 100. Geburtstag gefeiert worden. Für Unmut im Publikum sorgte Moderatorin Tita von Hardenberg.

Foto: Britta Pedersen / picture alliance / dpa

Die Deutsche Oper feiert an diesem Wochenende ein gewichtiges Jubiläum. Bei 100 Jahren spricht man bereits von Tradition. Prominenz hat sich angekündigt zum Festkonzert, bei dem es Jubel und völlig unerwartet auch Unmut gibt. Musikalisch läuft es gut, aber das Drumherum mit Tita von Hardenbergs Moderation geht leider daneben.

Und auch einen roten Teppich gibt es am Eingang nicht, nein, er ist maisgelb. Das gehört zum Eigensinn der Opernleute und zur – wie es neudeutsch heißt – Corporate Identity. Maisgelb sind die Sitzbezüge, und das Maisgelb findet sich im Logo wieder. Die Oper ist maisgelb in der Gegenwart verortet und weniger in der schwarzweißen Tradition, die beschworen werden muss.

Das Haus mit zwei Leben

Tatsächlich führt die Deutsche Oper, wie wir sie wahrnehmen, bereits ihr zweites Leben. Das erste beginnt 1912 in Charlottenburg, am 7. November wird das neuerrichtete Deutsche Opernhaus mit Beethovens „Fidelio“ eröffnet. Im gestrigen Festkonzert wurde daran mit dem 2. Akt der Oper erinnert. Das alte Opernhaus wird im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der maisgelbe Teppich gehört zum zweiten Leben. Das beginnt 1961. Architekt Fritz Bornemann hatte Teile des alten Verwaltungstrakts und des Bühnenturms in den Neubau einbezogen. Eröffnet wird die nunmehr Deutsche Oper mit Mozarts „Don Giovanni“. Das Haus definiert sich als Sängeroper und spätestens seit Götz Friedrichs Intendanz als Hort des modernen Musiktheaters. Es wird viel gejubelt und gebuht.

Spätestens im Festkonzert wird klar, dass es im zweiten Leben des Hauses nie einen wirklich prägenden Generalmusikdirektor gab. Obwohl immer wieder bedeutende Dirigenten antraten. Christian Thielemann, der in einer eingespielten Videobotschaft gratuliert, hat vorfristig hingeworfen, Lorin Maazel blieb davor zu kurz. Giuseppe Sinopoli hat im Streit sein Amt gar nicht erst angetreten. Rafael Frühbeck de Burgos und Renato Palumbo kamen mit der deutschen Musiktradition nicht zu Rande. Der Brite Donald Runnicles ist der amtierende Musikchef. Erst am Freitag hat er seinen Vertrag bis 2018 verlängert. Es ehrt ihn, dass er das Festkonzert gemeinsam mit zwei Kollegen dirigiert. Andere wären egomanischer. Es ist eine Stabübergabe der souveränen Art. Und künstlerisch durchaus mutig.

Runnicles eröffnet den Abend mit der Elisabeth-Arie „Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder“ aus Wagners „Tannhäuser“, was neben der schwerblütigen Sopranistin Heidi Melton vor allem einen schweren Orchestersound fordert. Bei Rossinis Ouvertüre zu „Semiramide“ braucht Alberto Zedda dagegen den leichten Ton, die Bläser tirilieren, die Geigen müssen singen. Zedda dirigiert seit ewigen Zeiten die Belcanto-Opern am Hause. Der Altmeister hat seine eigene Fangemeinde, die ihm auch gestern wieder zujubeln. Der dritte im Bunde ist Jesus Lopez Cobos, der unter Götz Friedrich immerhin neun gute Jahre am Hause hatte.

Der Opernbetrieb ist ein ständiges Krisenunternehmen, davon sind selbst die glamourösen Festkonzerte nicht ausgenommen. Die Spannung bleibt bis zum Festtag. Dirigent Jesus Lopez Cobos ist beispielsweise der Tenor abhanden gekommen. Ein neuer musste kurzfristig verpflichtet werden, der aber nicht die Arie des anderen singen will. Der neue ist immerhin Jungstar Vittorio Grigolo, der erst am Mittag aus Mailand ankommt. Er schmachtet die Romeo-Arie „Ah! Leve-toi, soleil“ aus Gounods „Romeo et Juliette“ gekonnt dahin. Dem Latin Lover-Typ ist der Jubel sicher.

Tita von Hardenberg hat es dagegen von Anfang an schwer. Sie stellt Generalmusikdirektor Donald Runnicles als denjenigen vor, der nach Berlin kam und den „Ring“ inszenierte. Wohl ein Versprecher, aber bei einer TV-Moderatorin vermuten viele im Saal, dass sie schlichtweg von der Deutschen Oper keine Ahnung hat. Das wurde dann zuweilen auch drastisch formuliert: „Ist die denn bekloppt“, ruft eine Frau von den hinteren Rängen.

Verunsicherung der Moderatorin

Sie spürt sofort die Abneigung, es kommt Verunsicherung ins Spiel. Zum Beispiel der verzögert genannte Nachname Grigolos. Als sie Donald Runnicles nach dem deutschen Orchesterklang fragt, gibt es offenen Unmut im Saal („mach doch Fernsehen, wenn Du von Oper keine Ahnung hast“). Tita von Hardenberg hatte vorgeschlagen, anstelle von Grußworten kleine Interviews zu führen. Finanzminister Wolfgang Schäuble regiert in witziger Direktheit und Klaus Wowereit, der bei der anfänglichen Begrüßung von vielen im Publikum ausgebuht wird, gratuliert dem Haus vollmundig und beschwört die gemeinsame West-Berliner Erinnerungen.

Intendant Dietmar Schwarz, ein Neuberliner, erzählt von Hans Werner Henze, dessen „Ouvertüre zu einem Theater“ vom Orchester der Deutschen Oper uraufgeführt wird. Er schickt ihm Genesungswünsche nach Dresden, wo der hochbetagte Komponist gerade im Krankenhaus liegt. Henzes Stück ist eine Reminiszenz an das 20. Jahrhundert mit Tanzimpressionen, Marschrhythmen und melancholischen Versatzstücken. Das rund fünfminütige Werk klingt allerdings weniger nach einer Ouvertüre, eher nach einem Abschiedsstück.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.