Kritik

Bruno Mars erinnert beim Berlin-Konzert an Michael Jackson

Bruno Mars hat in der ausverkauften O2-World sein Berlin-Konzert gegeben. Das Publikum ist begeistert und von einer Reifenwerbung genervt.

Wahrscheinlich überlegen sich gerade wirklich ein paar Hundert in der ausverkauften O2-World, bei diesem Reifendiscount Winterreifen zu kaufen, nur weil der Spot jetzt schon zum zehnten Mal gelaufen ist. Und wahrscheinlich haben die gar kein Auto und brauchen auch keine Winterreifen. Aber wenn eine Nachricht zehnmal wiederholt wird, glauben es die Adressaten schließlich. Beim 15. über die großen Bildschirme laufenden Reifenspot werden die Pfiffe schließlich unerträglich laut. Ein Security-Mitarbeiter versucht, die Lage durch La-Ola-Animationen zu entschärfen. Er steht da vorne und beginnt in die Mitte der Halle schauend, die Hände zu heben. Das wiederholt er dann im Uhrzeigersinn kreiselnd mit jedem Block und so macht die von ihm gestartete La-Ola bestimmt drei, vier Runden, bis sie schließlich wieder im Nichts verläuft. Noch einmal Reifen-Werbung und Bruno Mars betritt endlich die Bühne.

Der 28-jährige Hawaiianer, mehr als sechs Millionen Alben und über vierzig Millionen Singles hat er verkauft, lässt einen mehrere Meter hohen Palmenvorhang fallen und beginnt sein Konzert mit „Moonshine“. In Amerika nennt man schwarzgebrannte Schnäpse so.

„Moonshine“ ist in der Moderne das, was zu Zeiten der Wiener Klassik ein Stück gewesen wäre, das von Beethoven, Haydn und Mozart zugleich komponiert wurde. An dem drei Minuten und neunundvierzig Sekunden dauernden Song haben nämlich Jeff Bhasker, Philip Lawrence, Ari Levine, Bruno Mars, Mark Ronson und Andrew Wyatt mitgeschrieben. Sieben Leute hat es gebraucht, um diesen Song zu vollenden, sieben der bestbezahlten und bestgebuchten Songschreiber und Produzenten überhaupt. Bruno Mars begann seine Karriere ja auch nicht als Performer, sondern als Produzent und Songschreiber für andere.

Man muss an Michael Jackson denken

So wie er singt, die Wörter so schnell, fast weiblich hoch, dazu dieser zurückgelehnte Disco-Funk-Bass, man muss an Michael Jackson denken. Den großen, den unendlich tiefen Michael Jackson, der es schaffte, aus Gefühligkeiten moderne Epen zu schmieden. Der ein belangloses Umgangsenglisch wie „She was more like a beauty queen from a movie scene“ klingen lässt, wie die größten denkbaren Worte überhaupt. Mars trägt einen Hut wie Dylan früher, eine Weste und ein Hemd darunter. Er hebt die Arme, er singt davon, dass ihn dieser Moonshine zu den Sternen bringen soll, zu diesem besonderen Ort, den Ort vom letzten Mal. Für ein Lieder über das Trinken klingt das wundervoll poetisch.

Jackson war tatsächlich ein großes Vorbild von Mars, Jackson und Elvis. Mars' Bewegungen erinnern an den King of Pop. Er deutet Moonwalks an, nur mit viel mehr Laissez-faire. Was bei Jackson militärisch präzise ist, ist bei Mars ein traumtänzelnder Schritt. Ohne Socken in Slippern. Die Choreografien von Mars und seiner Band, immerhin drei Bläser, ein Gitarrist, ein Bassist, Keyboarder und Drummer können ja nicht mittanzen, scheinen direkt von den verspielten Jackson Five übernommen. Hopsend, diese naive Freude am Pop, das sind Jackson Five.

Er greift zur Gitarre, er spielt „Treasure“ und „Billionaire“ von Travie McCoy, Mars schrieb den Song für den Rapper, er mixt ihn mit „I Need A Dollar“ von Aloe Blacc. Natürlich muss er „Marry You“ spielen. Es gibt inzwischen tausende von Youtube-Videos, wie irgendein Typ in Idaho oder Ingolstadt seiner Freundin, den Song singend oder mit der Familie einstudiert, einen Antrag macht. Mars singt „Berlin, I wanna marry you“, Berlin, ich will Dich heiraten. Er oszilliert, so auf die Genres pfeifend, zwischen Reggae, Soul und Motown. „Doo-Wops & Hooligans“ so der Titel seines Debüts ist Programm. Doo-Wop ist dieser alte mehrstimmge Dada-Gesang, der Höhepunkt der naiven Popmusik und Mars mischt es mit der Härte eines Hooligans. Er haut in „Marry You“ ein knallhartes Solo hinein. Sein zweites Album heißt „Unorthodox Jukebox“, auch das passt ganz gut. Mars ist tatsächlich eine Jukebox, durch alle Stile, durch alle Epochen hindurch. Am Ende ist sogar die Reifenwerbung vergessen.