Nein, nein, meint jemand von der Plattenfirma der Arctic Monkeys, also erkältet sei Alex Turner nicht. Das Konzert in Offenbach am Vortag musste wegen einer Sache am Kehlkopf abgesagt werden. Das sei eben das Problem, wenn einer nie richtig singen gelernt habe. Dabei ist Alex Turners Stimme gar nicht schlecht. Es geht auch nicht um Wohlklang, sondern um eine die Stimmbänder schonende Singtechnik. Die hat er eben nie gelernt. Und so lange am Stück seien sie auch noch nie auf Tour gewesen.
Die Berliner Columbiahalle ist ausverkauft. Die Vorband hat gespielt. Um kurz nach neun geht es dann los. Alex Turner steht ganz still auf einer Stelle in der Mitte. Um ihn herum weben rote Lichtstrahlen ein glühendes Spinnennetz. Durch den Erfolg hat er den Trainingsanzug vom Anfang seiner Karriere mit einem maßgeschneiderten getauscht. Darunter trägt er ein Westernhemd, links und rechts der Knopfleisten verlaufen symmetrische Stickereien. Der Kragen ist offen. Das ist ein Kragen, wie man ihn in den Achtzigern in Discos in Miami getragen hat. Die Spitzen liegen bei geöffnetem Hemd fast auf den Schultern.
Früher bewegte sich Turner kaum. Da war er gebückt und sang gerade schüchtern die ersten Songs, die er je geschrieben hatte. Sheffielder Arbeitergeschichten waren das, von Huren, in die man sich verliebte, von Bussen voll mit Polizisten, die nachts die Besoffenen vermöbelten. Das war 2006. Sieben Jahre später ist sein Stillstand von monumentaler Figur. Er, der kleine Junge aus England, ist zum Koloss geworden, nahe dran, eines der sieben Weltwunder zu sein, denkt er vielleicht.
Im Sound der Band hat sich das bemerkbar gemacht. Aus dem nervösen britischen Zappelrock, der in Jugendzentren populär wurde, hat sich ein erhabener Quasi-Stadionrock entwickelt, der so amerikanisch klingt, wie das großspurige Tuckern einer Harley. „Do I Wanna Know?“ ein Song mit Kettenrasseln, mit durch die Wüste jagenden Einzeltönen, die nachhallend ein Riff formen, so groß, so hart und kantig wie die Rocky Mountains.
Songs werden zu Giganten
Auch die Songs vom Debüt werden zu behäbigen Giganten. “Dancing Shoes“ müsste fast „Waltzing Shoes“ heißen. Und doch wird der Gigant bald angriffslustig. „Arabella“, ein Frauennamen-Song. Eine irre gefährliche Frau ist diese Arabella. Auf die Zählzeit eins kommt kurz vor dem Refrain ein metallenes Gitarrenaufheulen.
Im Publikum spielen die Männer Luftgitarre. Turner hat seine Gitarre längst abgelegt. Er ist nur noch Sänger. Frontmann. Jede seine Armbewegungen, jeder seiner Fußtritte, sie werden zu dirigierenden Zeusgesten, tödliche Blitze werfend. Die Band gibt ihm die Bühne. Manchmal sieht er aus wie Elvis und dann ist da auch ein Freddy Mercury in seinem Gestus. Sexuell ist er, ein bisschen drüber, aber diese Spur drüber, dass es noch nicht größenwahnsinnig wirkt, so wie bei Dave Gahan zum Beispiel.
Auf der Bass-Drum von Schlagzeuger Matt Helders steht „0114“. Das ist die Ortsvorwahl ihrer Heimatstadt Sheffield. Beim zweiten Song der Zugabe meint man fast, die Anzüge, die Elvis-Gesten, das Amerikanische, das hätte es nie gegeben. Und man sieht wieder die kleinen, dünnen Mädchen mit den Chucks aus den Jugendzentren. Die stehen wirklich in der Columbiahalle, und einige hüpfen und andere haben Jutebeutel. Und man fragt sich, ob die immer so klein und dünn geblieben sind, ob das eine neue Generation von kleinen Dünnen ist.
Jedenfalls spielt die Band jetzt „Mardy Bum“. Und Turner spricht das „Bum“ nicht wie „Bamm“, sondern wie „Bumm“ aus. Das macht man in Sheffield so. Auf dem Glastonbury Festival haben sie das mit Streichern gespielt. In Berlin reicht die Akustische. „Mardy Bum“ handelt von einer jungen Liebe, die es nicht mehr gibt. Komisch ist das schon, dass sie ausgerechnet am Ende vom Ende einer jungen Liebe singen. Weil das vielen so geht, dass die Liebe mit den jungen Arctic Monkeys im beidseitigen Einverständnis aufgelöst wurde. Aber wer weiß, vielleicht kann man irgendwann auch wieder Elvis lieben.





