Interview

Wie sich Max Raabe durch Gottesdienste inspirieren lässt

| Lesedauer: 7 Minuten
Sören Kittel

Foto: Reto Klar

Max Raabe kehrt im November für mehrere Konzerte in seine Heimatstadt Berlin zurück. Ein Gespräch über die Nervosität vor Auftritten, seine Shows in China – und warum er keine Jogginghose braucht.

Max Raabe sitzt im Café Einstein Unter den Linden und schaut, wie nur er schauen kann: den Kopf geneigt, die Lippen geschürzt und die Augenbrauen angehoben. Das alles ist wie der Konjunktiv als Gesichtsausdruck ist – die Möglichkeitsform. Man könnte ihn zu privaten Themen befragen, er würde vielleicht auch antworten, zöge aber dann vielleicht auch alles zurück. Kompliziert, das Musikergeschäft, auch nach über 20 Jahren auf der Bühne. So kann man wenigstens eine Annäherung versuchen, an den Menschen, der als Max Raabe in Israel, China und den USA bekannt ist – und im November wieder auf die Berliner Bühne zurückkehrt.

Berliner Morgenpost: Herr Raabe, Sie reden nicht so gern über sich, oder?

Max Raabe: Nun ja, Klappern gehört zum Handwerk, also geht es nicht ohne. Man kann nicht nur schreiben: Der steht auf der Bühne und singt, das verstehe ich schon. Aber ich rede lieber über die Sachen, die ich gemacht habe. Sonst gibt es ja auch nicht so viel zu erzählen.

Aber Herr Raabe, Sie sind 50 Jahre alt, da ist doch einiges passiert...

Ja, ich habe auch keine Geheimnisse. Ich weiß nicht, vielleicht liegt das an meinen Eltern, die waren auch so. Sie haben mir eine gewisse Zurückhaltung beigebracht.

Aber gerade zwischen den Liedern vertreten Sie eine Art Stil, die letztlich auch für Ihre Musik steht.

Meine Kollegen haben zu mir gesagt: Mach doch einmal eine Ansage! Also habe ich erst etwas widerwillig damit angefangen, sehr reduziert. Später wurde aus dieser Bockigkeit eine Art Philosophie. Das, was ich sage, muss nicht unbedingt etwas mit dem Stück zu tun haben, das ich singe. Die Lieder erklären sich doch von selbst. Und dann hat es mir irgendwann Spaß gemacht, mir Moderationen auszudenken.

Also erzählen Sie dann doch mehr von sich, schließlich sind die Texte auf dem neuen Album „Für Frauen ist das kein Problem“ eher persönlich. Untypisch für Sie?

Ich werde in dieser Hinsicht von Annette Humpe aus der Reserve gelockt. Sie ist die Frontfrau für Emotionen. Bei der Produktion haben wir beide versucht, unsere Pfründe gegenseitig zu retten. Dabei entstand dann etwas Neues.

Bei „Ich schlaf am besten neben Dir“ geht es zumindest um etwas sehr Intimes: das eigene Bett.

Das schon, aber jeder sollte solche Lieder mit dem füllen, was er oder sie selber beim Hören empfindet. Ich stelle mit dem Lied nicht meine persönliche Sicht auf das Thema dar, sondern stelle ein Gefäß auf, in das jeder seine Gefühle hineinlegen kann. Wenn jemand also zum Beispiel gerade verlassen wurde, kann man sich vielleicht in dem „Schlaf“-Lied genau wiederfinden.

Ist das leichter mit neuen Liedern, oder geht das auch mit ihrem Originalrepertoire aus den 30er-Jahren?

Die neuen Lieder geben die Möglichkeit, besonders frech oder ein bisschen patzig zu sein. Aber prinzipiell geht das auch mit dem Originalrepertoire. Denn es geht da ja nicht um ein „Früher war alles besser“, sondern auch darum, mit der Stimme etwas zu erzählen. Durch die Art des Vortrags wird der Inhalt gleichzeitig abstrahiert, verstehen Sie? Es soll episch sein.

Episch also. Da bietet sich doch ein Stoff wie Schuberts „Winterreise“ wirklich an, oder?

Ja, ich habe schon mal gehört, dass man sich das wünscht und habe früher auch sehr viel Schubert gehört. Und das war es, was mich zum Gesang gebracht hat. Aber im Grunde mache ich mir meine Gesetze lieber selbst oder stelle lieber einen eigenen Liederzyklus zusammen, wie „Übers Meer“.

Das klingt sehr selbstbewusst, hat schon einmal jemand gebuht?

Ich hätte mich erschossen, wenn jemand buhte.

Sind Sie denn noch nervös vor Auftritten?

Fortwährend! Wir proben seit vielen Jahren zusammen, aber es kann immer passieren, dass man ins Schleudern gerät. Wir hatten gerade das erste Konzert der Tournee in Chicago, neue Lieder, neue Moderationen. Da gibt es genug Möglichkeiten sich zu blamieren. Wer sagt mir, dass das alles funktioniert? Klar, ist es auch Handwerk, aber der Druck die Erwartungen nicht zu enttäuschen, hört nie auf. Wir hatten Mordsglück bisher. Aber ich bin auch nicht derjenige, der vor schwierigen Auftritten schreiend zusammenbricht.

Sie sind in den USA, Japan und China aufgetreten. Wie reagieren die Menschen auf den Stil von Max Raabe?

In China war es lustig, dort verglichen sie dann meine Stimme mit „dem Duft einer Lotusblüte, die im Morgentau...“ so etwas in der Art. In den USA bekomme ich oft zu hören, dass ich dem Klischee eines deutschen Offiziers entspreche. Und zwar aus der Zeit der Schwarzweißaufnahmen.

Vielleicht liegt das an dem blonden Scheitel?

Das ist kein Scheitel! Vielleicht ein bisschen lastig zu einer Seite, aber kein Scheitel!

Gut, kein Scheitel. Geben Sie denn mit Ihrem Wissen um Etikette manchmal anderen Tipps für ihr Aussehen?

Ich selbst bin gar nicht so erpicht auf Etikette, ich mag einfach bestimmte Umgangsformen, das hat mehr etwas mit Rücksicht zu tun. Meine Eltern haben mir eben beigebracht, beim Essen die Ellbogen nicht aufzustützen, so etwas. Einmal habe ich im Bus jemanden darauf hingewiesen, dass er das Etikett noch am Ärmel trägt. Der hat so böse geschaut, dass ich das nie wieder machen werde.

Haben Sie eine Jogginghose, mit der Sie am Sonntag zu Hause herumlaufen?

Es gibt so Tage, an denen ich mich gehen lasse. Das passiert schon. Aber dazu brauche ich keine Jogginghose.

Sie selbst haben also wie Karl Lagerfeld schon als Kind gern Anzüge getragen?

Ja, meinen Kommunionanzug hatte ich sehr gern, bis ich ausgewachsen war. Wir sind jeden Sonntag herausgeputzt in die Kirche oder zur Verwandtschaft gegangen.

Gehen Sie heute noch in die Kirche?

Schon, aber selten in den Gottesdienst. Dabei hat die Sonntagsmesse einen großen Einfluss auf unsere Bühnenshow gehabt: die Symmetrie, die Strenge. Ein bisschen beginnt es bei uns auch wie der Einzug der Messdiener. Die Kirche ist für mich auch ein Ort der Stille und Besinnung. Sich da einmal reinzusetzen, kann gut tun, ja.

Admiralspalast Max Raabe & Palast Orchester. Vom 7. bis 20. und 23./24. November