Konzertkritik

Max Raabe entführt sein Publikum in die 20er-Jahre

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Frédéric Schwilden

Foto: Reto Klar

Der berühmte Sänger Max Raabe gastiert mit dem Palastorchester im Admiralspalast. Die Zuschauer erwartet eine Reise in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhundert - und ist begeistert.

Sechzehn Mal in einem Monat. Davon vierzehn Mal direkt hintereinander. Max Raabe gastiert in diesem Monat im Admiralspalast. Und beim allerersten Konzert, da ist er natürlich frisch. Das Haus gefüllt. Vorne steht schon das Mikrofon vor dem roten geschlossenen Vorhang. Dann kommt das Palastorchester. Elf Musiker und eine Musikerin. Das macht schon was her auf so einer großen Bühne und jeder Musiker hat sein eigenes kleines Podest und ein eigenes Pult. Weiß ist das. Und die Musiker spielen das Thema von „Für Frauen ist das kein Problem“, dem Titelstück des letzten Albums.

Max Raabe muss eigentlich gar nichts machen. Er stellt sich da hin in seinem schwarzen Anzug. Er singt noch gar nicht. Sein Kopf und sein Körper sind ruhig. Nur seine Augen streifen vom rechten Bühnenrand zum linken. Hin und wieder zurück. Seine Augen sind groß und mit diesem Kopf wirkt das so furchtbar komisch, dass das Publikum schon jetzt königlich unterhalten ist, obwohl es noch keinen Ton von seiner Stimme gehört hat.

Max Raabes Physiognomie gibt Rätsel auf. Sein Körper wird nächsten Monat einundfünfzig Jahre alt und doch sehen wir einen Buben, der gerade wie Til Eulenspiegel einen Seiltanz über den Banalitäten der Stadt aufführt, das Volk unterhält und sich doch leicht spöttisch erhöht.

Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen

Wie er singt, verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit zu einer angenehm warmen Fantasiewelt, genährt von der Unschuld der Zwanziger, wohl wissend, dass bald Schuld geladen wird. Raabes Konzerte schweben zwischen Disneyland, Dreigroschenoper und den Weimarer Varietés. Das Orchester spielt einen Tango von Fritz German aus dem Jahre 1931. Obwohl der Tango einer der körperlichsten Tänze ist, tanzt Raabe nicht. Nur sein Mund und seine Lippen.

Inzwischen hat Max Raabe über dreißig Platten veröffentlicht. Seit 1987. Er hat in Tel Aviv gespielt, auf der Hochzeit von Marilyn Manson und in der Carnegie Hall. Im Januar erschien das mit Annette Humpe zusammen produzierte Album „Für Frauen ist das kein Problem“.

Das ist seine zweite Zusammenarbeit mit Humpe und sie spielen darauf Popsongs, die von einer feinen Ironie durchzogen sind, wie man es aus einem Repertoire kennt, das aus einer anderen Zeit stammt. Es ist nicht so, dass Max Raabe in der Vergangenheit lebt, vielmehr schätzt er die sublimen Botschaften. Das Plakative, dass der Pop aus der Werbung übernommen hat, gibt es bei Raabe nicht.

„Ich kauf mir ’ne Rakete“

Zwischen den Stücken reißt Raabe keine Possen. Er erzählt mit blasierter Stimme, wie ein deutscher Oscar Wilde. Von sechs erwachsenen Männern berichtet er, von Astronauten, die in eine Röhre eingesperrt, zwei Jahre lang den Flug zum Mars proben. Und er meint, dass sie einfach mit der deutschen Bahn hätten fahren müssen für dieses Gefühl. „Ich kauf mir 'ne Rakete“ heißt das Stück. Ein Foxtrott von den Weintraub Synacopters aus dem Jahre 1927. Die Klarinetten sind fidele Schmetterlinge, und wie der Off-Beat der Jazzgitarre zu hören ist, will man eine Zeitreise machen. Das Palast Orchester vermag die Stücke ohne alberne Nostalgie vorzutragen. Im Gegensatz zu den Texten kennt pure Musik keine Ironie. Raabes Stimme ist klar, das gerollte R zu keiner Zeit bedrohlich, sondern kunstvoll geschnörkelt. „Vorne macht es zisch und hinten knallt's/ schon flieg' ich der Venus um den Hals“. Lyrisch wandern die alten deutschen Stücke auf den fantastischen Spuren Lewis Carrols, es dampft und zischt, niemanden würde es verwundern, wenn ein Kaninchen mit einer Taschenuhr vorbei eilen würde.

Nach einer Stunde kommt die Pause. Herrschaften in Anzügen und Damen in Kleidern trinken Brause durch Strohhalme, lassen Sektgläser im Foyer erklingen. An diesem Abend fallen alle aus der Zeit. Zur Zugabe stellt Raabe natürlich den kleinen grünen Kaktus auf den Balkon. Inzwischen trägt einen Frack, das Orchester spielt in weiß. Und noch einmal ist es 1928. Jeder der Musiker schlägt ein anderes Glöckchen in einer anderen Tonart an. Sie sind ein menschliches Glockenspiel. Der Vorhang schließt sich, als „Dort tanzt Lulu“ zu Ende ist. Es ist wieder November im Jahr 2013.